Presse - Details

 
02.05.2009

Brückengang

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Wulf Kirsten setzt in Essays und Reden auf provokant Gegenläufiges

Wulf Kirsten ist ein Landgänger und Textwanderer par excellence, der ?feldwegs? dörfliche Landschaft erkundet und die erwanderte Welt in seine Poesie zurück holt. In seinem jüngsten Band ?Brückengang?, der 25 klug komponierte Essays und Reden aus 25 Jahren enthält, beweist der in Weimar lebende Schriftsteller, dass es ihm auch in seinem Alterswerk nur um eine poetologische Wahrheit geht: Ichgewinn ist Weltgewinn. Dieser Satz seines Lehrers Georg Maurer, der als ?Chefpoetologe? am Leipziger Literaturinstitut in den 60er Jahren eine ganze Generation von Dichtern prägte, ist für Wulf Kirsten, der in diesem Sommer 75 Jahre alt wird, zur prägenden Erfahrung geworden. Sie ermöglichte ihm nach ersten geduldigen ?Fingerübungen? Wort auf Wort, Zeile für Zeile einen sicheren Weg über eine ?lange Brücke?. Vom
Häuslerwinkel in Klipphausen bei Meißen lesend und schreibend die Welt erkunden, eine ?Ich-Setzung als ?provokant Ggenläufiges? - diese Umschau- Erfahrung gab der ?Landschafter? Kirsten auch jüngeren Dichtern, die er förderte, mit auf den 1998 erschien die gewichtige Sammlung ?Textur?, die mit ihren Literatur historisch genauen programmatischen Betrachtungen, Porträts und Reden über Sprache, Dichtung und lyrische Landschaften beeindruckte ? eine Einstimmung auf den magischen ?Brückengang?, der 20 Jahre später zum Lesen über die ?Anschauungsbesessenheit? der Annette Droste-Hülshoff verführt und mit unvergleichlichen, bekannten und vergessenen Dichtern bekannt macht wie mit Oskar Maria Graf, Ivar van Lücken, Jakob van Hoddis, Walter Rheiner oder Karl Schloß.
Auch die ?weggedichtete? und längst noch nicht literarische ausgeschöpfte Landschaft der Kindheit und Jugend wird wieder genau erkundet wie auch die Stadtlandschaft von Weimar oder die ferne Pfalz. Dankreden für erhaltene Preise und Ortsund
Landschaftsskizzen belegen das einzigartige bibliophile Gedächtnis dieses Dichters, das weithin einmalig sein dürfte.
Wulf Kirsten erzählt offen über ?das unverschämte Glück (...) durch eine gute Lebensschule gegangen zu sein? und über die
frühe Leidenschaft für Gedichte, ?von denen eine starke Affinität ausging und in denen ich beispielhafte 'Vorgaben' erkannte,
auf die ich zuhalten konnte wie auf Leuchttürme.?
Der Sprachbewahrer, dem Wortverschleifer und Satzverstümmler ein Grauen sind, taucht in ?geschichtsbefrachtete Wechselbäder? und erzählt über verschattete Biographien, über Dichter, die am DDR-Stalinismus zugrunde gingen. ?Brückengang? eine erinnernde Textwanderung, die auch zu dem Dresdner Maler Siegfried Klotz führte, der Wulf Kirsten porträtierte. Auf dem Buchumschlag ist dieses Porträt abgebildet. ?Wenn er ein Glas Rotwein vor sich stehen hat, sieht er Gottfried Keller zum Verwechseln ähnlich. So würde ich ihn malen, wenn ich malen könnte?, schreibt Kirsten in dem Essay
?Ein Modell porträtiert seinen ?Die Kirsten-Sprache ist eine Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust?, äußerte Martin Walser über Wulf Kirsten. Ein Satz, der auf das Werk eines großen deutschen Schriftstellers einstimmt - und auf den urständigen ?Brückengang?, dessen Motto laut Wulf Kirsten lauten könnte: ?Natur und Landschaft sind zweierlei: Natur ist überall Natur - Landschaft aber ist überall anders.?

Wulf Kirsten: ?Brückengang. Essays und Reden?. Reihe Odeon. Band 25. Ammann Verlag. 288 S., 21,95 Euro
19,90 Euro