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13.12.2003

Besucht: Indianerbuchautorin aus Thüringen

von Frank Quilitzsch TLZ

Ihre Heimat ist Thüringen, ihr Herz gehört den Indianern: Viermal bereits besuchte Antje Babendererde Reservationen in Arizona, Süddakota und Kanada.

Man könnte sie leicht selbst für eine Indianerin halten: braune Augen, dunkler Teint, markante Nase, schwarzes, straff nach hinten gekämmtes Haar und exotische Ohrringe. Und dann dieser Name: Ba-ben-der-erde. Und der Name des Ortes, in dem sie wohnt: Liebengrün! Worte wie Stammessprache und reine Poesie. Doch Liebengrün liegt hinter Ranis und Ziegenrück, mitten in der ostthüringischen Prärie. Und indianisch ist auch nur der Schmuck, den die Frau trägt - ein kunstvolles Geflecht aus Stachelschweinborsten und bunten Perlen - und, natürlich, ihre Seele.

Antje wurde nicht in einem Reservat von South Dakota, sondern in Jena geboren. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist sie in Gotha. Seit ihrer Kindheit träumt sie sich fort in die Welt der Cheyenne-, Navajo-, Cree-, Makah- und Lakota-Indianer. Abenteuerlust? Sie lacht. "Vielleicht. Aber vor allem Neugier und Sympathie." Und ein Gespür für das Unrecht, das den nordamerikanischen Naturvölkern über Jahrhunderte von den weißen Eroberern zugefügt wurde.

Die Schriftstellerin Antje Babendererde ist keine Erbin von Winnetou und Old Shutterhand, sondern eine "Tochter" der Liselotte Welskopf-Henrich, die in ihren Romanen den Klischees und der Kriegsbeilromantik eines Karl May ein den historischen Tatsachen entsprechendes und dennoch fantasievolles Bild der Indianer entgegengesetzt hat. "Ich wollte wissen, was aus ihnen geworden ist, wie sie heute leben, was sie denken und fühlen," sagt die freiberufliche Autorin.

In ihrem gerade erschienenen Buch "Wundes Land" reist eine junge Entwicklungshelferin nach South Dakota in das Indianerreservat Pine Ridge. Sie gewinnt Einblick in die schwierigen Lebensumstände der Lakota-Nachkommen und gerät bei ihrem Versuch, sich einzumischen und den Brüdern und Schwestern zu einer modernen Lebensweise zu verhelfen, zwischen die Fronten. Hinter der Erzählerin spürt man die Autorin, und auch wenn die spannende Kriminalhandlung - es gibt unter anderem einen Mord aufzuklären - weitgehend erfunden ist, so sind doch die Fakten und Hintergründe sorgfältig recherchiert.

Reisen ins Reservat

"Wundes Land" ist bereits das fünfte Buch, das Antje Babendererde seit 1996 veröffentlicht hat. 1999 erschien "Der Pfahlschnitzer", die Liebesgeschichte zwischen einer deutschen Völkerkundlerin und einem Makah-Indianer. Am erfolgreichsten ist ihr Jugendbuch. Für "Der Gesang der Orcas" hat sie gerade den Jugendliteraturpreis der Stadt Nettetal (Nordrhein-Westfalen) erhalten. Drei weitere Romanmanuskripte schlummern in der Schublade. Nein, die werde sie nicht mehr publizieren, sagt die Indianerfreundin, mit denen habe sie sich "freigeschrieben".

Das war noch in jener Zeit gewesen, da sie sich manchmal aus der Wirklichkeit fortträumen wollte. Mit vierzehn hatte sie angefangen, "kleine Romane" zu schreiben, mit achtzehn wieder aufgehört. Der Alltag holte sie ein. Abitur, Erzieherin, Töpferlehre in Saalfeld, Arbeitstherapeutin im Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie in Stadtroda. 1987 Umzug nach Liebengrün, in ein 400-Seelendorf zwischen den Saaletalsperren. Verheiratet, zwei Kinder. 1989 gründete sie auf dem Bauernhof eine eigene Töpferwerkstatt. Nach der Wende, als Keramikerzeugnisse kaum mehr gefragt waren, widmete sich Antje Babendererde dem professionellen Schreiben.

