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13.09.2008

Bitterböse: Volker Braun erzählt Schwänke

von Ulrich Kaufmann TLZ

Müsste Volker Braun, Büchner-Preisträger des Jahres 2000, von den Tantiemen seiner Theaterstücke leben, würde der Dichter wohl seit längerem am Hungertuche nagen. Zum Glück schreibt der begnadete Lyriker kontinuierlich Prosa. Er erkundete erzählerisch das Land seiner Vorfahren ("Das unbesetzte Gebiet", "Der berüchtigte Christian Sporn", 2004) und legte jüngst ein ergreifendes, sehr persönliches Büchlein über seine Eltern vor. ("Das Mittagsmahl", 2007) Das große Thema Arbeit - nach Marx das erste Lebensbedürfnis des Menschen - hat kaum ein (ost-) deutscher Autor vor und nach der "Wende" so gründlich beackert wie Braun. In einer Zeit der "Arbeit nach der Arbeit" sind poetisch-philosophische Reflexionen über diese Frage nicht überflüssig, sondern wichtiger denn je.
Der selbstironische, nicht eben werbewirksame Arbeitstitel "Machwerk" hat noch einen barock anmutenden Zusatz: "oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer". Braun liebt es, in seiner Prosa spielerisch mit Modellen der Weltliteratur umzugehen. War es vor reichlich zwei Jahrzehnten im "Hinze-Kunze-Roman" Denis Diderot ("Jakob und sein Herr"), so knüpft er nunmehr an die Schwankliteratur sowie namentlich an den Schelmenroman "Don Quichote" von Miguel de Cervantes an.




Flick, ein arbeitslos gewordener Bergmann, zieht mit Helm, wie einst ein überflüssiger Ritter, zwar nicht mit Sancho Panza, dafür mit seinem Enkel durch die Landen. Was Flick und sein Nachfahre Luten, ausgestattet mit zwei linken Pfoten, in Mitteldeutschland, aber auch in Polen, in Spanien und bei den Elenden zu Paris erleben, wird in vier Büchern zu jeweils zwölf Kapiteln erzählt. Es ist erstaunlich, wie genau Braun im mitteldeutschen Raum die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1989 recherchiert hat. Die Texte sind exakt verortet und auch die verbliebenen oder zu erinnernden Arbeitsabläufe werden von einem Kenner der Materie wiedergegeben.

Braun nähert sich dem Stoff natürlich nicht als Reporter, sondern als Künstler mit philosophischem Blick. Der Titelheld ist ein Arbeitsbesessener, der wiederholt auf dem Amt in Arbeitskluft (mit Koppel, Werkzeug und rotem Bauhelm) erscheint und fragt, was anliegt. Er übernimmt jeden Job, zumal er es in der Vergangenheit gewohnt war, bei Havarien seinen Mann zu stehen.

Im Kampf gegen die "Windflegel"

Dass sich die Welt als Ganzes in einem Zustand der Havarie befindet, kann Flick nur partiell erkennen. Immer auf der Seite der Arbeit stehend, lässt er sich auch als Streikbrecher, Ein-Euro-Jobber, im Kampf gegen Umweltschützer und bei der Vertreibung der letzen Einwohner des sorbischen Dorfes Horno missbrauchen. Mitunter sieht der naive Enkel, dass Meister Flick, von dem er viel lernt, auf der falschen Seite steht. Die Schwänke haben nicht selten eine Kommentarebene, auf der der Verfasser "tätig" wird. Der Erzähler reflektiert das Geschilderte, immer wieder aber auch die eigene Arbeit des Schreibens.

Das 27. Kapitel stimmt ein Loblied auf die "glücklichen Arbeitslosen" an. Selbstredend hat Brauns arbeitssüchtiger Titelheld für "Müßiggänger", "Spaziergangster" und "Partysanen" nichts übrig. Indessen lässt sich der Erzähler vom Nichtstun anstecken. "Es ist ja ein Faulenzerkapitel; und ich werde das Schreiben jetzt nicht in Arbeit ausarten, sondern, ohne mich zu erheben, an meinem Tisch, über die Leute! die Beteiligten selber reden lassen." Folgerichtig bricht der Schreiber sein "Machwerk" plötzlich ab, "weil ich die Szene wechsle und das Papier hier unbeschrieben lasse".

Braun gibt den Schwänken, was ihnen seit Jahrhunderten eigen ist: Wortwitz, Humor, deftige, doppeldeutige Anspielungen, Sinnlichkeit, tragische Wendungen und vieles mehr. Manches Rätsel erschließt sich auch dem geübten Braun-Leser nicht. Trotz der volkstümlichen Form ist diese Prosa keine leichte Kost. Einige dieser "Schwachen Schwänke" oder "Unnützen Novellen", von denen der "Verf." selbst spricht, drängen zum szenischen Spiel, andere öffnen sich beim lauten Lesen. Der Reiz dieser Prosa kommt zum Vorschein, wenn man die "Untertexte" mitdenkt: Goethes "Faust", sorbische Mythen und immer wieder den "Don Quichote" ...

Flick kämpft gegen globale Windräder an. Selbst im Traum möchte er die "Windflegel", die "Skyspargel", die so viele Vögel vernichten, ausreißen. Im Paris-Kapitel wird der Bezug zu Cervantes erneut hergestellt. Flick und Luten landen am Kanal, bei den "Kindern des Don Quichote", die "gegen den Wind kämpften". Diese Elenden, erfahren wir, hätten mit Bier und Blut eine "Charta der Menschenwohnrechte" unterzeichnet. Flick denkt, diese Ausgestoßenen hätten den "weisen Don in seinen verrückten Kindern aufleben" lassen.

Auch in seinen Schwänken unterhält uns der Dichter auf höchstem Niveau. Volker Braun lässt wie immer keine der großen Menschheitsfragen aus. Was war die Arbeit wert, die, gerade in Mitteldeutschland, mit der Zerstörung der Natur einherging? Die Menschheit, so Braun in seiner "Nachrede", müsse "sich neu buchstabieren", "die eigentliche Arbeit habe noch gar nicht begonnen". "Der neue Anfang der Geschichte heißt: für den Letzten soll die Welt gemacht sein."

i Volker Braun: Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main, 220 Seiten, 19,80 Euro.

Der Autor liest am 26. 10., 20 Uhr, in der Universitätsbibliothek Erfurt (Nordhäuser Straße 63), am 27. 10., 19 Uhr, in der Stadtbücherei Weimar und am 28. 10., 19.30 Uhr, im Volkshaus Jena.