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15.02.2012

Böll in Weimar: Der Zug war pünktlich

von Frank Quilitzsch TLZ

Heinrich Bölls Sohn René kam zur Eröffnung der Ausstellung, die Reisende im Schnelldurchlauf mit dem Literatur-Nobelpreisträger vertraut macht. Foto: Peter Michaelis

Ausstellung auf dem Bahnhof der Kulturstadt macht mit Nobelpreisträger Heinrich Böll bekannt. Heute beginnen die 11. Thüringer Heinrich-Böll-Tage. Weimar. Eine Gitarre und ein Saxophon spielen, während Reisende zu den Bahnsteigen hasten. Sie werfen einen flüchtigen Blick auf den Mann im offenen Mantel mit dem freundlichen Gesicht unter der Baskenmütze. Der lächelt sie von einem Aufsteller direkt an. Ankommende nehmen sich die Zeit, bleiben in der Vorhalle des Weimarer Hauptbahnhofs stehen und betrachten neugierig, was da unter "Heinrich Böll - Leben und Werk" gezeigt wird: Die Heinrich-Böll-Stiftung hat Tafeln mit Fotos und Dokumenten des Nobelpreisträgers und eines der bedeutendsten Nachkriegsautoren bestückt. Aus den Kriegsjahren und der Nachkriegszeit, von ersten Veröffentlichungen. Den Strukturplan von Bölls Roman "Billard um halb zehn", die Nobelpreis-Urkunde sowie etliche Presseberichte, in denen er gefeiert und geächtet wird.
"Ich finde es eine sehr schöne Idee, die Ausstellung hier zu zeigen", freut sich René Böll, der Sohn des 1985 verstorbenen Schriftstellers, "weil der Bahnhof für uns schon immer ein wichtiger Ort gewesen ist. Mein Vater hat ja auch sehr oft über Bahnhöfe geschrieben. Es gibt viele Kurzgeschichten, die in Bahnhöfen spielen - Abfahrten, Ankünfte waren wichtige Motive in seinem Schaffen."
Der Maler René Böll hat es sich nicht nehmen lassen, zur Eröffnung der Ausstellung nach Weimar zu kommen. Zugleich wurden gestern Abend die 11. Thüringer Böll-Tage eingeläutet, die an verschiedenen Orten der Stadt Lesungen, Voträge, Gespräche und einen Film bieten. Weimars Oberbürgermeister spricht, Anja Siegesmund von der Böll-Stiftung spricht , dazwischen tönen Lautsprecheransagen. "Der Zug ist pünktlich", sagt die Landtagsabgeordnete in Anspielung auf eine frühe Erzählung des Dichters. Siegesmund hat Heinrich Böll kurzerhand zu einem "Grünen" gemacht hat. Zumindest was die Plakatfarbe betrifft. Denn der Autor stand zwar für die Friedensbewegung, ließ sich aber keiner Farbe so recht zuordnen.
"Er war unabhängig", sagt der Sohn. "Ich glaube, das war auch relativ singulär damals in Deutschland. Die meisten waren doch irgendeinem Lager verhaftet - links, rechts, Mitte oder wie auch immer, oder einer Partei zugehörig. Mein Vater war vollkommen unabhängig. Das hat ihn natürlich einsam gemacht und vielen Angriffen ausgesetzt."

Schlaglichter einer Dichterbiografie


Als er die höchste Literaturauszeichnung der Welt vom schwedischen König entgegennahm, wurde er von einer Zeitung als "schwarzes Schaf" stigmatisiert. Sein Interesse für die RAF hatte in der Bundesrepublik mediale Beschimpfungen zur Folge. Von Seiten der DDR wurde Böll wegen seiner Solidarität mit Wolf Biermann angegriffen.
Die kleine Bahnhofsschau wirft interessante Schlaglichter auf die Dichterbiografie, zeigt in dem umfangreichen Werk sowohl das Politische als auch das Poetische. Viel Platz wurde dem dreijährigen Irland-Aufenthalt von 1954 bis 1957 eingeräumt; damals entstand Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch", die Nummer 1 bei dtv, inzwischen dort in 57. Auflage erschienen. Sohn René wird heute, 17 Uhr, in der ACC-Galerie über das Tagebuch seines Vaters sprechen. Damit korrespondierend gibt es am Sonntag ein Gourmet-Menü mit Irland-Texten im Restaurant "Anno 1900".
Die 27-bändige Kölner Gesamtausgabe sei gerade fertig, erzählt René Böll. Sie enthalte viel Kommentar, der jungen Lesern den Zugang erleichtern soll. "Wo ist Böll heute?" fragen die Weimarer Böll-Tage, die den Autor so großartiger Romane wie "Billard um halb zehn" und "Ansichten eines Clowns" oder der Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" wieder stärker ins Bewusstsein rücken wollen. Ist er für die junge Generation nicht ein unbekannter Autor?
"Nein", widerspricht der Sohn. Man behaupte zwar immer wieder, er würde kaum noch gelesen, "aber das stimmt nicht. Er wird kaum noch gekauft. Wobei natürlich Millionen Bücher von ihm da sind. Deshalb werden jetzt natürlich keine Riesenauflagen mehr gedruckt. Aber gelesen wird er weiterhin viel, nicht nur in der Schule. Er wird vor allem viel im Ausland gelesen. Ich war vor kurzem in den USA, da sind zehn Böll-Bände in einem New Yorker Verlag erschienen. In Italien erscheinen jetzt auch zehn Bände. Er wird weiterhin publiziert. China ist inzwischen ein ganz wichtiger Markt. Russland nicht mehr."
Doch René Böll räumt ein, dass eher die Kurzgeschichten bei jungen Lesern Anklang finden, weniger die Romane. "Aber nehmen Sie ,Ansichten eines Clowns' - das ist zeitlos. Oder ,Katharina Blum' - brandaktuell. Als ich in China war, sagte man mir, es gebe dort eine ganz ähnliche Geschichte." Wie einer durch die Presse seiner Ehre beraubt werde, sei doch ein internationales Thema. Bei der Essayistik sei es etwas anderes, sagt René Böll, da müsse der Leser zumindest den Zeithintergrund kennen. "Wir haben gerade einen neuen Essayband fertig, mit umfangreichem Kommentar."

Warten auf ICE "Heinrich Böll"


Fragen bleiben dennoch: Wer weiß noch von Heinrich Bölls Engagement in der "Gruppe 47", seinem Aufbegehren gegen den konservativen Katholizismus und die politischen Restriktionen der Adenauer-Zeit? Wer erinnert sich an die Kampagnen, denen Böll nach Erscheinen der "Katharina Blum" ausgesetzt war? Und inwieweit ist noch im Gedächtnis, dass der Nobelpreisträger seine Bekanntheit nutzte, um sich für Dissidenten aus dem Osten, vor allem für Solschenizyn und Kopelew, einzusetzen?
Höhepunkt des kleinen von der Böll-Stiftung mit der Stadt Weimar veranstalteten Festivals ist am 2. März eine Lesung mit den TV-Journalisten Klaus Bednarz und Fritz Pleitgen aus dem Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und Lew Kopelew im Audimax der Bauhaus-Universität.
"Ich war mal mit meinem Vater inoffiziell in Weimar, am 2. März 1965, zusammen mit Günter Wallraff, wir wollten zur Leipziger Buchmesse", erzählt der Sohn noch. Dann unterbricht ihn der Bahnhofslautsprecher. Einen ICE "Heinrich Böll" gibt es natürlich auch. Der verkehrt zwischen Düsseldorf und Berlin, leider tangiert er die Kulturstadt nicht.