Nach dem Fall der Mauer bot sich plötzlich die Chance, sich selber ein Bild von der Lebenswelt der Indianer zu machen. 1994, während einer neunwöchigen Reise durch verschiedene Reservationen in den USA und Kanada, erfuhr sie, wie wenig ihre Vorstellungen mit der Wirklichkeit gemein hatten. "Ich hätte das Schreiben aufgeben können. Doch es wurde ernst. Keine Träumerei mehr, sondern harte Realität." 80 bis 90 Prozent Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, hohe Kriminalitätsrate und Resignation unter der Jugend - die echten Indianer gelten in ihrem Mutterland als Menschen zweiter und dritter Klasse. Pine Ridge, das ärmste Reservat in Nordamerika, hat Antje Babendererde insgesamt dreimal besucht. Und natürlich Wounded Knee, den Ort des 1973 vom US-Militär blutig niedergeschlagenen Aufstands. Ihre Hoffnung, dass sich die Situation zum Besseren verändern lässt, ist mit jedem Besuch gewachsen, was vor allem daran liegt, dass sie viele Freunde unter den Indianern und europäischen Helfern gefunden hat.

Im Frühjahr 1999 erfuhr sie aus der Zeitung, dass den Makah-Indianern nach 80 Jahren wieder die traditionelle Waljagd erlaubt worden sei. Im Sommer reiste sie an die Nordwestküste Nordamerikas, um an Ort und Stelle zu recherchieren. Zum ersten Mal ist sie ganz allein unterwegs, nächtigt im Zelt auf einem Campingplatz, befragt Leute und nimmt Kontakt zu Umweltschützern auf. In "Der Gesang der Orcas" verknüpft sie den Tatsachenbericht mit einer Liebesgeschichte: Auf einer Urlaubsreise mit ihrem Vater verliebt sich die 15-jährige Sofie in einen 16-jährigen Makah-Indianer ...

Zuvor hatte sie den Stoff bereits in dem Roman "Der Walfänger" verarbeitet. Darin schildert die Autorin aus der Perspektive eines Beteiligten den Gewissenskonflikt zwischen traditioneller Fangmethode und den Geboten des Tierschutzes. "Als ich dort war, habe ich mich gefragt, auf welcher Seite ich eigentlich stehe - auf der Seite der Indianer oder der Tierschützer", erinnert sich Antje Babendererde. "Ich hoffte, wenn ich das Buch schreibe, würde ich es erfahren. Der Roman ist fertig, und ich weiß es immer noch nicht."

Gesang der Orcas

Die Gestaltung realer Widersprüche machen die neue Qualität ihrer Bücher aus. Im nächsten Jahr wird die Autorin die Gründerin des Lakota-Village Fund e. V. ins Pine Ridge Reservat begleiten, die zusammen mit Indianern am American Horse Creek ein Kulturzentrum errichten will. Zu den Unterstützern des Vereins gehört auch Ex-Beatle Paul McCartney. "Vielleicht gibt das Projekt genügend Stoff für ein Reportagebuch her", hofft Antje Babendererde, und ihre braunen Augen leuchten. Noch sitzt sie geduldig in ihrem Liebengrüner "Reservat" und tippt einen indianischen Detektivroman in den Computer.

Aus dem Regal schaut mich ein Foto von Defa-Indianer Gojko Mitic an, den sie kürzlich in Leutenberg an der Saale getroffen hat. Dort waren einst Szenen zu "Tecumseh" gedreht worden. Mitic, erzählt sie, sei auch bei einer Filmvorführung bei den Lakota und Schwarzfußindianern gewesen; diese hätten sich köstlich amüsiert, aber auch die Solidarität zu würdigen gewusst.

Was sind das für merkwürdige Kescher da an der Wand? "Traumfänger", sagt Antje Babendererde. Wie ihre Romanheldin in "Wundes Land" sah sie diese zum ersten Mal in einer Vitrine auf dem Flughafen von Rapid City. "Die Perle symbolisiert eine Spinne, die das Netz des Lebens webt. Es fängt die Träume auf. Die schlechten fallen durch das Loch in der Mitte, die guten gleiten über die Federn und Bänder in den Kopf des Träumers." Doch bei diesen hier handelt es sich nicht um Touristensouvenirs. Ein indianischer Strafgefangener, mit dem die Autorin acht Jahre im Briefwechsel stand, hat die "Traumfänger" eigens für sie gefertigt und ihr geschenkt. Der Mann, wegen Raubmordes verurteilt, wurde inzwischen hingerichtet.

Da ist sie wieder, die harte, unversöhnliche indianische Wirklichkeit, an der man nicht vorbeischreiben kann.