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21.05.2005

Botanischer Märchengarten

von Sieglinde Mörtel TLZ

Warum hat der Strand-Roggen keine Körner? Lassen sich die Stängel der Schachtelhalme wirklich auseinander nehmen und wieder zusammen stecken, wie es Rainer Hohberg in seinem Buch "Ein Botanischer Märchengarten" beschreibt? Und wieso schaut die sagenhaft stolze Narzisse wehmütig nach unten? Welche sprichwörtlichen Wunderkräfte stecken tatsächlich im Holunderstrauch? Oder wie ist das eigentlich mit den Sonnenblumen, die stetig versucht sind, der strahlenden Sonne ins Gesicht zu schauen?

In Fachbüchern mögen zahlreiche Erklärungen zu den 1000 kleinen Wundern der Pflanzenwelt nachlesbar sein; doch wer es liebt, sich vom Zauber der Natur ins Märchenreich entführen zu lassen, muss nicht unbedingt Botaniker sein.

Hobbygärtner in Hummelshain

Was im Gedächtnis haften bleibt, sind Bilder und Geschichten, Fassbares und Phantastisches. Da sind Zeit und Ort unwichtig, da gibt es zahlreiche Motive, die immer wieder und überall aufgegriffen worden sind. Hohberg hat sie aufgespürt, gesammelt, nieder geschrieben, abgewandelt, ergänzt oder sich ausgedacht. Da gibt es die Geschichte vom eitlen Sänger am Hofe des Kalifen von Samarkand, dessen Schüler ihm den Rang abläuft. Ob er jenen aus Neid oder eigener Existenzangst tötet, wegen der verletzten Ehre oder aus schnöder Missgunst, mag jeder für sich interpretieren. Verraten hat ihn am Ende doch die blutrote Farbe der Schwertlilien und ihr betörender Duft - jene weithin bekannten natürlichen Zauber.

Im "Botanischen Märchengarten" wachsen und gedeihen nicht nur zwölf phantasievolle Pflanzenmärchen, die von Kerstin Ramm liebevoll illustriert worden sind. Dazu gibt es auch Wissenswertes zu jeder Pflanze, wobei wiederum die Beschreibung von Omas Heilkräuter-Erfahrung, die Rezepte eines Hobby-Brotbäckers oder die bewahrte kindliche Bastel-Leidenschaft wichtiger sind als die biochemische Erklärung, warum denn ein Sonnenblumenfeld sich zur Lichtquelle hin wendet.

Märchen sind nicht nur unabhängig von Zeit und Raum, sie sind vom Ursprung her zugleich die Verbindung zwischen den Generationen. Und wenn im Vorwort des Autors zu diesem - seinem nunmehr fünften Märchenbuch - zu lesen ist, dass er im Dorfe Hummelshain zugleich Einwohner als auch Schriftsteller und Hobbygärtner ist, dann wird verständlich, wie der "Botanische Märchengarten" entstehen konnte: Mit Liebe zur Natur, einem Faible für Literatur und großer Fabulierleidenschaft.

i Rainer Hohberg: Ein botanischer Märchengarten. Illustr. v. Kerstin Ramm. Echino Media Verlag, Bürgel, 77 S., 14.80 Euro