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19.04.2015

Buchpreisträger Lutz Seiler: „Wollte nicht über Hiddensee schreiben“

von Frank Quilitzsch TLZ

Lutz Seiler erhielt im Oktober 2014 für seinen Roman „Kruso“ den Deutschen Buchpreis. Am 6. Mai liest er daraus beim „Lesarten“-Festival in Weimar. Foto: Arne Dedert intern

Der in Gera geborene Schriftsteller und Deutsche Buchpreisträger Lutz Seiler über Erfolg und Scheitern, den Bestseller „Kruso“ und seine thüringischen Wurzeln.

Herr Seiler, sitzen Sie im Peter-Huchel-Haus?
So ist es.

Dort wohnte nicht nur der unvergessene Huchel, sondern auch Erich Arendt, waren Leute wie Heinrich Böll, Max Frisch, Günter Kunert und Wolf Biermann zu Besuch. Ist das nicht ein gutes Quartier für einen Dichter?
Auf jeden Fall ein besonderer Ort. Der genius loci hat mich nie gestört. Im Gegenteil, ich kann hier sehr gut arbeiten. Peter Huchel ist natürlich immer gegenwärtig, aber meistens gerade in einem anderen Zimmer.

Sie waren in letzter Zeit viel unterwegs. Hat der Deutsche Buchpreis Ihr Leben verändert?
Er hat die Aufmerksamkeit auf mein Buch und mein Werk erhöht. Darüber freut man sich natürlich als Schriftsteller. Aber wenn man wie ich schon zwanzig Jahre im Literaturbetrieb dabei war, wirft einen so ein Erfolg nicht mehr aus der Bahn. Es geht eher darum, die eigene Schreibexistenz zu beschützen. Die Lesereise, die noch bis Juni andauern wird, gehört zur Arbeit dazu. Aber wenn sie vorbei ist, werde ich mit Freuden in meine Schreibhöhle zurückkriechen.

Um mit der Fortsetzung des „Kruso“-Romans zu beginnen?

Im Moment bin ich total absorbiert – nicht nur durch die Lesungen, auch durch Übersetzer-Anfragen und die Diskussion um die Verfilmung. Aber ich hätte schon Lust, ein Buch zu machen, das an „Kruso“ anschließt.

Sie müssen die „Lücke“ füllen: Der Roman endet mit der Grenzöffnung, und im Epilog erfährt man wie nebenbei, dass Kruso 1993 gestorben ist?
... Ganz genau. Das ist die Handlungszeit für den Roman, der sich anschließen könnte. Ich habe schon relativ viel Material dafür gesammelt und auch schon daran gearbeitet, weil das eigentlich der Roman werden sollte, der dann „Kruso“ wurde?... Mit dem ursprünglichen Roman bin ich damals gescheitert.

Sie wollten gar nicht über Hiddensee schreiben?
Hiddensee war darin nur eine Episode. Ich war seinerzeit in der Villa Massimo und kniete auf dem Stoff, doch er wollte sich einfach nicht fügen. Ich hatte mich bereits vom Romane-Schreiben verabschiedet und wollte in den Heimathafen der Gedichte zurückkehren. Ich habe dann Rom gesehen, was ja auch schön war, und irgendwann hat meine Frau gesagt: Schreib doch wenigstens eine kleine Erzählung über Hiddensee, der Stoff hatte mir gefallen. Das sollte nur ein winziges Rückblickkapitel in dem gescheiterten Roman werden. Am Ende sind dann aus zehn Seiten fünfhundert Seiten geworden.

Vielleicht war die Nachwende-Zeit noch zu frisch für eine epische Verarbeitung?
Kann sein. Jedenfalls habe ich jetzt das Tableau und die Figuren und damit auch das Gefühl, dass ich den ursprünglich geplanten Roman tatsächlich schreiben könnte. Man weiß ja, dass die Aussteiger und Ausgestoßenen von Hiddensee nach dem Mauerfall wie eine Wanderdüne nach Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg gezogen sind und dort die ersten neuen Cafés und Kneipen eröffnet haben. Das wäre die Szenerie für die Fortsetzung.

Die auch von Ihren Lesern eingefordert wird?
Klar, ich werde bei Lesungen immer wieder gefragt, was da eigentlich passiert ist. Und wie er gestorben ist.

