Presse - Details

 
10.06.2003

Chronik der Verlogenheit des SED-Regimes

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Roman Grafe liest am 15. Juni aus Die Grenze durch Deutschland auf Burg Ranis

Am 20. Juli 1964 sind drei junge Arbeiter aus Neustadt
in Kießling in Richtung DDR-Grenze unterwegs. Zwei ortsansässige Jugendliche melden die Fremden einem Offizier der Grenzerkompanie in Schlegel. Sofort wird nach den drei Neustädtern gefahndet. Die jungen Männer geraten gegen 18.45 Uhr an einen Grenzer, dieser schießt, sie
entkommen aber. Etwas später - es sind nur noch 300 Meter bis zur Grenze - laufen sie einem weiteren Posten über den Weg. Ein Soldat schießt über die drei Männer hinweg, zwei Gejagte suchen Deckung, der dritte läuft weiter.
Ein Unteroffizier befiehlt dem Soldaten, wieder zu schießen - 20 Meter vor dem Stacheldraht bricht der Flüchtende verletzt zusammen. Gegen 20 Uhr, auf
dem Weg ins Ebersdorfer Krankenhaus, stirbt der Neustädter Kurt Windzus im Alter von 26 Jahren. Die aufmerksamen Bürger aus Kießling werden mit Geld belohnt, der treffsichere Schütze und sein Unteroffizier sollen
befördert, der Kompaniechef belobigt worden sein.
Das ist eine der vielen traurigen Episoden, die sich an der
innerdeutschen Grenze von 1945 bis 1990 abgespielt haben. Dokumentiert ist sie in einer Chronik dieser Jahre in Probstzella und Umgebung, die der Journalist Roman Grafe im über 500 Seiten fassenden Buch Die Grenze durch Deutschland veröffentlicht hat. Den Band hat im vergangenen Jahr der
Siedler Verlag Berlin herausgebracht, mittlerweile gibt es eine zweite, verbesserte Auflage.
An unblutig verlaufene Episoden wird ebenso erinnert, etwa an die weltweit bekannte und in der DDR Schule machende Ballonflucht der Pößnecker Familien Strelzyk und Wetzel im September 1979. Einem Mechaniker der Karl-Marx-Werke in Pößneck gelingt es im Juni 1987 bei Lichtentanne, die
Grenze unverletzt zu überwinden, drei Tage später kehrt er zu Frau und Kindern in die DDR zurück.
Das düstere Kapitel der Zwangsaussiedlungen aus dem ehemaligen Sperrgebiet wird u. a. am Beispiel der 1961 nach Ranis verbrachten Hedwig Dieder dokumentiert. Die Nazis hatten sie um ihre Urheimat Ostpreußen gebracht, die DDR riss ihr die frischen Wurzeln in Probstzella heraus -
zu ihrem eigenen Schutz, wie es damals zynisch hieß.
Nebst nüchternen Berichten zu vereitelten oder gelungenen Fluchten - bemerkenswert die fünfstellige Zahl der DDR-Uniformierten, die ihrem Staat den Rücken kehrten - dokumentiert das Buch die Entwicklung des Eisernen
Vorhanges und den Alltag im ehemaligen Sperrgebiet. Die Lebensläufe einer Reihe von Tätern und Opfern werden mit Interviews sowie mit einer ernüchternden Bilanz der Grenzschützenprozesse nachgezeichnet. Roman Grafe
macht deutlich, dass an der Grenze keine abstrakten Wesen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut denunzierten, schossen, starben.
Eine Frau aus Grimma, die im Juni 1973 bei Spechtsbrunn durch eine Mine ein Bein und durch Schüsse ihren aus Ungarn stammenden Freund verlor, fragt sich in dem Buch, wo denn heute die Kommunisten von einst alle sind.
Manche haben auch nach der Wende Karriere gemacht. So ein
Ex-Grenzerkompaniechef, der ungezwungen von Probstzella nach Ludwigsstadt aussiedelte und dort zum Kreisgeschäftsführer eines Wohlfahrtsverbandes aufstieg. Der letztlich nur kurzen West-Laufbahn des berühmt-berüchtigten DDR-Offiziers stand Uwe Hiksch, im Orlatal als PDS-Politiker bekannt, Pate.
Beim Lesen der Chronik läuft es einem mitunter kalt den Rücken runter.
Die Fakten, die sich u.a. auf ehemals interne Unterlagen verschiedenster DDR-Organe stützen, entlarven die Verlogenheit des SED-Regimes und räumen mit Legenden auf, die von alten Kadern und deren Mitläufer heute noch
verbreitet werden.
Die Grenze durch Deutschland ist ein Buch zum Lesen und Wiederlesen. Abschnitte daraus bringt Roman Grafe am kommenden Sonntag, 15. Juni, ab 17Uhr auf der Burg Ranis anlässlich der Thüringer Literatur- und Autorentage zu Gehör.