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07.06.2008

Belmondo des Ostens

von Frank Quilitzsch TLZ

Berlin/Ranis. (tlz) Ursprünglich, so erfährt man im Kapitel "Die Legende von Paul und Paula", hatte Ingrid Reschke Ulrich Plenzdorfs Buch verfilmen sollen, und Angelica Domröse und Winfried Glatzeder standen gar nicht auf der Besetzungsliste. Doch dann kam die 35-jährige Regisseurin bei einem Autounfall ums Leben. Heiner Carow erhielt den Auftrag von der Defa, schrieb zusammen mit Plenzdorf das Drehbuch um, und Glatzeder wurde zu Probeaufnahmen eingeladen. Irgendwann hielt er dann die zarte Angelica Domröse in den Armen.
"Sie hat mich überrumpelt, nicht nur als Paul, sondern auch als Schauspieler", erinnert sich Glatzeder in seiner Autobiografie "Paul und ich". "Meine Unsicherheit, Unentschlossenheit und Verkrampftheit gewannen in der Figur des Paul ein Maß an Authentizität, das ich auch Angelicas leidenschaftlichem und natürlichem Spiel zuschreibe. Meine ständige Sorge, neben ihr schauspielerisch nicht bestehen zu können, gab meiner Figur erst ihre Glaubwürdigkeit."

Tragik und Glück liegen manchmal dicht beieinander - im Film wie im Leben. Wäre das schreckliche Unglück nicht passiert, Paul und Paula hätten heute andere Gesichter und der Film womöglich niemals Kultstatus erlangt. So aber verbindet man den sympathischen Schlaks für immer mit jenem Zögerer Paul, der sich spät, dann aber radikal für seine Liebe entscheidet.

Kabarettgruppe im VEB Kühlautomat

In "Paul und Ich" erzählt Winfried Glatzeder knapp und pointiert, wie das Kriegskind - "auf einem kurzen Fronturlaub gezeugt, zwischen zwei Schlachten in einer heißen Julinacht 1944 irgendwo zwischen Danzig und Lemberg" - ohne Vater, dafür mit zwei Müttern aufwächst. Der Mauerbau beendet 1961 die Ost-West-Passagen des Jungen, der im VEB Kühlautomat in Berlin-Johannisthal Maschinenbauer mit Abitur lernt und eine betriebseigene Kabarettgruppe gründet - Beginn eines abenteuerlichen Schauspielerlebens, das Glatzeder an die Volksbühne unter Benno Besson und später, nach seiner Ausreise aus der DDR 1982, ans Düsseldorfer Schauspielhaus führen sollte. Das ist wunderbar leicht in Episoden erzählt, mit Humor und einem Schuss Selbstironie, wobei die Kapitelanfänge fast literarische Qualität erreichen. Daran hat Koautorin Irene Runge vermutlich großen Anteil, wenngleich ihr Name nur auf dem Innentitel des Bandes erscheint.

Glatzeder startet am Hans-Otto-Theater Potsdam, doch als "Belmondo des Ostens", wie ihn die Freunde nennen, macht er zunächst Filmkarriere. In vier Jahrzehnten dreht er mit Regisseuren wie Frank Beyer, Egon Günther, Margarethe von Trotta, Horst Seemann und István Szabó und beweist dabei vor allem sein Talent als Komödiant. Kurz nach dem "Paul und Paula"-Erfolg von Carow besetzt ihn Rainer Simon als Titelhelden in "Till Eulenspiegel" nach der gleichnamigen Filmerzählung von Christa und Gerhard Wolf. Der subversive Streifen erregt den Argwohn des Politbüros, weil die Streiche des Rebellen Till doppeldeutig sind: "Er zeigte die Einfalt und ideologische Verführbarkeit des Volkes und sein gnadenloses Ausgeliefertsein gegenüber Kaiser, Fürsten, Landvögten und Bischöfen - so mancher SED-Bezirkschef soff wie ein mittelalterlicher Landfürst, fraß, bestellte sich die Schönen des Landes ins Bett und konnte mit einem Federstrich eine Existenz auslöschen", erinnert sich der Hauptdarsteller. Glatzeder erzählt, wie ihn die Stasi vergeblich anzuwerben versucht und ihm auf ihre Weise treu bleibt, bis der Unruhestifter schließlich dem "unerträglich chaotischen Mief" der DDR den Rücken kehrt.

Nach der Vereinigung "Tatort"-Kommissar

Glatzeder wollte sich damals nicht zum "politischen Fall" hochstilisieren lassen und tut es auch aus der Rückschau nicht. Im Westen kennen ihn nur wenige, das Klima ist unpersönlich und rau. Vor allem in der Filmbranche muss alles hopp-hopp gehen, manchmal wie im Schweinsgalopp. Manfred Krug und Jurek Becker geben Ratschläge, doch es dauert bis nach der deutschen Vereinigung, ehe ihm die Rolle des "Tatort"-Kommissars Ernst Roiter angeboten wird. Glatzeder: "Ich erinnerte mich in jener Zeit oft an Peter Beauvais´ so treffenden Satz vom schnellen Schwein. Und so drehte ich zwölf Folgen mehr oder weniger lahme Schweine."

Den stärksten Eindruck hinterlassen die Kindheitserinnerungen. Die harte Nachkriegszeit hat den trotz mancher Eitelkeit bescheiden gebliebenen Mann geprägt. Leidenschaft, Charme und manche kleine Schwäche machen diesen Paul, der 2008 - nach 35 Jahren! -, wieder mit Paula Angelica Domröse in einem Theaterstück auf der Potsdamer Bühne steht, liebenswert.

i Winfried Glatzeder: Paul und ich. Autobiographie, Aufbau-Verlag, Berlin, 238 S. mit Abb., 19.95 Euro.Winfried Glatzeder liest am 20. Juni, 19 Uhr, im Weimarer Forum Seebach und am 21. Juni, 16 Uhr, im Rahmen der Literatur- und Autorentage auf der Burg Ranis.