Man fragt sich auch, was hinter dieser Aussteiger-Geschichte steckt? Der Traum von einer Gemeinschaft, der im Alltag nicht lebbar war?
Ich fände es schön, wenn man das auch als einen Vorschlag zum Nachdenken über den Freiheitsbegriff verstehen würde, jetzt, nachdem wir eine Utopie gründlich verabschiedet haben. Was bedeutet heute Freiheit für den Einzelnen?

So eine Insel ist überschaubar, darin steckt immer auch etwas Modellhaftes. Schwebte Ihnen da beim Schreiben etwas vor – Daniel Defoes „Robinson Cruseo“ zum Beispiel?
Es gibt in dem Sinne kein Vorbild für meinen Roman. Doch ich hatte von Anfang an an den historischen Crusoe gedacht, und der Name Kruso – von Krusowitsch – war sehr früh da. Der Roman spielt auch damit, es gibt Szenen, die unmittelbar auf Defoe Bezug nehmen. Wenn Ed und Kruso den Abwasch erledigen, stellt Kruso aus Spaß den Fuß auf Eds Kopf, und Ed nimmt diesen Fuß und beschwert ihn noch. Die Unterwerfungsgeste erinnert an Robinson und Freitag, als sie sich das erste Mal begegnen. Ich hatte ein paar starke Bilder, über die ich wie durch Portale in den Stoff hineingehen konnte. Aber ich bin nicht von den historischen und literarischen Vorbildern her gekommen.

Sie kamen über das autobiografische Erlebnis.
Klar, ich war Abwäscher im „Klausner“. Natürlich nicht so lange wie Ed. Aber ich brauchte diese authentischen Ausgangspunkte. Wobei das von Anfang an Literatur war. Beim Schreiben lässt man immer Dinge weg, verändert Details und erfindet etwas dazu. Bis hin zum Fantastischen, zum Beispiel, wenn plötzlich ein toter Fuchs zu sprechen anfängt.

Ihre Hauptfigur Ed ist in Gera geboren, hat in Halle Germanistik studiert und liebt Gedichte von Georg Trakl. Das trifft alles auch auf den Autor zu. Wie viel Lutz Seiler steckt in der Figur?
Also, wenn ich bei Androhung von Strafe gezwungen würde zu sagen, welches in dem Roman mein Alter ego ist, müsste ich natürlich sagen: Ed. Wobei auch da gilt, was ich gerade gesagt habe: Er ist eine Fiktion im Sinne der Geschichte, die ich erzählen möchte. Für mich bietet das beim Schreiben eine gewisse Sicherheit, wenn ich auf Selbsterfahrenes zurückgreifen kann, aber sobald es gestaltet wird, wird‘s etwas anderes.

Kurz zu Ihrer Biografie, über die man im Netz nur wenig erfährt. Sie wurden am 8. Juni 1963 in Gera-Langenberg geboren. Sind Sie dort auch aufgewachsen?
Ich bin in Langenberg aufgewachsen, habe dort bis zur zehnten Klasse die Polytechnische Oberschule „Bruno Kühn“ besucht und dann in Gera eine Lehre gemacht – Baufacharbeiter mit Abitur. Meine Eltern leben immer noch in Gera. Ich hatte Ende des letzten Jahres die Ehre, mich dort bei einer Lesung ins Goldene Buch der Stadt eintragen zu dürfen. Da waren auch einige alte Freunde mit dabei.

Und Ihr Heimatdorf, das dem Bergbau weichen musste?
Ach so. Ich muss noch ergänzen, dass ich die ersten sechs Jahre auf dem Dorf gelebt habe. Genau gesagt: in zwei Dörfern. Zu allererst in Culmitzsch, das dann für den Uranbergbau geschleift wurde. Dann sind meine Eltern mit mir nach Korbußen gegangen, auf den Hof meiner Mutter, und dort haben wir gelebt, bis mein Vater dann eine Neubauwohnung in Gera-Langenberg bekommen hat, als Kompensation für das verlorene Haus in Culmitzsch.

Und wo sind Sie heute zu Hause – im Huchel-Haus in Berlin-Wilhelmshorst? Genaugenommen habe ich zwei Zuhause: Ich pendele seit 2010 zwischen Stockholm und Wilhelmshorst, im festen Rhythmus, vierzehn Tage hier und vierzehn Tage da. Wobei Stockholm eher die Schreibhöhle ist, das ist mein Rückzugsgebiet. Und wenn ich in Deutschland bin, mache ich alles andere, was getan werden muss. Und kümmere mich natürlich um das Huchel-Haus.

