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19.06.2004

Chronist einer versunkenen Welt - Wulf Kirsten zum 70.

von Frank Quilitzsch TLZ

Diesmal treffen wir uns nicht im mit Büchern verbarrikadierten Weimarer Arbeitszimmer, von wo man beständig den Ettersberg, jenen janusköpfigen "Buckel" deutscher Geschichte, vor Augen hat. Heute fahren wir zum Städtele hinaus, ins hügelgrüne Land, in jene Gegend zwischen Weimar, Jena und Rudolstadt, die der Dichter gern das "unentdeckte Thüringen" nennt.

"Nach Röttelmisch", sagt Wulf Kirsten.

"Wohin?"

"Nach Röttelmisch!"

Röttelmisch liegt bei Zweifelbach und Gumperda im Reinstädter Grund. Schmiegt sich an einen verkarsteten Bergkamm, auf dem das Mufflon weidet. Im Walddickicht lauert der Uhu. Mehr sollte man nicht verraten, denn diese Landschaft ist noch einigermaßen intakt, da von Touristen verschont, und so soll es bleiben. Im Frühjahr hat sich Kirsten vierzehn Tage in Röttelmisch einquartiert und zwei neue Prosaarbeiten verfasst, die von der Nachkriegszeit handeln. In den Schreibpausen schwärmte er über die Wiesen aus. "In Weimar komme ich nicht zum systematischen Arbeiten, dort werde ich dauernd abgelenkt", begründet er die gelegentlichen Ausflüge an auserwählte Orte, die zwei Grundbedingungen erfüllen: "Ich muss wandern können. Niemand darf sich durch meine Schreibmaschine gestört fühlen."

Im Landgasthof von Familie Schachtschabel wies man dem Dichter ein Hinterstübel zu, mit Blick in den Garten, und das Geklapper der Tasten scheuchte nur die Vögel von den Kirschbäumen auf.

"Haben Sie die Nachtigall gehört, Herr Kirsten?" fragt Frau Schachtschabel, als wir das Gehöft betreten. Nein, die Singvögel waren damals noch in ihrem Winterquartier. "Bis gestern hat sie gesungen." Wir halten für einen Moment die Luft an in der Hoffnung, die Nachtigall sei unbemerkt zurückgekehrt, hören aber nur die Schwalben, die unterm Scheunendach ein und aus fliegen und ihre Nester bauen. Auf der Gartenbank döst die Katze.

Man soll sich nicht wie Schmidts Katze aus der Welt schleichen, habe ich bei Wulf Kirsten gelesen. Das hat er nie getan. Er schleppt die Welt immer mit sich, ganz gleich wo er geht, steht oder lagert.

Die "Welt", das war für den im sächsischen Klipphausen bei Dresden-Radebeul geborenen und als Ältester von fünf Geschwistern aufgewachsenen Wulf Kirsten lange Zeit eine dörfliche - "die Enge des zusammengedrückten Hofes, eine Faltschachtel, die sich nicht entfalten ließ", wie er in seinen Kindheitserinnerungen "Die Prinzessinnen im Krautgarten" schreibt. Der Vater war Steinmetz, aber die Familie ernährte sich zusätzlich von einer kleinen Landwirtschaft. Unvergessen ist Kirsten bis heute der "Roggenduft, in dem eine Vorahnung von Brotgeschmack aufwölkt". Erst mit sechsundzwanzig verlässt der gelernte Kaufmann sein Heimatdorf, um an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Leipzig ein Lehrerstudium für Deutsch und Russisch aufzunehmen. Schon als Student wird er freier Mitarbeiter beim Wörterbuch für sächsische Mundarten.

Wie er nach Weimar kam? Wulf Kirsten lehnt sich auf dem Stuhl zurück. "Peter Goldammer", erzählt er, "baute 1965 ein Lektorat auf und brauchte auf einen Schlag sechs neue Lektoren. Fünf hatte er schon. Ich wurde als sechster nach Weimar ,umgelenkt´, das war das Wunder in meiner Biografie. Sie wussten ja nicht, dass ich durchs Staatsexamen geflogen war. Ich habe es später mit Ach und Krach nachgemacht."

