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26.10.2010

Bibliotheken im Wandel: Landesverband tagt

von Ulrike Merkel TLZ

 

Der Landesverband Thüringen im Deutschen Bibliotheksverband trifft sich am morgigen Mittwoch zur Jahrestagung, dem Thüringer Bibliothekstag, in Sondershausen. Inzwischen arbeitet der Landesverband seit 20 Jahren. Gespräch mit der Vorsitzenden Annette Kasper, Leiterin der Ernst-Abbe-Bücherei in Jena.

Frau Kasper, welche Stationen waren besonders wichtig, welche besonders schwierig?

Vor allem die Anfangsjahre nach der Wende waren für die öffentlichen Bibliotheken, also die Stadt- und Gemeindebibliotheken, kritisch. Die Grundsituation hat sich aber bis heute nicht geändert, weil die Bibliotheken mit der Wiedervereinigung den freiwilligen Leistungen zugeschlagen worden sind. Wenn eine Kommune in Haushaltsschwierigkeiten kommt, wird als erstes in diesem Bereich gespart. Wo müssen Bibliotheken besonders stark sparen? In allen Bereichen. Zunächst ging es um Schließungen bei den Klein- und Zweigstellen-Bibliotheken. Aber auch heute geht es um Personalabbau, Reduzierung der Arbeitsstunden und natürlich des Ankaufetats.

Hatten die Bibliotheken zu DDR-Zeiten mehr Geld zur Verfügung?

Für das Personal waren ausreichend Mittel vorhanden. Auch war es finanziell für eine Großstadtbibliothek wie die Ernst-Abbe-Bücherei überhaupt kein Problem, die Gesamtbuchproduktion eines Jahres zu kaufen. Das waren zum Ende der DDR 9000 Neuerscheinungen.

Können Sie sich erklären, warum laut Emnid-Statistik Ostdeutsche weniger lesen als Westdeutsche?

Ein Grund könnte in der Kaufkraft liegen, die im Osten geringer ist. Im Hinblick auf die Bibliotheken spielen die Kürzungen der Ankaufetats eine wichtige Rolle. Damit können Sie immer weniger attraktive Angebote machen.

Haben die Bibliotheken demzufolge mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen?

Die Besucherzahlen steigen immer noch leicht an. Die Zahl der Bibliotheken ist seit einigen Jahren relativ konstant mit 104 hauptamtlich geleiteten und 154 kleineren, nebenamtlich oder hauptamtlich geleiteten Bibliotheken in Thüringen.

Wie viele Büchereien sind in den ersten Jahren nach der Wende geschlossen worden?

Zu DDR-Zeiten hatten wir in Thüringen weit über 1000 Bibliotheken. Es gab allerdings auch Minibibliotheken: eins, zwei Bücherregale im Vorzimmer des Bürgermeisters. Damit hat sich aber auch die Nutzungszahl für die erhalten gebliebenen Bibliotheken stabilisiert.

Welche literarische Gattung ist die beliebteste?

Es gibt in Thüringen einen deutlichen Trend: einen Rückgang der Sachbuchausleihen und ein Ansteigen der Belletristik. Allerdings beobachte ich diese Entwicklung in meiner Bibliothek nicht. In den letzten Jahren haben wir unsere Zusammenarbeit mit den Schulen stark intensiviert. Dadurch wird die Sachliteratur gut genutzt. Außerdem haben wir das große Glück, zum kommunalen Eigenbetrieb Jena-Kultur zu gehören. Damit haben wir Planungssicherheit. Das haben andere Bibliotheken nicht. Ein ganz krasses Beispiel ist Eisenach. Die Stadt steht unter Zwangsverwaltung. Für jeden Bleistift und jede Zeitschrift, die die Bibliothek anschaffen will, müsste ein Antrag geschrieben werden.

Sind in der Belletristik die Bestseller am begehrtesten?

Viele orientieren sich an den Besteller-Listen. Wir haben deshalb auch einen Bestseller-Service eingerichtet. Wenn wir einen Bestseller ankaufen, dann nur als einzelnes Exemplar. Das verursacht aber lange Wartezeiten. Deshalb haben wir geschaut, wie andere Bibliotheken mit dem Problem umgehen. Die haben Mehrfachexemplare in Kommission von einer Buchhandlung übernommen. Wenn jetzt ein Besucher ein solches Buch haben möchte, das bereits ausgeliehen ist, kann er es innerhalb von 30 Minuten mitnehmen.

Der Bibliothekstag will sich mit dem Thema Ausbildung beschäftigen.Wie hat sich das Berufsfeld des Bibliothekars verändert?

Früher hat man zur Bücherrecherche verschiedene Kataloge benutzt: den Autoren-, den Stichwort- und den Systematischen Katalog. Heute arbeitet man viel einfacher mit dem elektronischen Katalog. Für den Bibliothekar haben sich also seine wichtigsten Arbeitsmittel verändert. Eine zweite große Veränderung war, dass sich die Bibliotheken zu Verbünden zusammengeschlossen haben.

Zur Erleichterung der Fernleihe?

Zum einen. Zum anderem, um bei Internetangeboten zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel haben 2008 zehn öffentliche Bibliotheken in Thüringen einen kleinen elektronischen Verbund gebildet, das Thüringer Bibliotheksnetz. Es ist auf der Internetseite www.thuebibnet.de zu finden. Dort können Nutzer Zeitschriften und Zeitungen vom Heimcomputer aus abrufen, aber auch Belletristik, Sachbücher, Tonträger und eine Reihe Filme. Insgesamt liegen 25 000 Medien auf einem Server.

Wer digitalisiert die Medien?

Das machen die Verlage selber.

Gehen die Verlage nicht auf die Barrikaden, wenn die Leser im Internet völlig legal aktuelle Bücher runterladen können?

Nein, das Ausleihsystem ist das Gleiche wie in Bibliotheken. Wenn ein Titel schon ausgeliehen ist, muss er vorbestellt werden. Ist die Nutzungsdauer abgelaufen, wird der Zugriff gesperrt.

Gespräch: Ulrike Merkel