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17.09.2004

Bei Jugendlichen Leselust wecken

von Frank Quilitzsch TLZ

Erfurt. (tlz) Die Begeisterung für ihre Arbeit ist der temperamentvollen Frau ins Gesicht geschrieben. Ellen Blumert ist gelernte Erzieherin und literaturverliebt - zwei Voraussetzungen, die sie für ihre Aufgabe geradezu prädestinieren: bei jungen Leuten Lust aufs Lesen zu wecken. Sie kennt die Pisa-Studie, laut der etwa ein Drittel der Jugendlichen Lesen schlichtweg für Zeitverschwendung hält. Weg von Fernseher und Computer - mehr Zeit für ein gutes Buch, lautet ihre Devise. Danach lebt sie, dafür wirbt sie auch im Friedrich-Bödecker-Kreis.

Die Bödeckers sind an Thüringer Schulen und Bibliotheken gern gesehene Gäste. Meist treten sie in Gestalt eines zur Lesung entsandten Autors in Erscheinung, leiten Schreibwerkstätten für Schüler oder Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer, immer häufiger wirken sie unmittelbar an Schulprojekten mit - zu Themen wie "Kultur und Konflikte", "Europa, meine Heimat" oder "Märchen und Sagen". "Wir sind keine Autorenförderer, sondern betreiben Lese- und Schreibförderung für Kinder und Jugendliche", stellt Ellen Blumert klar. "Die Schulen suchen sich ,ihren´ Schriftsteller selber aus, wir geben nur Empfehlungen und vermitteln."

Hoch in der Gunst stünden Thüringer Kinder- und Jugendbuchautorinnen wie Ingrid Annel oder Antje Babendererde, aber auch Schriftsteller wie Landolf Scherzer und Matthias Biskupek, die für ein Erwachsenenpublikum schreiben, würden häufig von Deutschlehrern angefordert, sagt die 38-Jährige.

Ellen Blumert ist seit 2002 Projektmanagerin des Thüringer Bödecker-Kreises, in ihrem Erfurter Büro laufen alle Fäden zusammen. In den letzten Jahren habe sich die Mitgliederzahl um 40 auf 106 erhöht, erzählt sie stolz, knapp die Hälfte sind Autoren, die Mehrzahl bilden Pädagogen, Bibliothekare, Germanisten und literaturinteressierte Eltern. Allen gemeinsam geht es um Leseförderung unter Kindern und Jugendlichen, wie sie schon dem niedersächsischen Lehrer Friedrich Bödecker (1896-1954) am Herzen lag, in dessen Namen sich im September 1954 - also vor 50 Jahren - der Kreis in Hannover gründete.

2240 Veranstaltungen in vierzehn Jahren

Dem niedersächsischen Beispiel folgten bald alle anderen Bundesländer, und nach der Vereinigung schlossen sich die neuen Länder an. Der Thüringer Bödecker-Kreis, der sich schon im Dezember 1990 konstituierte, spielt seine Vorreiterrolle im Osten bis heute.

Früher als anderswo wurde hier erkannt, dass der Schlüssel für die Bildung Jugendlicher in der Lesekompetenz liegt, und dementsprechend gehandelt. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Seit 1991 wurden vom Bödecker-Kreis Thüringen mehr als 2240 Veranstaltungen rund ums Buch für etwa 112 000 Beteiligte organisiert und unterstützt. Eine an alle Schulen versandte Broschüre listet die vierzig im Verein organisierten Autoren auf - mit Kurzbiografie, Werkverzeichnis, Kontaktadresse und Hinweis, für welche Klassenstufen sie lesen. Und jedes Jahr kommen - im Austausch - acht Autoren aus anderen Bundesländern auf Lesereise nach Thüringen.

Die anfallende Arbeit ist ehrenamtlich nicht zu bewältigen. So trägt das Thüringer Kultusministerium einen wesentlichen Anteil der Leseförderung mit, indem es den Bödecker-Kreis und seine gemeinnützigen Aktivitäten finanziell fördert. Blumert weiß, wie stark die Wahrnehmung eines Vereins von seiner öffentlichen Präsentation abhängt, und plant bereits das nächste Projekt: "Im Frühjahr 2005 wird der Friedrich-Bödecker-Kreis erstmals mit einem eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse vertreten sein, und zwar der Thüringer." Die Vereinsfreunde aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg sollen beteiligt werden wie auch der Lese-Zeichen e. V., unter anderem bei einer Podiumsdiskussion am 18. März, zu der der Berliner Kinderbuch-Illustrator Manfred Bofinger bereits zugesagt hat.

Zunächst darf sich Ellen Blumert entspannt zurücklehnen, beim heute beginnenden bundesweiten Jubiläumstreffen der Friedrich-Bödecker-Kreise im Rathaus zu Hannover. Bis Sonntag blicken die Teilnehmer des von der Bundesfamilienministerin geförderten Symposiums auf die fünfzigjährige Geschichte ihres Vereins zurück und diskutieren neue Wege der Leseförderung. Natürlich, so Blumert, werde man die Gelegenheit nutzen, um die Erfolge der Arbeit auch zu feiern.