Kommt Ihre Frau aus Stockholm? J
a, sie ist Schwedin. Wir sind seit 2009 verheiratet. Wir haben uns in Berlin kennengelernt, wo sie damals gelebt hat. Dann ist sie nach Stockholm zurückgegangen, hat eine Stelle als Germanistin an der Universität. Sie ist dort verankert, und ich pendle.

Wenn Sie demnächst wieder Prosa schreiben, muss man da um den Lyriker Seiler bangen?
Nein. Das Gedicht hört bei mir niemals auf. Ich habe große Lust, auch wieder Lyrik zu schreiben – das ist mein Heimathafen. Es entstehen auch zwischendurch Gedichte, doch man braucht, um sich wirklich darauf einzulassen, eine längere, zusammenhängende Zeit, weil man sich bei der Lyrik in ganz anderen Wahrnehmungszuständen bewegt. Und wenn ich mich jetzt entscheide, noch diesen zweiten Roman zu schreiben, dann muss ich sie noch ein bisschen vertagen. Aber ich freue mich schon darauf.

Noch einmal etwas ganz anderes ist in „Kruso“ die als Epilog ausgewiesene Recherche über DDR-Flüchtlinge, die in der Ostsee ertrunken und nirgendwo erfasst sind. Da schreiben Sie fast journalistisch, und merkwürdigerweise berichtet Ed plötzlich in der Ich-Form. Da ist die Figur wohl ganz dicht an Lutz Seiler? Vermutlich war der Autor selber in der „Abteilung Verschwunden“.
Ja, der Erkenntnisfortschritt des Epilogs entspricht im Grunde eins zu eins meiner eigenen Recherche. Ich hatte große Unterstützung von einem dänischen Fernsehjournalisten, Jesper Clemmensen, der im Epilog auch namentlich vorkommt. Dort sind alles Klarnamen, weil mir der Gegenstand zu ernst schien, als dass man da hätte Namen erfinden dürfen. Die Sache mit den Liniengräbern, und wo die Toten liegen – das wusste vorher niemand, nicht einmal Jesper Clemmensen, obwohl er mit der Sache seit Jahren beschäftigt war. Er hatte angenommen, die liegen in Kopenhagen begraben. Clemmensen ist Dokumentarfilmer, er hat im letzten Jahr einen neuen Film über die Ostseefluchten gemacht.

Apropos Film: Der Produzent Nico Hofmann hat sich die Rechte an „Kruso“ gesichert. Kennen Sie schon nähere Pläne?
Es ist noch alles offen. Ich bin gespannt, wer die Regie übernehmen und wer alles an dem Film beteiligt sein wird. Werden Sie am Drehbuch mitwirken? Ich berate, aber ich bin nicht der Drehbuchautor. Das ist nicht mein Metier. Noch mal an diesen Stoff heranzugehen und einen anderen Text daraus zu machen, das würde mir, glaube ich, nicht gelingen. Vereinbart ist aber, dass ich bei allen wichtigen Entscheidungen mitreden kann. Wann waren Sie denn das letzte Mal auf Hiddensee? Ach, ich war im vergangenen Herbst so oft dort, wie nie zuvor! Zu Lesungen? Vor allem zu Presseterminen. Ich hatte auch eine Lesung im Gerhart-Hauptmann-Haus, vor der ich mich am meisten gefürchtet hatte. Ich dachte, da sitzen all die Insulaner?... ...?und sagen: Das hat er aber falsch beschrieben! Genau. Weil sie natürlich viel besser wissen, wie es gewesen ist. Aber die Leiterin des Hauptmann-Hauses hat das bravourös gelöst, indem sie am Anfang gesagt hat: Leute, das ist Literatur. Das hat auch funktioniert. Aber es war schon aufregend für mich, auf Hiddensee zu lesen. Das ist ja für mich auch ein wichtiger Schreibort gewesen. Ich bin jedes Jahr mindestens einmal dort gewesen. Jetzt habe ich gemerkt, dass ich beides habe: das Buch und die Insel. Aber ein Urlaubsort ist Hiddensee nicht mehr für Sie? Nein, Urlaub habe ich dort in den letzten Jahren auch nie gemacht. Ich bin meistens erst Ende November, Anfang Dezember dort oben gewesen, wenn die allerwenigsten Urlauber auf der Insel sind. Da hat man die wunderbare Situation, dass man in Kloster in dem Hafenrestaurant sitzen kann und allein ist. Man trinkt seinen Sanddornschnaps, schaut zum Fenster raus, und niemand ist da. Ein Traum.

