Presse - Details

 
20.12.2013

Berühmte Plagiate und Lust auf gereimte Paragraphen

von Frank Quilitzsch TLZ

Publizierte einen Essay über Plagiat und Fälschung in der Kunst: Der in Solingen-Ohligs geborene und seit 2001 in Thüringen lebende Christoph Schmitz-Scholemann ist Richter und Dichter aus Leidenschaft - hier steht er vorm Goethehaus in Weimar. Foto: Peter Michaelis

Der Bundesarbeitsrichter Christoph Schmitz-Scholemann aus Weimar spricht im TLZ-Interview über Berührungen zwischen Justiz und Poesie

Weimar/Erfurt. Kaum einer vereint Poesie und Paragraphen auf so originelle Weise wie Christoph Schmitz-Scholemann. Der in Weimar lebende 64-jährige Richter am Bundesarbeitsgericht in Erfurt frönt in seiner Freizeit der Dichtung. Neben Essays, Radiofeatures und Nachdichtungen hat er einen eigenen Gedichtband veröffentlicht. Schmitz-Scholemann ist zudem Vorsitzender des Thüringer Literaturrats. Wir sprachen mit ihm über seine Doppelexistenz als Richter und Dichter.

Herr Schmitz-Scholemann, Sie waren, ehe Sie Rechtswissenschaft studierten, Reporter bei einem Verlag. Was haben Sie da gemacht?
Ich war bei einem Ableger der Satirezeitschrift "Pardon", die im Verlag Bärmeier & Nikel in Frankfurt erschien und Politik mit Humor verband. Die hatten sich 1968 entschlossen, eine Schüler-Illustrierte mit dem Titel "Underground" zu gründen. Dort habe ich nach meinem Abitur ein Jahr mitgearbeitet und zahlreiche Artikel verfasst.

Warum haben Sie wieder aufgehört?

Weil ich merkte, dass mir dieses schnelle Schreiben, das bei Zeitungen und Zeitschriften gefragt ist, nicht lag. Ich kam dann auch zum Zivilersatzdienst.

Da waren Sie ja bereits auf der literarischen Laufbahn und haben sich dann doch für das Richteramt entschieden?
Ja, aber das Literarische ist mein Ureigenstes geblieben. Sie fahren, was das Publizieren betrifft, bis heute zweigleisig und verfassen sogar juristisch-literarische Texte - wie muss man sich die vorstellen? Na, zum Beispiel in Form von Rundfunkfeatures. Eines heißt "Im Namen der Robe. Richterbilder in Oper und Literatur". Ein anderes handelt von dem Prozess gegen Baudelaire, der 1857 wegen seiner Gedichtsammlung "Die Blumen des Bösen" verurteilt wurde - wegen "Beleidigung der öffentlichen Moral". Und vor zwei Jahren habe ich einen Essay über Plagiat und Fälschung veröffentlicht, unter dem Titel "Wie man mit Lob und gutem Gewissen aus ander Schriften abschreiben möge - Leitfaden für Plagiatoren und alle, die es nicht gewesen sein wollen". Der ist zwar genau in der Karl-Theodor-zu-Guttenberg-Zeit erschienen, war aber lange vorher konzipiert.

Da hatten Sie ja einen guten Riecher.
Der Aufsatz ist nicht bierernst gemeint, denn ich bin ja kein Plagiatsjäger. Ich habe lediglich versucht, die Phänomenologie von Plagiaten im literarischen Bereich ein wenig aufzufächern.

Wer sind denn die berühmtesten Plagiatoren?
Na, der allergrößte wohnt gleich hier nebenan.

Sie meinen den Herrn Goethe?

Goethe hat für seinen "Clavigo" weite Teile komplett bei Beaumarchais abgeschrieben. Den er auch auftreten lässt im "Clavigo". Goethe ist ein frecher Hund und hat das nie bestritten. Er sagte, die Freiheit nehm ich mir, und was gut ist, ist meins.

Dazu fällt einem auch Brecht ein, der seine Geliebten für sich schreiben ließ.
Und vergessen wir Shakespeare nicht, der zahllose "Anleihen" genommen hat. Von daher ist das nicht etwas so furchtbar Neues. Man muss allerdings sagen: Was Goethe letztlich daraus gemacht hat, ist schon wieder etwas Eigenes. Viel diskutiert wird über Paul Celans "Todesfuge", für die es eine Reihe von "Vorbildern" gibt, sogar in der Dichtung von Yvan Goll. Und Celan hat ganze Verszeilen aus einem Sonett seines Czernowitzer Schulfreunds Immanuel Weissglas übernommen. Weissglas hat ihm sein Sonett im März 1970 zugeschickt, und am 20. April 1970 nahm sich Celan das Leben. Es ist nicht sicher, ob da ein Zusammenhang besteht. Grundsätzlich muss man bedenken: Keiner, der schreibt, fängt bei Null an.

