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19.03.2005

Buchenwald 1945: Tränen sind da nicht genug

von Gerlinde Sommer TLZ

Wolfgang Held ist ein Kind seiner Zeit - ein Mann, der in wechselhaften Zeitläuften sich treu zu bleiben versucht. Im Sommer feiert er seinen 75. Geburtstag. Doch nicht allein wegen dieses Festtages geht sein Blick jetzt häufig zurück. Auch das Kriegsende vor 60 Jahren hat er noch genau vor Augen. Für ihn, der beinahe selbst noch in den Kampf gezogen wäre - und dies durchaus mit Enthusiasmus bis zu jenem Bombenangriff auf Weimar im Februar 1945 -, endete die Nazi-Begeisterung mit der Augenscheinnahme Buchenwalds.

Anders als jene Weimarer, die von der US-Armee Mitte April 1945 gezwungen werden mussten, der Folgen der Barbarei ansichtig zu werden, hat es den damals fast 15-Jährigen aus freien Stücken auf den kurz zuvor noch beinahe verbotenen, jedenfalls weit aus dem Weimarer Gesichtsfeld gerückten Berg gezogen. Grund dafür war Wolfgangs Hoffnung, dort seinen Onkel Rudi zu finden. Der war Kommunist - und als solcher von Beginn der Nazi-Zeit an Repressalien ausgesetzt. Wolfgang Held fand Rudi nicht, er brachte aber Eindrücke aus dem gerade erst befreiten Lager mit, die sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt haben - und die seine Lebenseinstellung in den Jahren danach mit bestimmen sollten.

Als die Eltern ihren Kindern nicht mehr vertrauen konnten

Wolfgang Held, Jahrgang 1930, ist unter den Nazis in Weimar herangewachsen. Er war begeistert vom Jungvolk, von den Geländespielen, von der Kameradschaft. Stolz war er auf sein Fahrtenmesser. Dass die Mutter Hitlers Porträt im Flur so oft abhängte, weil sie angeblich Staub wischen wollte, nahm er nicht als Versuch eines Widerstands wahr. Wolfgang fand es normal, zum "deutschen Gruß" die Hand in die Höhe zu reißen. "Heil Hitler" statt "Guten Tag": Für den jungen Weimarer war auch dies Alltag. Und dieser Alltag wurde durch Respektspersonen in Schule und Öffentlichkeit geprägt, die Nazis waren. Erst später habe er erkannt, dass sein liebster Lehrer eben auch und womöglich vor allem ein Unmensch war, wenn er vor so genannten Untermenschen warnte, sagt Held beim Rückblick. "Bummelanten, Arbeitsscheue, Sexualverbrecher - also Volksschädlinge" säßen in den Konzentrationslagern ein, hatte der Lehrer erklärt. Und Held erinnert sich: Das leuchtete uns Schülern ein. Die Lager, hatte der Lehrer gesagt, seien auch deshalb wichtig, damit den Deutschen der Sieg auf den Schlachtfeldern nicht genommen werde. Da schwang die tiefe Verletztheit über den Ausgang des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen mit. Für die Schüler war das, was ihnen ihr Lehrer erzählte, nicht die Meinungsmache eines Rechtsradikalen, sie hielten die Sicht der Nazis auf die Welt für die mithin einzig mögliche Beschreibung vermeintlicher Tatsachen. Was fehlte, das war das Korrektiv: Es gab schon lange keine Begegnung mit Andersdenkenden - zumindest keinen gedanklichen Austausch. Die Jugend wuchs in dem Bewusstsein heran, dass sie die Elite des Systems werden sollte. Weimar bot dazu allen Anlass: Früh hatte Hitler sich hier huldigen lassen - und die Menschen huldigten ihm. Baldur von Schirach war einer der ihren, dessen Vater als Dirigent ein hoch geachteter Mann. Die braune Durchdringung schien fast durchgängig. Dass zur eigenen Familie ein Mann gehörte, der ebenfalls ins Lager gesteckt worden war, wurde vor Wolfgang verheimlicht. Oder sagen wir so: Als der Junge alt genug war, sich über den Verbleib des Onkels Gedanken zu machen, hat er nicht mehr nach ihm gefragt. Da war die Saat bereits aufgegangen, erst viel später hat Wolfgang Held dieses Feld tief umgepflügt.

