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19.02.2012

Bei Lettau am Domplatz - Ein literarischer Spaziergang

von Martin Straub TLZ

Zur Südseite des Erfurter Domplatzes führt eine von Paaschs Routen. Im Haus "Hohe Lilie" wurde 1624 der Sprachforscher Johannes Hiob Ludolf geboren. Im Haus rechts daneben kam 1929 Reinhard Lettau zur Welt. Sein Werk wird gerade wieder entdeckt. Foto: Lydia Werner

Manfred Paaschs "Literarische Spaziergänge durch Erfurt" erschienen im Sutton Verlag,

Ursprünglich wollte Manfred Paasch, den wir als Jürgen Paasch kennen, eine Literaturgeschichte Erfurts schreiben. Nur gut, dass er davon abgekommen ist. Frei von chronologischer Ordnung präsentiert er mit drei literarischen Spaziergängen durch Erfurt Schriftsteller-Begegnungen, die sonst Zeitgrenzen verhindert hätten. Die Routen für die Rundgänge sind beigegeben und deren Zeitdauer auch.

Alles in allem trifft der Literaturtourist in acht Stunden, Paaschs Büchlein in der Hand, weit über 100 Dichter. Er erfährt dabei vieles über die Mentalitäts-Stadtgeschichte Erfurts mit ihren Häusern, Straßen, Gassen und Plätzen. Sie werden ja erst lebendig, wenn wir wissen, wer da unter welchen Umständen gelebt hat. Auch ohne Wanderung ist das eine kurzweilige Lektüre. Paasch doziert nicht. Er plaudert, und ist dabei von einer großen Sachkenntnis. Breitet Intimes aus, auch ein bisschen Klatsch und Tratsch. Man lese die Passagen zum Haus Dacheröden. Zudem ist der Band reich mit Fotografien des Autors ausgestattet. Die Rundgänge beschränken sich auf das Stadtzentrum. Eigentlich wollte Paasch noch einen weiteren Gang hinzufügen und zwei Ausfahrten in das Erfurter Umland bis hin zu den "Drei Gleichen". Doch gerade in der nunmehrigen fußläufigen Beschränkung zeigt sich der Meister.

In einem Vorwort und einem Prolog geht er auf die Anfänge der Besiedlungs- und Stadtgeschichte ein, um dann über die literarischen Blütezeiten im Mittelalter zu sprechen. "Im Mittelalter hatten Erfurts Klöster und ihre Stifte, aber auch ein selbstbewusstes kaufmännisches Bürgertum einen insgesamt eigenständigen Beitrag zur deutschen Literatur zu bieten, der in der Mystik, der Scholastik und in der antihöfischen Stadtdichtung seinesgleichen sucht." Man hat den Eindruck, Paasch schaut mit ein wenig Wehmut auf solche Zeiten zurück. Wohl wissend, dass sich gegenwärtiges lebendiges literarischen Leben nicht in Events erschöpft.

Das Reizvolle des Bandes aber ist, wie zwischen den Straßen und Häuserecken die Dichter verschiedenster Zeiten zusammenkommen. Da erfahren wir, dass am Domplatz 31, der "Hohen Lilie", am Freitag, dem 2. März 1522, ein gewisser Junker Jörg zu Mittag speiste. Nun gut, mag da mancher sagen, das habe ich gewusst. Wohl weniger wird er von Johannes Hiob Ludolf wissen. Er wurde 1624 in diesem Haus geboren, studierte in Jena und Leiden. Als promovierter Jurist erlernte er das Äthiopische und "wurde zum Begründer der äthiopischen Sprachwissenschaft". ?

Im "Gespräch" mit den Schriftstellern

Vom Nachbarhaus, Domplatz 32, bezogen Goethe und Schiller ihren Wein. Aber in diesem Haus wurde auch Reinhard Lettau am 10. September 1929 geboren. Ihn beginnt man gerade jetzt wieder zu entdecken. Jüngst erschien in der Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft im Wartburg Verlag sein Romanversuch "Roter Sturm über Thüringen - Deutschlands Herz wird rot", bearbeitet von Christina Onnasch. Ein hochinteressantes Dokument über Erfurt in den ersten Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Soldaten der roten Armee nach den Amerikanern das Zepter übernahmen. Und schließlich kommt in diesem Lettauschen Umfeld Nancy Hünger zu Wort, die einen Titel Lettaus aufnimmt und zur "Frage der Himmelsrichtungen" resümiert.

So entsteht vor dem lesenden Spaziergänger ein überzeitliches Schriftsteller-Gespräch. Dabei ist bemerkenswert, dass unsere Zeitgenossen nicht von den großen Altvorderen überschattet oder gar vergessen werden. Von ihnen erfahren wir viel. Etwa von Gabriele Stötzer, die in Erfurt schrieb und litt, ein mutiges Leben. Oder von Harald Gerlach, Bernd Wagner und Jürgen K. Hultenreich, der im "Haus zum goldenen Schwan" geboren wurde.

Einen freilich erwähnt Paasch nicht, und das ist verwunderlich: Jakob van Hoddis. Sicher, sein Erfurter Ort liegt nicht auf den drei innerstädtischen Routen. Aber im Zusammenhang mit Kurt Pinthus hätte er erwähnt werden müssen. Gibt doch sein Gedicht "Weltende" den programmatischen Auftakt zu dessen berühmter Expressionismus-Anthologie "Menschheitsdämmerung". Also hoffen wir auf eine erweiterte Auflage. Oder darauf, dass Paaschs bereits fertige van Hoddis-Biografie nun endlich das Licht der Öffentlichkeit erblickt.

Manfred Paasch: Literarische Spaziergänge durch Erfurt. Sutton Verlag, Erfurt, 139 S., zahlreiche Abb., 14,95 Euro