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05.05.2003

Bericht von der Bundesdelegiertenkonferenz und 1. Fachgruppenkonferenz des Verbandes deutscher Schriftsteller

von Felicitas Kretschmann

Vom 28. ? 30. März 2003 war ich als Delegierte zusammen mit unserem Vorsitzenden York Sauerbier in Wolfenbüttel, einer kleinen gepflegten Stadt in Niedersachsen, wo es noch Gleisübergänge mit Schlagbaum und uralte intakte Eisenbahnsignale mit Armhebel gibt.
Bekanntlich lebte Lessing die letzten Lebensjahre in Wolfenbüttel und schrieb dort u.a. seinen ?Nathan der Weise?.
Lessing war an der berühmten Herzog-August-Bibliothek Bibliothekar.
Während der Tagung war Gelegenheit, anlässlich einer Buchlesung mit Martin Walser diese Bibliothek zu besuchen und es gelang mir auch eine Stippvisite im Hause Lessing.
Es gab dort eine Menge zu lesen und anzuschauen.
Ich möchte meinen Vortrag mit einer kleinen Lessingschen Fabel beginnen:
Die Nachtigall und die Lerche
Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über alle Fassung des größten Teils ihrer Leser nehmen? Was sonst, als was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte: ?Schwingst du dich, Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehört zu werden??

Die Bundesdelegiertenkonferenz war an verschiedenen Stellen immer wieder deutlich geprägt von dem Geschehen und den Gedanken an den Krieg im Irak. So bat der Vorsitzende des VS und Krimiautor Fred Breinersdorfer die Delegierten zu Beginn um eine Schweigeminute. Außerdem wurde eine Resolution gegen den Krieg verfasst und verlesen, die auf dem Wolfenbütteler Mark einer Friedenskette, zu der eine Schülervereinigung aufgerufen hatte, überreicht wurde.

65 Autorinnen und Autoren trafen sich in der Bundesakademie in Wolfenbüttel, um nötige berufspolitische und kulturpolitische Aufgaben zu beraten sowie Anträge vorzubringen und zu verabschieden. Die Delegierten vertraten dabei ca. 4000 Autoren und Übersetzer in ganz Deutschland.
So wurden aktuelle Themen behandelt, wie ?Gemeinsame Vergütungsregeln für Autoren und Übersetzer im Zuge des novellierten Urhebervertragsrechts?, das ?Künstlergemeinschaftsrecht? sprich Goethegroschen, die katastrophale Lage der Bibliotheken durch den Abbau der Kulturhaushalte, nach Pisa nun z. T. 60 %ige Kürzungen bzw. völlige Schließungen von Stadtteilbibliotheken, womit natürlich die Eventkultur befördert, die Leselust von Kindern und Jugendlichen aber noch mehr gebremst wird.

Thema der Tagung war auch die Einrichtung von ?mediaphon? ? ein allgemeiner Beratungsservice für Künstler, sozusagen eine zentrale Anlaufstelle für alle Probleme...
Zur Sprache kam ein weiteres Vorhaben ? nämlich die Einrichtung einer Bundes-Kulturstiftung, um mittlere Projekte zu fördern, Kulturerbe, Auslandskultur...
sowie ein Vorschlag, auf Bundes- oder Landesebene, einen sogen. Verfügungsfond für sozial besonders Schwache einzurichten...

Einen sehr interessanten Vortrag hielt Heinrich Bleicher-Nagelsmann über die Mühen des Sisyphos im Schriftstelleralltag.
Mir sind ein paar Gedankenfetzen davon im Gedächtnis geblieben, z. B.
-wie schreiben wir über den Krieg, angesichts des Krieges oder gegen den Krieg
-Kriege , die in Zukunft vielmehr um Wasser als um Öl geführt werden...
-das Ende eines Krieges ist immer die nächste Vorkriegszeit...
-wie nehmen Autoren diesen Zustand wahr...
-er entwickelte die Idee eines möglichen Tag- und Nacht-Literaturkanals
-er verwies nachdrücklich auf die Sorge um das Überleben von Autoren im Ausland...
-mahnte den Erhalt der kulturellen Vielfalt aller Künste an, für die Würde des Menschen, gegen bloßen kulturellen Konsum...
Leider gab es diesen Vortrag nicht als Kopie wie in den anderen Jahren.

Ein weiterer Vortrag befasste sich mit dem sogen. Literaturkanon. Die jeweiligen Schriftstellerverbände sollen
Orientierungshilfen für Schulen geben, das bedeutet eine stärkere Mitarbeit und bewusste Einmischung von Autoren in Deutschlehrpläne, tradierenswerte Literaturempfehlungen; Schullesungen und Workshops in Lehrpläne mit einzubeziehen...

Helga Pfetsch referierte über nötige Entwicklungen im Übersetzerverband. Es wurde u. a. über einen Antrag abgestimmt, dass künftig die Namen der Übersetzer neben dem Autor als gleichberechtigte Urheber eines Werkes benannt werden sollen.

Insgesamt wurde auf der Tagung immer wieder betont, dass Autorinnen und Autoren ihre spezifische Verantwortung mehr wahrnehmen sollten, sich selbst kümmern, eine stärkere Einmischung in der Öffentlichkeit üben, z. B. mit dem Thema, ?Gewalt?
an Schulen gehen. In dem Zusammenhang wies Jürgen Alberts nochmal auf seine Aktion zum 9. November hin mit dem Buch ?Papa, was ist ein Fremder?, die seit drei Jahren läuft und auch weitergeführt werden soll. Bei Interesse können Sie sich gern bei York Sauerbier oder mir , oder natürlich übers Internet bei Jürgen Alberts persönlich darüber informieren.

Einen Nachmittag lang wurden die von den einzelnen Landesverbänden eingereichten Anträge besprochen und verabschiedet. Von unserem Thüringer Verband gab es zwei Anträge: Zum einen schlägt er zur Verbesserung der sozialen Situation freischaffender Autoren, die Gründung einer Stiftung vor. Zum anderen protestieren Thüringer Schriftsteller im Namen des Vorstandes des VS gegen die Präsenz der Bundeswehr auf deutschen Buchmessen.

Begleitet wurde die Bundeskonferenz von einigen Schullesungen und zwei literari-schen Abenden, eine Nacht der Krimiautoren und wie schon gesagt einer höchst interessanten Lesung mit Martin Walser und seinem Buch ?Tod eines Kritikers?.