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03.09.2011

Carola Gruber Stadtschreiberin von Ranis

von Marius Koity Ostthühringer Zeitung

Abergläubisch sei sie nicht, sagt Carola Gruber. Vielmehr stehe sie auf schräge Zahlen. Das ist gut, ist sie doch die 13. StadtschreiberIn von Stadtoberhaupt Andreas Gliesing führte die 27-jährige Schriftstellerin am Donnerstagabend mit Ernennungsurkunde und allem drum und dran in ihr einjähriges Amt ein. Auch Andreas Berner, Vorsitzender des Pate stehenden Lese-Zeichen e. V., begrüßte die Neue vor etwa 35 Neugierigen in der Schmiede ganz offiziell. "Die Landschaft hier gefällt mir schon mal gut", sagte die Autorin, die sonst in München lebt. Unter rund zwanzig Bewerbern habe sich Gruber durchgesetzt, und zwar mit ihrer "sprachlichen Genauigkeit", wie Lese-Zeichen-Urgestein Dr. Martin Straub erklärte. Sie schreibe "nicht so die konfektionierte Kuschelprosa", die jungen Autoren oft eigen sei. In der Tat muss man bei Grubers Kurzprosa genau hinhören, um am Reiz teilhaben zu können. Mit hintergründigem Witz schreibt sie über Dinge, die möglicherweise erst durch sie Eingang in die Literatur gefunden haben, etwa Aufbewahrungssysteme, die einem ihrer am Donnerstag verlesenen Texte auch den Namen geben. Ein "Reisewörterbuch" sei ihr aktuelles Projekt, bei dem sie sich mit Begriffen wie "Zurückbleiben" und "Reisetouristen" beschäftigt. Wie sie Ranis verewigen wird, was ja zum Stadtschreiber-Job gehört, weiß Gruber am ersten Arbeitstag freilich noch nicht.Dafür ist Wehwalt Koslovsky am Ziel. Das Ranis-Jahr hat den am Donnerstag verabschiedeten 12. Stadtschreiber zu seinem längsten je geschriebenen Text verleitet. Die 60-seitige Erzählung "Die Felder von Ranis" sei eine Aufgabe gewesen, "an der ich gewachsen und irgendwie gereift bin", sagte der in Berlin lebende 39-jährige Performance-Poet wehmütig. Seine Vortragskunst machte die Lesung mit Auszügen aus dem Manuskript seines deutsch-englischen Werkes zum Genuss. In diesem geht es um einen zunächst an Sprachlosigkeit leidenden Autor und um die Frage, was Goethe verpasst hat, weil er nie nach Ranis fand. Der Ich-Erzähler zerbricht sich auch den Kopf, ob er denn schuld sei an Fukushima, weil er sich für eine Japan-Reise, die er kurz vor dem Unglück antrat, eines der in Japan regelmäßigen Erdbeben als kindisches Erlebnis gewünscht hatte. Koslovsky stand sich für seine Geschichte selbst Porträt. "Die Felder von Ranis" müssen erst noch gedruckt werden. Das Buch soll in einem "Nach-Stadtschreibergespräch" vorgestellt werden. Koslovsky will die Burgstadt ansonsten im Auge behalten. Schmiedenwirt Hubert Weiße mit Faschingslametta auf dem Kopf, das beispielsweise müsse er unbedingt noch einmal sehen.