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13.02.2010

Biografie: Der unorthodoxe Denker Walter Benjamin

von Kai Agthe TLZ

Foto: Archiv

Das Buch hat über 1300 Seiten, die es trotz Dünndruck als Ziegelstein erscheinen lassen. Viele Seiten sind zur Hälfte oder gar nur zu einem Viertel mit Fließtext gefüllt, weil der Rest von ausführlichen Fußnoten eingenommen wird. Und dennoch: Selten war eine Biographie mit wissenschaftlichem Anspruch so gut lesbar, ja mitreißend geschrieben wie die, die Jean-Michel Palmier dem umtriebigen Kulturphilosophen Walter Benjamin (1892-1940) widmet.

Die Studien, die zum facettenreichen Werk Benjamins vorliegen, sind Legion. Hingegen lässt sich die Zahl biographischer Darstellungen nur an einer Hand abzählen. Ein merkwürdiges Missverhältnis, gilt doch die Biographik auch in Deutschland als ein überaus beliebtes Genre. 1979 veröffentlichte Werner Fuld eine Lebensbeschreibung Benjamins, die bis 1990 mehrfach aufgelegt wurde. Ebenfalls 1990 erschien Momme Brodersens Benjamin-Buch "Spinne im eigenen Netz". Der folgte 2005 eine kleine Einführung in Leben und Werk in der Suhrkamp-Reihe "BasisBiographie". Daneben wurde der Denker vor allem in Porträtsammlungen behandelt.

Eine ausführliche Biographie Walter Benjamins stand also seit langem aus. Der bereits 1998 in Paris verstorbene Jean-Michel Palmier hat sie geschrieben. 2006 in Frankreich erschienen, erreicht nun auch das deutsche Publikum die Denk- und Lebensgeschichte Walter Benjamins. Das Faszinierende an diesem Werk ist, wie es dem Autor gelingt, bis in die feinsten geistigen und lebensgeschichtlichen Verästelungen hinein das Dasein des Intellektuellen zu beleuchten. Der stammte aus einer wohlsituierten, später verarmten, assimilierten jüdischen Familie. Seine Kindheit im Berlin der Kaiserzeit hat Benjamin - stark abstrahierend und mythisierend, deshalb aber nicht minder eindrucksvoll - in "Kindheit um neunzehnhundert" beschrieben.

Herausragend ist Palmiers Buch, weil es gut nachvollziehbar alles erklärt, was für das Werden des Gelehrten von Bedeutung ist. Benjamins Verhältnis zur jüdischen Überlieferung, für die er durch den Freund Gerhard (später: Gershom) Scholem sensibilisiert wurde, wird ebenso erläutert wie die Rolle, die unter anderem die Schriften Ernst Blochs, Adornos und Nietzsches für ihn spielten. Und wie Palmier nebenbei auch noch das für den enorm vielseitig interessierten Benjamin wichtige Buch "Stern der Erlösung" von Franz Rosenzweig einer gründlichen Analyse unterzieht, ist bemerkenswert. Mag der Autor in der Einleitung auch betonen, keine neue Interpretation des Werkes von Benjamin vorlegen zu wollen, gelingt es ihm doch, dieses höchst anschaulich auszubreiten. Was dessen Bedeutung für die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts ausmacht, wird mit jeder gelesenen Seite transparenter: Benjamin war einer der feinsinnigsten und unorthodoxesten Denker, die die deutsch-jüdische Kultur hervorbrachte.

Die Größe Walter Benjamins war auch seine Tragik: Er war ein Mensch des reinen Geistes, der Mühe hatte, sich im Leben zu orientieren. Er, dem eine Universitätslaufbahn versagt blieb, war ein freischwebender Intellektueller, also stets in Geldnot. Benjamin war auch denkbar unpraktisch veranlagt. Er sagte von sich, er sei unfähig, sich eine Tasse Kaffee zu kochen. Das mag erklären, dass, so Palmier, die Frauen, die er liebte, seine Unbeholfenheit nervte. Eine Schwerfälligkeit, die ihn zuletzt das Leben kosten sollte. Von seinem Freund Scholem gedrängt, Europa zu verlassen und nach Palästina zu emigrieren, harrte er solange im Pariser Exil aus, bis es keinen offiziellen Weg mehr aus dem von den Nazis besetzten Land gab. Seine abenteuerliche Flucht endete im spanischen Port Bou. Dort nahm er sich im September 1940 das Leben. Dort erinnert heute ein Memorial an diesen exemplarischen Intellektuellen.

Der Herausgeber Florent Perrier verfasste ein Vorwort. Was zunächst ein Freundschaftsdienst am nachgelassenen Werk eines Kollegen hätte sein sollen, uferte aus zu einem Essay von über 50 Seiten, in dem Perrier seinerseits eine Deutung Walter Benjamins vornimmt. Man kann das Eitelkeit nennen oder nicht, aber es hätte genügt, wenn Perrier kurz und bündig an Jean-Michel Palmier und an die Umstände der Entstehung der Biographie erinnert hätte. Dank der sehr gewandten Übersetzung von Horst Brühmann kann auch der deutsche Leser teilhaben an der wunderbaren Diktion von Jean-Michel Palmier, der ein wirklich vorzüglicher Stilist war.

iHrsg. und mit einem Vorwort von Florent Perrier. Aus dem Französischen v. Horst Brühmann. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main, 1372 S., 64 Euro