Noch heute geht ihm jene Szene nicht aus dem Kopf, die er als Junge am Weimarer Schloss erlebte: Einer seiner Freunde hatte nach einer Katze einen Stein geworfen. Da kam SS vorbei. Einer der Männer trat auf die Jungs zu und stellte den Tierquäler zur Rede: Wir, das war die Nazi-Botschaft, sind gut zu unseren Mitgeschöpfen. Wir misshandeln keine Tiere. Dass dieser Mann, der mit einer Katze Mitleid hatte und die Kinder Mitgefühl lehrte, dennoch auf dem Weimarer Hausberg Menschen zu Tode quälte, das geht für Held bis heute nicht zusammen. Warum ist der Mensch so? Wie wird er zum Unmenschen? Was kann ihn in seiner Fehlentwicklung bremsen? Das sind Lebensfragen für den Autor. Antworten hat er vor allem zu DDR-Zeiten gefunden. Doch es zeigte sich, dass er der Wirklichkeit und dem Schein besser in Buch- und Drehbuchtexten auf die Schliche kommen konnte als im Partei-Journalismus, dem er sich zunächst verschrieben hatte.

Weimar im Jubel: Mit Hurra ging es in den Krieg

Doch gehen wir zurück in die 30-er Jahre: Wolfgang Held hat als Neunjähriger gesehen, wie die Bürger dieser Stadt den Kriegsbeginn feierten - euphorisch. Und er hat erlebt, wie sechs Jahre später die Soldaten der US-Armee begrüßt wurden. Beides waren prägende Eindrücke für den Sohn eines Sozialdemokraten, den Neffen einer fanatischen Nazi-Anhängerin, die ihrem SS-Mann auf den Ettersberg gefolgt war: Dorthin, wo ihr Bruder Rudi, der Kommunist, schon sehr früh in den dreißigern hingebracht worden war. Rudi, der jüngste von Vaters Geschwistern und damit fast wie ein älterer Bruder für Wolfgang, war dessen Lieblingsonkel. Noch gut erinnert er sich an eine Szene, die sich in der beengten Mehr-Generationen-Wohnung an der Jenaer Straße abgespielt hatte: Die Tante hatte ein Radio gekauft, wollte die Reden ihrer Nazi-Größen hören. Rudi wollte das nicht. Hieß sie ausschalten. Es kam zum Streit. Er nahm das Gerät - und warf es zum Fenster hinaus. So groß war seine Wut auf die Menschenverführer - und die Verführbarkeit seiner Schwester. Dann ging die Debatte in der Held-Familie los: Muss Rudi das auf Pump gekaufte Radio ersetzen? Hat die Tante mit ihrer Begeisterung für Hitler Unrecht? Was bringt diese Zeit der selbst ernannten Heroen für die deutschen Arbeiter? Wolfgang Held schildert den Haushalt seiner Großmutter - "sie war der ruhende Pol" - als ein Spiegelbild der ausgehenden Weimarer Republik: Seine Oma war früh im Ersten Weltkrieg verwitwet. Rudi kam erst auf die Welt, als der Vater bereits "gefallen" war. Fünf Kinder zog die Witwe groß. Bescheiden hielt man sich über Wasser. Man hatte nicht viel, aber man leistete sich eine politische Meinung. Und ertrug die unterschiedlichen Standpunkte unterm gemeinsamen Dach. Wichtig war es, anständig zu bleiben.

Für den kleinen Wolfgang waren es aufregende Jahre - vor allem auch nach 1933, als sich die neue Zeit mit klingendem Spiel feierte. Doch bald sollte sein Lieblingsonkel aus seinem Gesichtsfeld verschwinden. Lange glaubte der Junge, dass dies mit dem Umzug seiner Eltern zusammenhänge.

