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20.08.2011

Buchtipp: Reiner Kunzes traumhafte Sammlung von Kindergedichten

von Martin Straub TLZ

Als Dichter lehrt er vor allem das Staunen: Reiner Kunze, der mit wunderbarer Leichtigkeit Gedichte für kleine, größere und ganz große Kinder verfasst hat. Foto: dapd

Als Reiner Kunze im Mai diesen Jahres in Büßleben und Jena las, gab er seinen Zuhörern Gedichte aus diesem Band mit auf den Heimweg. Man konnte es den Mienen seines erwachsenen Publikums ansehen, was diese Gedichte bewirken: Freundlichkeit und ein heiteres Besinnen. Denn es sind Verse, die die Welt neu entdecken lassen. Und Welt-Entdeckung ist für Kunze immer auch Naturentdeckung.

Seht genau hin, sagt er den kleineren, größeren und noch größeren Kindern, aber auch den Müttern, Vätern, Großmüttern und Großvätern. Jedes Detail ist wichtig. Etwa bei dem blühenden Holunder. Oder in dem Kapitel mit zwölf vierblättrigen Blumengedichten. Jede Verszeile ein Blumenblatt. Über das bescheidene Hirtentäschel heißt es: "Frühling, Sommer, Herbst und Winter blüht/ das Hirtentäschel, dessen Blüten der nur sieht, / der Frühling, Sommer, Herbst und Winter sich bemüht, / zu sehen, wie das Hirtentäschel blüht."

Der Dichter lehrt das Staunen. Und er schreibt Verse über die vielfarbig blühende Linde, über die Geheimnisse des "Nußbaums" (Kunze schreibt ihn mit ß). Und zudem erfährt man ungeheure Neuigkeiten. Da flüsterten selbst die Erwachsenen in Jena beim Hören, das habe man nicht gewusst. Etwa wie die Elefanten hören: "Wüstenelefanten / hören mit den Füßen / fern noch die Verwandten / mit den Füßen grüßen ..." Oder wie sich das Männchen und das Weibchen des Seidenlaubenvogels im Regenwald begegnen, eine geradezu unerhörte Liebesgeschichte. Man lese die "Anmerkungen für Kinder, die schon viel verstehen".

Wohltuend ist: Kunze kindertümelt nicht. Der Zeigefinger wird nur ab und zu ganz sanft erhoben. Als wolle er sagen, haltet mal ein: In dieser bilderüberfluteten Welt mit ihren scharfen Konflikten gibt sie es noch immer, die Wunder der Natur, wie das von der Wegwarte oder vom Klatschmohn und dem Gänseblümchen. Manches Gedicht spricht davon, wie die Achtung vor der Natur und Mitmenschlichkeit zusammenhängen, so das von der "Biene auf dem Meer". Die Form der Gedichte ist von erstaunlicher Vielfalt. Zwei fallen besonders ins Auge, "Tauwetter" und "Dunkle Wolke". Spätestens hier ist nun von den wunderschönen Bildern des Münchner Malers Horst Sauerbruch zu sprechen. Sie sind nicht bloße Illustrationen, sondern eine kongeniale bild-künstlerische Umsetzung dieser Gedichte. Wort und Bild leben von einer heiteren Leichtigkeit. Nichts wirkt da angestrengt. Ihr Grundgestus ist Freundlichkeit. Und man merkt, dieser Lobpreis der Natur hat beiden Künstlern Spaß gemacht.
Und noch eines: Die drei "Zugaben" des Bandes verraten, Dichter und Maler nehmen die Kinder ernst. Ja, sie bewundern ihre Phantasie und ihre Fragen. Vielleicht hat sich ja der Dichter beim Niederschreiben an die eigene Kindheit erinnert, als ihm die Mutter im Lied die Volkspoesie nahe brachte.

Reiner Kunze: Was macht die Biene auf dem Meer? Gedichte für Kinder, Mütter, Väter, Großmütter und Großväter. Mit Bildern von Horst Sauerbruch, Frankfurt a.M., 77 S., 14.95 Euro.