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12.09.2002

Burg und Brief: Palmbaum 2/2002

von Heinz Stade TLZ

Neben allerhand Neuem bisher öffentlich unbekanntes Altes aus literarischen
Schreibstuben Thüringens - so zeigt sich das Heft 2/2002 des literarischen
Journals aus Thüringen.

Das "Palmbaum"-Titelthema "Burgen-Romantik" am Beispiel von Rudelsburg und
Saaleck scheint sommerlich daher zu kommen. Es will aber wohl vor allem
Gegenteiliges bewusst machen: Lieber Wanderer, kommst du zu den Vesten an der
Saale hellem Strande, dann wisse, dass die Rudelsburg beileibe nicht bloß ein
guter Ort zum Saufen war und ist. "Zwar die Ritter sind verschwunden, / Nimmer
klingen Speer und Schild, / Doch dem Wandersmann erscheinen / Auf den
altbemoosten Steinen / Oft Gestalten, zart und mild." So heißt es im 1826
entstandenen berühmten Lied von Franz Kugler. Er konnte nicht wissen, was ein
Jahrhundert nach ihm unter den zerfallenen Dächern der "Burgen stolz und kühn"
für düstere und gefährliche Gedanken gesponnen wurden.

Mit ein wenig Verspätung - die gehört zu dem Journal schon fast dazu wie die
Palme auf dem Titelblatt - widmet sich das Heft dem 90. Geburtstag von Inge von
Wangenheim (1912-1993). Auszüge aus einem bemerkenswerten, bisher nicht
publizierten Briefwechsel zwischen der erfolgreichsten Autorin Thüringens und
einem im damaligen Westen lebenden Juristen in den Zeiten des Kalten Krieges
macht den Zeitverzug wett.

Ein Höhepunkt schließlich auch der mit "Die moralische Anstalt" überschriebene
Beginn eines Theaterromans von dem der Leserschaft dieser Zeitung bestens
bekannten Matthias Biskupek. Er erobert darin das in den Farben des
Nachbarlandes Bayern gestrichene Theater seiner Heimatstadt Rudolstadt um 1975
mit den Augen eines Leitenden und sympathisierenden Schreibers. Nach der Lektüre
der ersten Seiten ist es gut vorstellbar, dass es nach Fertigstellung dieses
Romans einen Anhang geben muss. Er dürfte das Unmoralische am Sparprogramm zur
Neuordnung der Thüringer Theaterlandschaft satirisch betrachten.

"Palmbaum", quartus Verlag, 5,50 Euro.