Die Spur des Jungkommunisten verliert sich

Doch es war anders: Den Jung-Kommunisten Rudi hatten die Nazis früh ins Lager gesteckt. Doch davon sollte Wolfgang Held erst in den Apriltagen 1945 erfahren. Der Grund liegt in der Zeit und in der mit ihr einhergehenden Verblendung gerade auch der damaligen Jugend: Helds Eltern hatten sogar die innere Abneigung gegen die Nazis vor ihren beiden Söhnen verborgen. Weil, so sagte Helds Mutter später, weil Eltern damals fürchten mussten, von den eigenen Kindern verraten zu werden.

Wolfgang Held hat in der DDR Heimat und Haltung gefunden. "Einer trage des anderen Last" ist sein Hauptwerk, für das er auch international Anerkennung erlangt hat. Erst war er Journalist, dann freischaffender Autor: "Der schönste Beruf, den es gibt", sagt Held. Er ist ein Mann, der in Filmbildern denkt, seine erlebte Geschichte erzählt er wie eine Kamerafahrt. Eben hat der MDR "Die gläserne Fackel" wiederholt. Mitten in der Nacht zwar, aber die kritische Auseinandersetzung mit der Wirtschaftsgeschichte der DDR am Beispiel von Zeiss in Jena konnte sich auch 15 Jahre nach der Wende als unverblümtes Sittengemälde sehen lassen.

In diesen Tagen gehen die Gedanken von Wolfgang Held weit zurück: 60 Jahre ist es Mitte April her, dass er als 14-Jähriger auf den Ettersberg stieg, um im gerade erst befreiten Konzentrationslager Buchenwald nach seinem Onkel zu suchen. Er fand ihn nicht. Bis heute verliert sich die Spur des Mannes in den Wirren des Krieges. Wolfgang Held aber fand auf dem Ettersberg zu jener kämpferischen Haltung, die ihn prägen sollte. Von der Stadt ging es auf den Berg. Er kam an das Tor: "Jedem das Seine" stand da. Er ging hinein. "Den Geruch werde ich nie vergessen", sagt er 60 Jahre danach. Geblieben sind ihm als Erinnerung mehr als Bilder. "Die Fliegen auf den toten Leibern" hat er gesehen. Stand am Krematorium wie gebannt, schaute auf die Ermordeten und auf Häftlinge - manche mehr tot als lebendig. "Ich konnte nicht weg", sagt er. Dann kam ein Soldat: Komm mit, sagte er. Wollte ihn wohl nach draußen führen, wurde aber selbst in eine Baracke gerufen. Held hinterher. Auf drei Stockwerken lagen dort die Menschen, die ausgemergelten Leiber, die fahle Haut: Fast hätte er sie für Tote gehalten. Doch da waren diese großen Augen, die jedem seiner Schritte folgten. "Ich konnte das nicht aushalten", sagt er zu diesem Anblick. "Raus, weg hier - in diesem Moment dachte ich nicht mehr an meinen Onkel Rudi", beschreibt Held seine Flucht aus der Baracke.

Die großen Augen der Überlebenden folgten jedem Schritt

Durch das Tor ging es hinaus, Weg, nur weg. Und doch hatte er die eindrücklichste Begegnung noch vor sich: Am damaligen Bismarck-Turm. also etwa dort, wo heute der Glockenturm steht, sah er ein Raupenfahrzeug: Es schob Leichen vor sich her. Arme und Beine drehten sich purzelnd puppengleich. "Die Körper wirkten wie dürres Holz", erinnert sich Held. In die so genannten Teufelslöcher wurden die Toten geschoben. Wolfgang weinte. Bitterlich. Dachte an den Onkel. Und daran, dass die Vergangenheit, in der er eben noch ein glückliches Kinderdasein verbracht hatte, wie ein Lügengebäude in sich zusammen klappte. Da wurde der beinahe 15-Jährige von einem Mann in Häftlingsuniform angesprochen. Wolfgang weiß noch ganz genau: klein war der Mann, trug einen roten Winkel, war eigenartig braun, hatte ein Käppi auf dem Kopf. Nur einen einzigen Satz sagte der gerade Befreite zu dem Jugendlichen: "Tränen sind hier nicht genug, meine Junge!" Die Botschaft vom Ettersberg lautete für ihn: Tränen reichen nicht, um solches Elend zu verhindern. Diese Einsicht hat sein Leben bestimmt.