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26.06.2010

Burg Ranis: Massiv, rauh, doch mit Charme

von Frank Quilitzsch TLZ

Imposant thront Burg Ranis über der Stadt: Die mittelalterliche Anlage beherbergt ein Museum sowie die Literatur- und Kunstakademie. Foto: Peter Michaelis

 Burg Ranis erhebt sich einzigartig in der Ostthüringer Landschaft und lockt mit Historie und Literatur. Die Burg ist eine weitere Station in unserer Serie "Schatzkammer Thüringen".

"Sie ist massiv, von rauem Charme und unbezwinglich", lobt Susanne Wündsch. "Und sie hat alles, was eine mittelalterliche Burg braucht", ergänzt Brigitte Krause: "eine Wehrmauer, Zugangstor mit Zwinger, Schießscharten mit Prellhölzern und ein Verlies. Von der Zugbrücke existiert leider nur noch die Aufhängung." Wir stehen auf dem gepflasterten Hof der Burg Ranis und schauen an den schroffen Felswänden hinab auf die Stadt. Mit den Prachtbauten der Fürsten und Feudalherren könne die Anlage zwar nicht konkurrieren, denn sie gehöre nicht zur höfischen Kultur, dafür sei ihre landschaftliche Lage einzigartig und der Ausblick berauschend, sind sich die Begleiterinnen einig. Ranis liegt nicht weit von Pößneck im sanft hügeligen Ostthüringer Land.


Die Frauen kennen hier oben jeden Winkel, denn sie verwalten die Anlage im Auftrag der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Die Jüngere, Susanne Wündsch, erst seit einem Jahr. Brigitte Krause hat bis zum Stabwechsel die umfangreiche Sanierung mitgemacht - seit 1995 wurden acht Millionen Euro investiert, davon 1,7 Millionen von der EU. Das Dach und der stadtseitige Giebel mussten erneuert werden. Bis 2008 entstanden im Südflügel attraktive Tagungs- und Begegnungsstätten, die man auch für Trauungen mieten kann. Heute leuchtet die Fassade wieder hoch über der 2000 Einwohner zählenden Stadt in ihrem historisch verbürgten Kalkweiß.

Man sieht die schon 1008 erwähnte, auf einem Felsrücken errichtete Burg, deren überlieferte Grundzüge aus dem 13. und 14. Jahrhundert stammen, schon von weitem. Ursprünglich nahm sie eine wichtige Stellung im Saale-Orla-Gau als Grenzfeste gegen die Slawen ein. 1208/20 gelangte Ranis an die Grafen von Schwarzburg, die die Burg ausbauten und 1389 an die Herzöge von Sachsen abtraten. Herzog Wilhelm III. vermachte sie 1463 der Familie von Brandenstein, die sie 1571 an die Herren von Breitenbauch verkauften. Die mit repräsentativen Erkern versehene schlossähnliche Burg ist eine der schönsten ihrer Art in Thüringen. Der Weimarer Komponist Mario Wiegand adelte sie mit seinem Musikstück "Giebelstern", und die Dichterin Gisela Kraft hat der Feste, die unter sich mit der Ilsenhöhle einen der bedeutendsten Fundplätze altsteinzeitlicher Kulturen Mitteldeutschlands birgt, 2006 ihr "Ilselied" gewidmet: "einmal in der ewigkeit", heißt es da, "schweigt das ruhmgeläute, / misst ranis sich am weltenlauf, / tauscht gestern gegen heute, // setzt ins werk die goldne zeit. / poeten schreibens auf."

Die Literaten sind neben den Burgfreunden, die mittelalterliche Events organisieren, die neuen Herren ohne Herrschaftsanspruch. Der Lese-Zeichen e. V. logiert im Torhaus und veranstaltet monatliche Lesungen und jeden Sommer im Verbund mit anderen Vereinen, der Stadt, dem Landkreis und regionalen Sponsoren die Thüringer Literatur- und Autorentage. Das bringt wieder Leben in die Festung, die teilweise zum Renaissanceschloss umgebaut wurde und seit 1926 über ein Museum verfügt.
 

Kein Heimatmuseum im üblichen Sinn, betont Brigitte Krause, denn es birgt neben archäologischen Fundstücken und Exponaten zur Burggeschichte auch eine Porzellansammlung, Zeichnungen und Gemälde regionaler Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts, Plastiken und barocke Möbel und - was man wirklich nicht vermutet - ein seismologisches Kabinett.

Der Rundgang führt an kompakten Einbaumtruhen - den Tresoren des Mittelalters - und altsteinzeitlichen Funden aus der Ilsenhöhle vorbei: Lanzenspitzen, Feuersteingeräte und Zähne vom Höhlenbär. Ein eigenes Kabinett hat man dem Porzellan- und Glasmaler Franz Huth (1876-1970) gewidmet. Im oberen Geschoss ist die kleine Waffensammlung und eine Präsentation zur Burggeschichte untergebracht. 

 

Spannung verspricht das seismologische Kabinett mit seinen 26 Originalseismographen und geophysikalischen Geräten verschiedener Typen und Baujahre. Einige sind noch im Betrieb. Ein Spiegelgalvanometer tickt leise vor sich hin, aus dem Nachbarraum locken Geräusche wie von einem Spielautomaten. Die Ausstellung zur Erdbebenkunde ist in Zusammenarbeit mit dem nahe gelegenen Geodynamischen Observatorium in Moxa entstanden und veranschaulicht in einem Modell auch die tektonischen Bewegungen Mitteleuropas. Zum Schluss kann man durch die Bodenluke in die Gefängniszelle abtauchen, die von den Landräten - natürlich nur in früheren Zeiten - zur Bestrafung ihrer Untertanen genutzt wurde.

 
Einen Hungerturm besitze man auch, erklärt Ex-Verwalterin Krause, doch gottlob sei niemand darin gestorben. Ergo liegt kein Fluch auf der Burg, im Gegenteil, sie strahlt jungfräulich im Sonnenlicht. Wir stehen im Würzgärtchen, das vielleicht auch Wirtsgärtchen heißt, und schauen zu, wie die Falken durch eine Öffnung in der Burgmauer ein- und ausfliegen. Die Alten füttern ihre Jungen. Gastronomie sei auch wieder vorgesehen, sagt Susanne Wündsch, dafür wolle man im Südflügel das Untergeschoss herrichten. Ab 2012 soll, sobald finanzielle Mittel fließen, die Vorburg im Bestand saniert werden. Da kommt noch ein interessantes Stück Arbeit auf die Kunsthistorikerin zu.

Museum Burg Ranis: Di-So 10-17 Uhr

Zu unserer Serie (Folge 9)

Von Eisenach bis Greiz und von Schmalkalden bis Sondershausen erstreckt sich das "Reich" der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Mit einem Masterplan soll sie ihre 31 Liegenschaften Schlösser und Burgen, Klöster, Gärten und Parks intensiver für den Kulturtourismus erschließen. Denn diese "Schatzkammer Thüringen" sucht dank ihrer Vielseitigkeit und regionalen Dichte europaweit ihresgleichen. Doch auf der 1994 gegründeten Landesstiftung lastet ein Sanierungsstau in dreistelliger Millionenhöhe. Dem steht ein Investitionsetat von 5,8 Millionen Euro jährlich gegenüber.

TLZ-Redakteure durchstreifen diese "Schatzkammer", und sie berichten, wo der Besuch lohnt und was noch im Argen liegt.