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28.04.2006

Blindenstöcke des Dichters

von Peter Lauterbach Freies Wort

LYRIK UND MUSIK Reiner Kunze und Daniela Danz lasen in der Suhler Stadtbücherei aus ihren Werken

VON PETER LAUTERBACH
Mit Poesie vermag Reiner Kunze selbst das zu erklären, was wohl das poetischste Ergebnis aller Schreiberei ist ? das Gedicht. Es sei, so Kunze, der Blindenstock des Dichters, mit dem er die Dinge berühre, um sie zu erkennen.
SUHL ? Wiewohl es mit dem Gedicht so eine Sache ist. Geduld braucht es bei seinem Leser, die richtige Stimmung, und vor allem ein offenes Herz. Nicht selten irrt auch der Leser wie ein Blinder zwischen all den schönen Zeilen, um die Dinge zu erkennen, die der Dichter wohl zu verpacken weiß. Zwei, die mit dem Blindenstock gut umzugehen verstehen, haben ihre Zuhörer am Mittwoch Abend in der Suhler Stadtbücherei ein wenig an die Hand genommen und aus ihren Werken gelesen: Daniela Danz, geboren 1976 in Eisenach, und Reiner Kunze, geboren 1933 im erzgebirgischen Oelsnitz. Der eine, ein weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannter Altmeister des geschliffenen Wortes. Die andere, eine noch junge Nachwuchsdichterin. Beide trafen sich in Suhl zum ersten Mal.

Kleine Ehre

?Ich kann Ihnen nur sagen, wie sehr sympathisch sie mir ist?, sagt der Alte gleich zu Beginn über die Junge. Da hatten sie gerade einmal fünf Minuten zwischen zwei Bücherregalen beisammen gesessen. Und sie fühlte sich nicht nur durch diesen Satz geehrt, sondern auch durch eines ihrer Gedichte, die Kunze für sie vortrug. ?Mein Gedicht spricht zu mir selbst?, so drückte Danz die kleine Ehre aus.

Als ?Wortklang? war die lyrische Lesung überschrieben, die von der Sparkassen-Kulturstiftung, der Stadtbücherei Suhl und dem Jenaer Literaturverein ?Lese-Zeichen? ermöglicht wurde. Denn dem Wort der beiden Dichter war der Klang der Instrumente von Schülern der Suhler Musikschule gegenübergestellt. Ein Versuch, Gedichte durch neue Präsentationsformen nicht nur ihren absoluten Liebhabern, sondern einem breiteren Publikum nahe zu bringen. Lyrik als literarische Ausdrucksform hat es bekanntlich von je her besonders schwer, beachtet zu werden. Zu selten ergeben sich in hektischer Zeit Momente, in denen Gedichte befruchten vermögen.

In Suhl gelang dieser Versuch einer Symbiose zwischen dem Klang und dem Wort auf wunderbare Weise. Vielleicht, weil die anspruchsvollen, und von den Schülern mit viel Mühe und großem Können vorgetragenen Musikstücke das Tempo des Alltags an diesem Abend ausbremsten. Vielleicht, weil mit Reiner Kunze ein Dichter las, der die Dinge immer auch mit spitzbübischem Humor auf den Punkt zu bringen vermag. Kunze liebt die überraschende Erleuchtung, das ?Aha?, und ?Ach so? in den Augen seiner Zuhörer, wenn er die oft knappen Zeilen seiner Gedichte an sie richtet. ?Trost in zehntausend Metern Höhe: Die Erde ist uns sicher.? Wer vermag dabei nicht zu schmunzeln und gleichzeitig zu denken: ?Wie wahr??

Von Liebe und Abschied, von Gott und Kanada, und speziell für Kinder las Kunze. Das schönste vielleicht: ?Ausgeschlossen von Geburt. Jeder schließt jeden aus. Deshalb umarmen wir uns. Umarmen schließt alle aus. Bis auf einen.? Mit ganz leichter Hand schreibt Kunze solche Gedanken, die lange nicht loslassen, wenn sie einmal angekommen sind. Denn wen vermag schon ein wild lärmender Spatzenchor in einer Hecke eines Bahnhofsplatzes ein Gedicht zu entlocken? ?Sie pfeifen und pfeifen, doch niemals eine Melodie, sie wollen wohl Schaffner werden.?

Erkannte Dinge

Freilich, Daniela Danz kann aus einem so reichen Schatz von über 40 Jahren Schreibarbeit noch nicht schöpfen. Sie las von Danilo, einer ukrainischen Märchengestalt, die sie zur Figur einiger ihrer Gedichte gemacht hat. Fast sind es kleine Erzählungen, die sie formte. Und am Ende waren die Dinge erkannt. Und die Blindenstöcke der Dichter als brauchbar befunden.

Zwischen den Regalen der Stadtbücherei trafen sich der Altmeister und die Nachwuchsdichterin. Reiner Kunze und Daniela Danz lernten sich am Mittwochabend in Suhl kennen.