Literarische Ambitionen spielten bei der Vergabe der Lektorenstelle des Aufbau-Verlags, Bereich deutsches Erbe, keine Rolle, im Gegenteil, "wenn sie gewusst hätten, dass ich selber schreibe, hätten Sie mich nicht genommen", ist sich Kirsten sicher. Kurz nach seinem Antritt in Weimar erschienen in der Wochenzeitschrift "Sonntag" drei Gedichte von ihm, darunter "Die Erde bei Meißen". Wie wohl hätte man reagiert, wäre bekannt geworden, dass seine allererste literarische Veröffentlichung unter dem Pseudonym Mendel Moreno im Westen erfolgte?

Der aufstrebende Dichter vertiefte sich in die Literaturgeschichte und machte sich auch als Herausgeber einen Namen. Bis 1987 arbeitete Kirsten zweigleisig, stellte mit Konrad Paul die dreibändige Anthologie "Deutschsprachige Erzählungen 1900-1945" zusammen. Seine Bibliografie verzeichnet 56 Herausgaben, darunter 16 Bände der 1997 begonnenen "Thüringen Bibliothek" und der nachfolgenden "Edition Muschelkalk".

Aber zurück zum Schriftsteller Kirsten, der heute vor allem als Landschaftsdichter eine herausragende Position in der deutschsprachigen Lyrik besetzt. Man braucht sich nur die Titel seiner zuletzt erschienenen Gedichtbände vor Augen zu halten, besser noch: im Ohr klingen zu lassen, um einen ersten Eindruck von der lautmalerischen Eigenart zu gewinnen: "Stimmenschotter" (1992), "wegrandworte" (1997), "Wettersturz" (1999). Selbstredend heißt der in diesem Frühjahr vom Ammann-Verlag herausgegebene Jubiläumsband "Erdlebenbilder" - ein Querschnitt von Kirstens Lyrik aus 50 Jahren.

Als sein wichtigstes Leseerlebnis nennt Wulf Kirsten den Roman "Levins Mühle" von Johannes Bobrowski. Den 1965 verstorbenen Dichter hatte er noch am Messestand kennengelernt. Kirstens frühes Gedicht "sieben sätze über meine dörfer" geht auf Bobrowski zurück, der seinen Roman im Untertitel "34 Sätze über meinen Großvater" nannte. Anregungen fand Kirsten auch bei Peter Huchel, Günter Eich und dem heute fast vergessenen Theodor Kramer - Vertreter einer naturnahen, sozialkritischen Lyrik.

Sein Thema ist die in der Veränderung erlebte dörfliche Landschaft. Der "Wortarbeiter" Kirsten idealisiert das Landleben nicht, sondern zeigt es in seiner Härte und Veränderung. Wandernd erkundet er das Terrain, kommt mit Leuten ins Gespräch, am Wegesrand oder in der Bahn: "ob du willst oder nicht, du mußt / ein offenes ohr haben für die nöte / der mitreisenden nachbarn auf zeit, / dann erfährst du in gezwängter und / bedrängter position, wo den mitmenschen, / der schuh drückt ...", heißt es in einem 1998 verfassten Gedicht. Und nicht weniger prägend für die entstehenden "Textlandschaften" sind historische Ereignisse und Überlieferungen.

Wulf Kirstens Credo: Finden statt erfinden. "Ich kann nur aufnehmen, wenn ich zu Fuß gehe", erklärt er und verzichtet bei seinen Erkundungen auf das Auto. "Schon wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, ist die Beobachtung eingeschränkt, denn da muss ich ja in erster Linie auf den Verkehr achten." Trotz seines fortgeschrittenen Alters begibt sich der Dichter weiter auf ausgedehnte Fußmärsche, wandert bis zu 30 Kilometer am Stück. Eine seiner Lieblingsrouten führt von Weimar nach Orlamünde auf dem Kammweg an Röttelmisch vorüber: "Man kann von Magdala, von Blankenhain oder von Lohma aus laufen, aber es muss immer über Plinz und Beckerskirchhof gehen", schwört Kirsten. "eine schlichtwollige landschaft / wirrsträubig gebauscht und verbuscht", protokollierte er in "feldwegs nach orlamünde".

