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16.10.2004

Böhmische Begegnung: TLQ trifft Vorácek

von Frank Quilitzsch TLZ

Jan Vorácek stößt einen Seufzer der Erleichterung aus: "Gott sei dank, da sind Sie ja!" Er steht vor seinem Neubaublock am Straßenrand. Auch wir sind froh, dass wir nach achtstündiger Autofahrt nicht noch lange in unserem tschechischen Zielort herumirren müssen. Jan Vorácek hat alles von langer Hand vorbereitet. "Bitte kommen Sie", winkt er uns in den Hauseingang und bleibt verlegen vor dem Fahrstuhl stehen. "Leider nur für zwei Personen", sagt er. Und ruft uns, als wir schon auf der Treppe sind, noch nach: "Fünfter Stock."

Tief atmend sitzen wir um den kleinen Esstisch herum und werden von Jan Vorácek mit Kaffee, Tee und Kuchen bewirtet. "Essen Sie! Möchten Sie Bier?" Er selbst isst nichts. Er redet. Springt auf, um die Milch zu holen. Setzt sich wieder. Redet weiter. Plötzlich zeigt er auf ein Familienfoto an der Wand und sagt: "Ich hatte fünf Enkel und zwei Gärten. Jetzt musste ich noch mal in die Welt gehen." Wegen uns. Weil wir jetzt hier bei ihm, in Ceské Budejovice, sind.

Wir haben Jan Vorácek nie zuvor gesehen. Nur telefoniert und ein paar Texte von uns geschickt. Wir sind das Thüringer Literatur Quintett, schrieben wir, und würden gern tschechische Autoren treffen, um die eingeschlafenen Kontakte neu zu beleben. Ob er uns dabei helfen könne. Er habe alles arrangiert, erklärt Herr Vorácek stolz: "Freitag lesen Sie vor Sprachstudenten. Am Sonnabend treffen Sie Kollegen aus dem Club Südböhmischer Schriftsteller. Wohnen werden Sie in meinem Sommerhaus."

Wir wollen wissen, wieso Herr Vorácek so gut Deutsch spricht. Als Dramaturg sei er mehrmals an den Theatern Rudolstadt und Meiningen gewesen. Damals, als die böhmischen und thüringischen Bühnen noch kooperierten. Jetzt ist er Rentner. Besucht mit 81 Jahren die Generalproben des Budweiser Stadttheaters und schreibt hin und wieder Kritiken für die Zeitung. Er hat alle lokalen Blätter von unserem Besuch in Kenntnis gesetzt. Die Illustrierte "Nedelni kanape" (Wochensofa) hat ein Foto gedruckt: das Quintett auf der Couch.

Herr Vorácek staunt: "Sie sind fünf Schriftsteller. Und Sie sind immer zusammen. Sie lachen, aber Sie streiten sich nie. Das ist bei uns ,unmeglich´." Dann schaut er unruhig auf die Uhr. "Möchten Sie noch etwas in der Stadt erleben oder fahren wir zum Haus?"

Wir fahren zu Jan Voráceks Kate. Im Garten stehen Apfelbäume, in der Kammer steht ein Kasten Bier. "Dobre poschalowatch", sagt Frau Vorácek, die früher in der Schule Russisch unterrichtet hat. Als Rentnerin gründete sie eine Frauenbrigade. "Morgen", sagt sie, "sind wir zum Apfelpflücken auf der Obstplantage."

Wir besuchen die Staatliche Sprachschule und kommen trotz Jan Voráceks Ortskenntnis zwanzig Minuten zu spät. Die Klasse - ein Dutzend junger Mädchen - lächelt. Wir lesen unsere Texte. Die Mädchen lesen mit. Auf den Bänken liegen die Kopien, die Herr Vorácek an alle Schüler verteilen ließ. Die Klasse ist gut vorbereitet.

Gibt es Fragen? "Was ist", fragt eine Brünette, "ein Gelöbnis?" Tschechien und Ostdeutschland haben eine ähnliche Geschichte, doch die Mädchen sind sehr jung. Sie wollen wissen, woher wir kommen, warum wir schreiben und was wir verdienen. Weitere Fragen? "Dürfen wir Sie fotografieren?" Wir kauern uns hinter den Lehrertisch, die Brünette steigt auf den Stuhl. "Bitte recht ,freindlich´!"

Zu Mittag Schweinefleisch mit Knödel und Sauerkraut. Dazu Budweiser. Für knapp drei Euro. Wir sind Gäste der Stadt. Neben mir sitzt Jan Machula, ein junger Zwei-Meter-Mann aus dem Kulturdezernat, und erzählt, dass ein Tscheche monatlich im Durchschnitt 600 Euro brutto verdient. Dafür liege die Arbeitslosigkeit in Ceské Budejovice bei etwa fünf Prozent. "Wir haben oft noch die alten Strukturen. Hier dauert alles zehn Jahre länger."

Aber die Veränderungen sind im Gange. Bosch ist bereits in der Stadt, und die Bleistiftfabrik, der größte Arbeitgeber in Budweis, plane, seine Produktion nach China zu verlegen. In Mähren betrage die Arbeitslosigkeit schon zwanzig Prozent.

"Kommen Sie", sagt Jan Vorácek, als wir ihn am nächsten Vormittag wieder in der Stadt treffen, "ich mache Sie mit Kollegen bekannt."

Die böhmischen Schriftsteller empfangen uns in ihrem neugegründeten Verlag "Rozá", der über einem Bierkeller residiert. Rozá (Rose) heißt auch der verlagseigene Wein, mit dem wir zur Begrüßung anstoßen. Es ist, als hätten die tschechischen Kollegen seit Jahren auf uns gewartet. "Sie haben", freut sich Jiri Macoun, ein Kinderbuchautor, der aussieht wie Spejbls Vater Hurvinek, "den ersten Schritt gemacht. Bis 1989 gab es zwischen Ceské Budejovice und Suhl eine feste Partnerschaft. Lasst uns überlegen, was wir tun können. Gehen wir ein Bier trinken?"