Weil man als Schriftsteller vor allem lesen muss.
Schon Aristoteles sagt: "Alle Kunst ist Nachahmung." Bedenklich wird es, wenn einer dreißig, vierzig Seiten übernimmt, ohne Eigenes hinzuzufügen. Einen solchen Fall habe ich auch. Interessant ist, dass Plagiieren bis ins 19. Jahrhundert nicht verboten war. Die Urheberrechtsbewegung fing im 18. Jahrhundert in England an, und in Deutschland hat sich als erster der Philosoph Fichte darum verdient gemacht. Bis dahin war die Dichtung vogelfrei. Denken Sie mal an Cervantes "Don Quichote", dessen erster Teil nicht nur von anderen Autoren nachgeahmt, sondern auch weitergeschrieben wurde. Als Cervantes dann seinen zweiten Teil schrieb, ließ er den plagiierten Don Quichote bei sich auftreten - da begegnen sich auf einmal der echte und der falsche.

Großartig!
So hat er sich gewehrt, mit literarischen Mitteln. Das war auf die Dauer auch viel wirksamer als ein juristisches Vorgehen.

Im Grunde haben Sie bereits auf meine noch gar nicht gestellte Frage geantwortet, ob sich Poesie und Paragraphen denn ausschließen.
Nein, jedenfalls nicht gänzlich.

Wir müssen noch über Ihre Abhandlung sprechen, mit der Sie 1996 den Essaypreis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewonnen haben. Das Thema lautete: "Hilft das Fernsehen der Literatur?"

Diese Arbeit hat mit Recht gar nichts zu tun.

Wie haben Sie die Frage beantwortet?
Ich habe sie offen gelassen. Der Essay ist in die Form eines Briefwechsels gekleidet, in dem sich zwei Freunde über die Beziehung zwischen Literatur und Fernsehen unterhalten. Der eine vertritt die Meinung, dass das Fernsehen durchaus ein populäres Medium ist, um Literatur zu vermitteln - durch Literaturverfilmungen und literarische Talkshows. Damals gab es noch das "Literarische Quartett" und die Büchersendung von Elke Heidenreich. Die sind leider passé.

Dafür gibt es jetzt Denis Schecks "Druckfrisch".
Ja, aber wo wird diese Sendung platziert? Sehr spät am Abend. Weil der Bücherschreck die Bestseller in die Tonne haut. Das verdirbt manchem das Geschäft. Ich finde das auch ein bisschen überzogen. Andere Autoren hebt Scheck in den Himmel, wo sie auch nicht hingehören. Das "Literarische Quartett" war viel lebendiger. Da gab es auch Gegenstimmen. Zum Beispiel wurde, was Reich-Ranicki für Kitsch hielt, von Sigrid Löffler oder Hellmuth Karasek verteidigt. Das war doch gerade das Spannende, dass über Bücher heftig gestritten wurde.

So richtig weiß ich noch immer nicht, wie das Fernsehen der Literatur helfen kann. Wenn man von der Flimmerkiste nicht weg kommt, hat man doch gar keine Zeit mehr zum Lesen"...
Das ist wohl war. Mein Fazit lautete daher: "Das Fernsehen hilft der Literatur so, wie die Literatur der Musik hilft und die Musik den Vögeln beim Singen."

Und dafür haben Sie den Preis gekriegt?
Irgendwie muss mein Text die Jury überzeugt haben. Ich habe den Essay weder aus literaturwissenschaftlicher noch aus medienwissenschaftlicher Sicht geschrieben. Ich dachte mir, du schreibst mal auf, was du darüber denkst - und zwar so unterhaltsam wie nur möglich. Offenbar hat das funktioniert. Der Text wird sogar in literaturwissenschaftlichen Seminaren besprochen.

Und wie halten Sie es mit dem Internet?
Das hilft mir beim Übersetzen und Nachdichten. Ich bin zum Beispiel auf den "Poem Hunter" abonniert. Da kriege ich jeden zweiten Tag ein paar Gedichte zugeschickt. Die kann ich gar nicht alle lesen. Aber ich kriege sie direkt aufs Smartphone, und wenn ich Zeit habe, gucke ich drauf: Was hast du da? Manchmal bin ich baff, was da kommt.

Haben Sie heute auch schon ein Gedicht bekommen?

Ja, eins über den Ersten Weltkrieg: "Das Ende der Welt" von einem Amerikaner namens Archibald MacLeish, der ein Vertreter der "lost generation" war. Es ist in Englisch, weshalb ich nicht alles verstehe, aber manches doch ganz gut.

Eine weitere Leidenschaft von Ihnen ist das Übersetzen und Nachdichten. Sie haben zum Beispiel eine Auswahl von Horaz-Briefen aus dem Lateinischen übersetzt.
Ich sitze auch jetzt an einer Übersetzungsarbeit. Und zwar wollen wir 2014 eine Gruppe belgischer Dichter nach Thüringen holen, die ein Europäisches Grundgesetz in Versen geschrieben haben. Darin geht es um die Ressentiments zwischen den europäischen Ländern und um die Rechte von Migranten. Das Buch ist bereits auf Niederländisch erschienen, und ich versuche, es ins Deutsche zu übertragen. Wir wollen die Übersetzung am 8. Mai nächsten Jahres in Erfurt und kurz danach in Weimar präsentieren.

Also tatsächlich gereimte Paragraphen?

So ist es. Einer beschreibt zum Beispiel das Grundrecht auf einen Apfelbaum: "Hier heeft eenieder recht op appelbomen"..."

Das heißt?

"Hier hat ein jeder Recht auf Apfelbäume..."