Reiner Kunze ermunterte ihn einst, in seiner Lyrik das ökologische Problem mitzusehen. "Die Natur als solche gibt es nicht mehr", konstatiert Kirsten. "Was ich darstelle, ist bearbeitete Natur. Und immer größere Areale werden mit brachialer Gewalt zu Gewerbegebieten geschlagen." Was bleibt vom Lebensraum Dorf? - Schonungslos geben Kirstens Gedichte Auskunft: "die zersiedelte siedlung, / wie sie verwegen abhängt, / zerfleddert und zerpflückt / zwischen wilden müllkippen, / die sich verzetteln / von unort zu unort ..."

Er habe kürzlich einen von den alten Bauern besucht, erzählt Kirsten, das seien hier "die letzten Mohikaner". Das Bodenständige sterbe aus, und in der Sprache unterliege das Konkrete dem Abstrakten. "Ich bin Chronist einer versunkenen Welt."

Anerkennung für sein literarisches Werk fliegt dem Dichter von vielen Seiten zu - vom Peter-Huchel- und Heinrich-Mann-Preis (1987/89) über den Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis (1994) bis zum Deutschen Sprachpreis (1997) und dem Schillerring (2002). Kirsten war Stadtschreiber von Salzburg, Dresden und Bergen-Enkheim. Vor einem Jahr hat ihm die Friedrich-Schiller-Universität Jena "für sein herausragendes lyrisches, erzählerisches und essayistisches Werk" die Ehrendoktorwürde verliehen.

Dr. phil h. c. Kirstens Verhältnis zur Klassikerstadt, die ihn 1994 mit dem Weimar-Preis ehrte, bleibt reserviert. Sein Fazit: "Weimar ist eine Kleinstadt, die dem Kulturdruck nicht gewachsen ist." So manch kritisches Gedicht hat er seiner Hausheiligen gewidmet, auch in jüngster Zeit. In dem 2003 erschienenen Band "Der Berg über der Stadt" - mit Fotografien von Harald Wenzel-Orf - geht Kirsten dem Spannungsverhältnis zwischen Goethe und Buchenwald nach.

Schön, dass es noch Orte wie Röttelmisch gibt, wo man sich entspannen kann. Wo man noch dörfliches Leben spürt. Möge dem Landgasthof der Familie Schachtschabel ein langes Leben beschieden sein. Was er sich selber wünscht? "Noch ein paar Jahre einen klaren Kopf, der mir das Schreiben ermöglicht!"

Nein, über Röttelmisch habe er noch nichts gedichtet, bedauert Kirsten, der gern "saalüberwärts ins Orlatal" blickt, wo "ein biergarten schäumt". Wir trinken unser Schwarzbier aus und scheiden beschwingt.

ZUR SACHE

"Die Kirsten-Sprache ist eine Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust", lobt Martin Walser. Die Philosophische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Wulf Kirsten den Ehrendoktortitel verlieh, würdigt seinen "unermüdlichen Einsatz zugunsten unterdrückter, verdrängter und missverstandener literarischer Traditionen" und seine "den Zäsuren von 1945 und 1989 gewidmete hartnäckige Arbeit aufklärend-verpflichtender Erinnerung".

Der im sächsischen Klipphausen geborene und seit 1965 in Weimar lebende Lyriker, Erzähler, Essayist und Herausgeber wird am Montag siebzig. Aus diesem Anlass findet im DNT Weimar eine festliche Lesung statt, an der neben Kirsten auch die Autoren Gisela Kraft, Wolfgang Haak und Ulf Heise sowie Christine Hansmann (Gesang) und Mario Wiegand (Klavier) mitwirken. Im Jenaer Glaux-Verlag ist die Festschrift "Landschaft als literarischer Text - Der Dichter Wulf Kirsten" erschienen. Der Ammann-Verlag, Zürich, brachte zum Jubiläum den Band "Erdlebenbilder - Gedichte aus 50 Jahren" heraus.

Lesungen: 21. Juni, 19.30 Uhr, DNT Weimar; 24. Juni, 20 Uhr, Buch Habel in Erfurt