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13.03.2010

Buchmesse: Im Gespräch mit Annerose Kirchner

von Frank Quilitzsch TLZ

Foto: Martin Gerlach

Sorge, Katzendorf, Lichtenberg, Schmirchau, Gessen, Culmitzsch - das sind die Namen von Dörfern im östlichen Thüringer Schiefergebirge, die nach dem Zweiten Weltkrieg dem Uranbergbau in der DDR weichen mussten. Dort wurde unter höchster Geheimhaltung das Erz für das sowjetische Atomwaffenprogramm abgebaut.

Ein halbes Jahrhundert später hat sich die in Gera lebende Autorin Annerose Kirchner (Jahrgang 1951) auf die Suche nach jenen Menschen gemacht, die als Zwangsumgesiedelte damals ihre Heimat verloren. In ihrem Buch "Spurlos verschwunden. Dörfer in Thüringen - Opfer des Uranbergbaus" (Ch.Links-Verlag, Berlin, 208 S. mit 57 Abb., 14.90 Euro) spürt sie vergessenen oder verschwiegenen Ereignissen nach und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen.

 Annerose Kirchner, wie viele Dörfer mussten dem Uranbergbau weichen?

 Etliche. Denn das betraf nicht nur den Thüringer Raum. Im Erzgebirge wurde zum Beispiel die Altstadt von Johanngeorgenstadt abgerissen, verschwand der Ortskern von Oberschlema. Ganze Dörfer und manchmal auch nur einige Häuser mussten damals den Baggern weichen.

Du hast dich auf Ostthüringen konzentriert.

Auf den Raum Berga und Ronneburg, dort waren die größten Abbaugebiete.

Dort sind einige Dörfer verschwunden, aber Spuren gibt es offenbar noch.

Von Gessen, unmittelbar am Gelände der ehemaligen Bundesgartenschau, existiert noch eine alte Bahnunterführung, die man aber nur findet, wenn man einen ortskundigen Führer hat. Von Lichtenberg stehen nur noch zwei Gehöfte.

Wie bist du bei deinen Recherchen vorgegangen?

Ich habe mir die Orte, ihre Geschichte und ihre Landschaft erwandert, zu Fuß und auf dem Papier und über Gespräche mit Zeitzeugen, die heute 70, 80 Jahre alt sind.

Wie hast du die Menschen, die mal dort gelebt haben, gefunden?

Ich habe mich umgehört. Auf einige bin ich durch Zufall gestoßen. Mein erster Zeitzeuge war Johannes Weiser in Greiz. Er hat mich zum Beispiel auf Annita Meyer aus Katzendorf aufmerksam gemacht, die leider inzwischen gestorben ist. Einer wusste vom anderen, so hat sich ein Netzwerk entwickelt.

Woran erinnern sich diese Leute?

Die meisten haben noch den Tag ihres Auszugs im Kopf, erinnern sich bis ins Detail an alles, was da passiert ist. Natürlich ist diese Erinnerung mitunter trügerisch, denn das Geschehen liegt lange zurück. Deshalb habe ich Akten - zum Beispiel aus dem Wismut-Archiv - studiert, um die Ereignisse zu rekonstruieren. Ich wollte aber keine Umzugs- oder Aussiedlungsgeschichte schreiben, das hätte den Rahmen des Buches gesprengt. Es ging mir darum, Schicksale zu erzählen, und natürlich etwas über die Dörfer zu erfahren, wie sie entstanden sind und was sie bedeuteten. Einige waren auch Ausflugsorte für den Geraer Raum.

Wie hat sich der Heimatverlust auf die Betroffenen ausgewirkt?

Sie haben ihn bis heute nicht richtig verarbeiten können. Von Zeit zu Zeit gibt es ein Dorftreffen, zu dem sie sich zusammenfinden. Dabei wird aber weniger über die Wismut und ihre Folgen diskutiert. Man schaut sich auf alten Fotos an, wie die Gehöfte mal ausgesehen haben. Eingerahmte Erinnerung.

Die du aber aufzubrechen versuchst.

Natürlich. Ich habe auch Dinge entdeckt, die diese Leute vergessen oder verdrängt haben. Zum Beispiel einen Raubmord. 1952 hat ein Wismut-Kumpel einen betrunkenen Kollegen umgebracht, wegen ein paar Mark. Darüber berichtete die Presse, doch das Wort "Wismut" tauchte nicht auf.

Hatten die Bewohner überhaupt eine Chance, gegen ihre Umsiedlung zu protestieren?

Nein. Es war die Zeit des Kalten Krieges, und es ging um Reparationskosten, um Stalins Atomprogramm. Fotografieren war verboten, auch beim Verlassen der Dörfer. Von Culmitzsch gibt es eine Reihe von Fotos. Damals hat man den Wert dieser Aufnahmen als Zeitdokumente kaum erkannt.

Dass Dörfer dem Tagebau weichen müssen, ist kein DDR-Problem. Auch heute werden Menschen zwangsumgesiedelt, wenn ihr Dorf auf Braunkohle steht.

Darüber schreibe ich auch, erinnere an die Vorgänge in der Lausitz und am Niederrhein.

Du beginnst dein Buch in Heuersdorf, in einem sächsischen Ort, der gerade im Begriff war zu verschwinden.

Heuersdorf ist jetzt verschwunden. Ich bin mehrmals hingefahren, weil mich das Geschehen stark berührt hat. Es verlief zeitgleich mit dem Verfassen meiner Texte. Ich wollte spüren, wie es ist, wenn ein Dorf stirbt.

Offenbar können heutzutage Proteste und Unterschriftensammlungen auch nicht immer den Abriss verhindern.

Es gibt wenige Beispiele, wo das gelungen ist und die Bagger Braunkohlen-Orte umfahren haben. Heute ist es möglich, mehr materielle Entschädigung zu erstreiten und den Abschied hinauszuzögern. Das ging in der Wismut nicht. Da griff das Bergrecht rigoros, und die Bewohner mussten oft binnen weniger Wochen ihre Häuser verlassen.

Wie war es, als du 1979 nach Gera gezogen bist? War die Wismut damals für dich ein Thema?

Ich wusste, dass hier Uran abgebaut wird, doch ich kannte nicht die Dimensionen. Man sah die Zwillingshalden an der Autobahn. Damals war Ronneburg für mich ein schrecklicher Ort - trüb, trist, grau und oft verregnet. Heute strahlt es.

Ronneburg strahlt?

Es leuchtet im Sonnenlicht. Eine schöne Kleinstadt.

Warum ist es wichtig, an die verschwundenen Dörfer zu erinnern?

Man darf nichts verstecken und verschweigen. Geschichte ist von Menschen gemacht. Es hilft nicht zu sagen, nun ist alles schön saniert, vergessen wir, wie es vorher war. Für mich war es eine Verpflichtung, dieses Buch zu schreiben, gerade weil ich hier lebe. Der Schriftsteller Wulf Kirsten hat mich dazu immer wieder ermutigt. In einigen Jahren hätte ich "Spurlos verschwunden" nicht mehr schreiben können, weil dann wahrscheinlich manche Zeitzeugen nicht mehr leben. Das ist eine traurige Tatsache.

 

Buchpräsentationen:

16. März, 19.30 Uhr, Stadtbibliothek Gera, 25. März, 19.30 Uhr, Eckermann-Buchhandlung Weimar