Zur Person: Lutz Seiler

Lutz Seiler wurde 1963 in Gera-Langenberg geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Baufacharbeiter, studierte dann Germanistik in Halle und Berlin. 1995 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, „Berührt – geführt“, dem weitere folgten, zuletzt „im felderlatein“. 2007 wurde er für die Erzählung „Turksib“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. 2009 erhielt er das Harald-Gerlach-Stipendium des Landes Thüringen. Für seinen im September 2014 erschienenen ersten Roman, „Kruso“, der von einer skurrilen Aussteiger-Gesellschaft auf der Ostseeinsel Hiddensee handelt, bekam er im vergangenen Herbst den Deutschen Buchpreis. Seiler lebt abwechselnd in Berlin-Wilhelmshorst, wo er das Peter-Huchel-Haus betreut, und mit seiner schwedischen Frau in Stockholm. Am Sonntag wird der Autor von der Evangelischen Akademie Tutzing mit dem Luise-Kaschnitz-Preis (7500 Euro) geehrt, die eine Wochen­end-Tagung „Von Crusoe zu Kruso – Inselwelten in der Literatur“ ausrichtet. Im Mai ist Seiler zu Gast beim Weimarer „Lesarten“-Festival, das von der TLZ präsentiert wird.

Lesung: 6. Mai, 19.30 Uhr, Stadtbücherei Weimar

Lesung: 07. Mai, 19.30 Uhr, Burg Ranis, Thüringer Literaturtage

 

TLZ präsentiert: Literaturfestival Weimarer „Lesarten“ 2015

Die Weimarer „Lesarten“ vom 23. April bis zum 10. Mai stehen unter dem Motto „Begegnungen“. Integriert sind Lesungen für Kinder und Kinderfilme im Kino im Mon Ami sowie ein Griechisch-Deutsches Literaturfest. Hier die Höhepunkte des Programms:

  • Do, 23. April, 20 Uhr, Mon Ami: Lesekonzert mit dem Schauspieler Miroslav Nemec
  • Fr, 24. April, 19.30 Uhr, Bauhaus-Bibliothek: Lyrik mit Christine Hansmann und Thomas Rosenlöcher
  • Mo, 27. April, 19 Uhr, Eckermann-Buchhandlung: Inger-Maria Mahlke: „Wie ihr wollt“
  • 28. April, 19.30 Uhr, Stadtbücherei: Ingrid Noll: „Hab und Gier“
  • Mi, 29. April, 19.30 Uhr, Thalia-Buchhandlung: Katinka Buddenkotte: „Fortpflanzung nach Tagesform“
  • Do, 30. April, 19.30 Uhr, Thalia-Buchhandlung: Kirsten Fuchs: „Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig“
  • So, 3. Mai, 11 Uhr, Alte Staatsbank: „Dreierlei“ – neue Lyrik, Grafik und Musik aus Thüringen
  • Mo, 4. Mai, 18 Uhr, Stadteilbibliothek Schöndorf: Antje Babendererde: „Isegrim“
  • Mo, 4. Mai, 19.30 Uhr, Stadtbücherei: Klaus Modick: „Konzert ohne Dichter“
  • Mi, 6. Mai, 19.30 Uhr, Stadtbücherei: Lutz Seiler: „Kruso“
  • Fr, 8. Mai, 17 Uhr, Kino im Mon Ami: „Alexis Sorbas“
  • Fr, 8. Mai, 20 Uhr, Mon Ami: Podiumsdiskussion „Griechenland heute“, anschließend Konzert mit „Psaltron“
  • Sa, 9. Mai, 17 Uhr, Kino im Mon Ami: „Als Mensch ein Solist“ – Dok-Film über den Jazzmusiker Günter „Baby“ Sommer
  • Sa, 9. Mai, 20 Uhr, Mon Ami: „Hochzeit in Kommeno“ – Ein musikalisches Drama, inszeniert von Günter „Baby“ Sommer (Percussion) und Katharina Hilpert (Flöten). Mit Nadine Quittner (Staatsschauspiel Dresden) und Charlotte Mednansky (Theater der Jungen Generation, Dresden)
  • So, 10. Mai, 17 Uhr, Kino im Mon Ami: „Zimt und Koriander“