Presse - Details

 
08.04.2004

Chronist ohne Botschaft

von Frank Quilitzsch TLZ

Berlin. (tlz) "Ich habe es geschafft. Es geht mir gut", lautet das Ende der Novelle "Der fremde Freund", die Christoph Hein 1982 den Durchbruch brachte. Hein las damals aus dem Buch, das ein Jahr später im Westen unter dem Titel "Drachenblut" erschien, im Jenaer Studentenklub. Schon die Tatsache, dass ein Mann den DDR-Alltag minutiös aus der Perspektive einer Frau schilderte, erregte Aufsehen, und der Report dieser 40-jährigen, kinderlosen, allein lebenden Ärztin, die "in Drachenblut gebadet" hat, um sich die Menschen auf Distanz zu halten, löste heftige Debatten aus. In der Literaturzeitschrift Weimarer Beiträge wurde die Novelle kontrovers diskutiert, und unter Studenten kursierte der Satz, man müsse den Text "gegen den Strich bürsten", um die Lebenslüge bzw. die Verlogenheit der Gesellschaft zu erkennen.

Hein war zu jener Zeit bereits ein gestandener, wenngleich im Osten ungespielter Dramatiker, der als Dramaturg an der Berliner Volksbühne und als Regieassistent von Benno Besson Theatererfahrung gesammelt hatte. Ein Band mit eigenen Stücken lag vor. Doch erst in der Wendezeit sollten seine "Ritter der Tafelrunde" und "Die wahre Geschichte des Ah Q", mit denen Hein - teils auf absurde Weise - frappierende Analogien zur Gegenwart schuf, Furore machen.

In seinem 1980 im Aufbau-Verlag veröffentlichten Debüt "Einladung zum Lever Bourgeois", einer Sammlung meisterhaft lakonischer Kurzgeschichten, hatte der 1944 im schlesischen Heinzendorf geborene und nach Kriegsende in Ostdeutschland gestrandete Hein ein Grundthema angeschlagen, das er erzählerisch immer wieder variieren sollte: die Folgen der deutschen Teilung und des Mauerbaus von 1961. Als Pfarrerssohn durfte er in der DDR keine weiterführenden Schulen besuchen, und so ging er auf ein altsprachliches Gymnasium in Westberlin. Über diese Zeit früher Ost-West-Erfahrung gibt der autobiografische Erzählungsband "Von allem Anfang an" (1998) Auskunft. Übertritte an der innerdeutschen Grenze spielen in Heins Werk immer wieder eine Rolle, so auch in einer Episode seines jüngsten, in Bad Düben angesiedelten Romans "Landnahme".

Sog der Erinnerung

Der sächsisch-anhaltinischen Kleinstadt, in der er aufgewachsen war und die in seinen Büchern Guldenberg heißt, hat der Autor schon in seinem wichtigsten Prosawerk, "Horns Ende" (1985), ein wenig rühmliches Denkmal gesetzt. In dem in den 50er Jahren handelnden Roman treiben unbewältigte NS-Vergangenheit und Intoleranz den nach einem Parteiverfahren strafversetzten Historiker Horn zum Selbstmord. Hein, der sich als Chronist ohne Botschaft bezeichnet, verzichtet in dem Buch auf einen "allwissenden" Erzähler und lässt stattdessen das Geschehen wechselweise aus der Perspektive von fünf Bezugspersonen erinnern, die jeweils ihre eigene Sicht auf die Ereignisse behaupten. Die "Wahrheit" wird zum Puzzle, das der Leser selbst zusammen fügen muss. Heins damaliger Aufbau-Verleger Elmar Faber bewies Mut und brachte "Horns Ende" ohne Druckgenehmigung heraus - ein in der DDR einmaliger Vorgang.

Außenseiter sind auch die Protagonisten der Romane "Der Tangospieler" (1989) und "Das Napoleonspiel" (1993) - der eine spielt vor, der andere nach der Wende. In "Willenbrock" (2000) wird ein unbescholtener Mensch zum Täter, weil er sich auf eigene Faust gegen eine Bande von Einbrechern und Autodieben zur Wehr setzt.

Der Dramatiker, Erzähler und glänzende Essayist Christoph Hein, der am heutigen Donnerstag 60 Jahre alt wird, formulierte als sein Schriftstellercredo: "Ich versuche, was ich gesehen, gehört und erfahren habe, wertfrei aufzuschreiben, ohne jede moralische Wertung - die will ich gern dem Leser überlassen. Ich schätze die Moral im Privaten, in der Literatur aber ist sie fehl am Platz wie eine Ideologie." Seine Stücke sind in den 90er Jahren in Jena, Weimar, Altenburg und Gera aufgeführt worden.