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04.06.2007

Beharrungen des Schreib-Arbeiters

von Wolfgang Hirsch TLZ

Berlin. (tlz) Mit "schwerer Hand" habe er seine Gedichte und Prosa niedergeschrieben, haftete dem Arbeiter-Schriftsteller Wolfgang Hilbig zeit Lebens als Urteil an. Tatsächlich findet man bei ihm, dem gelernten Werkzeugmacher, der auch als Hilfsschlosser, Erdbauarbeiter und lange als Heizer eine sozialistische Existenz fristete, kaum je eine heitere Wendung, einen beschwingt tänzerischen Duktus oder gar rosarot leuchtende Horizonte. Zu störrisch hielt Hilbig an seinem apokalyptischen Realismus fest und zu unbändig war seine freiheitliche Selbstbehauptung, als dass er dem DDR-Regime jemals hätte genehm sein können. Schreibend stellen wir ihn uns vor mit schwieliger Hand, dickschädelig im dunstigen Kegel seiner Lampe - und von einer nachgerade physischen Anstrengung befangen.
Schilderungen wirklicher Landschaften, Räume mag man, muss man bei Hilbig als solche innerer Zustände lesen. Die Kavernen des Braunkohle-Tagebaus werden ihm zu einer existenziellen Metapher des Porösen, Unbehausten oder das Kesselhaus, der unterirdische Bau des Heizers, zu der eines höllenhaften Refugiums für den dem Kollektiv Unzugehörigen. Die Schreibarbeit war ihm, dieser unbändigen, geschundenen Kämpfernatur, schiere Lebensnotwendigkeit, dem Geruch der Bücher frönte er wie einer opiatischen Stimulanz. Die schonungslose Präzision in der Wahrnehmung seiner Umwelt sowie seine knorrige Nachdenklichkeit darüber dienten dem Individualisten als einzige und subversive Werkzeuge gegen die Vereinnahmung. Jedesmal, wenn er das Erzähler-Pronomen "ich" schrieb, geronn darin der Schweiß dieses Ringens, und "Ich" (1993) hieß auch sein bekanntester, vielleicht wichtigster Roman, der die Identitätsproblematik in der DDR in den Mittelpunkt stellte.

Am 31. August 1941 wurde Wolfgang Hilbig im damals sächsischen, heute thüringischen Meuselwitz geboren und wuchs in der großväterlichen Bergarbeiterfamilie auf. Als junger Mann besuchte er "Zirkel schreibender Arbeiter" und Lyrikseminare für die DDR-Arbeiterfestspiele. Seine düstere Diagnostik der sozialistischen Zustände jedoch behinderte sein Fortkommen. Als 1979 sein erster Lyrikband "abwesenheit" im Westen erschien, wurde er im Osten prompt wegen "Devisenvergehen" - ein üblicher Vorwurf - in Haft genommen.

Franz Fühmann setzte sich für ihn ein und setzte durch, dass Hilbigs Texte in der Zeitschrift "Sinn und Form" und später bei Reclam in Leipzig erscheinen durften. Auch schützte Hilbig nun seine Prominenz im Literaturbetrieb des Westens; 1983 erhielt er dort den Adolf-Grimme-Preis, 1985 den Förderpreis der Akademie der Künste Berlin. Im selben Jahr billigte die DDR-Führung ein Stipendium im Westen. Dort blieb der hierzulande offiziell ungeliebte Hilbig schließlich - und wurde heimatlos.

Der starke innere Druck stieß nun offenbar auf keinen hinreichenden Widerstand mehr, der Autor fand sich selbst im "Zerstreuungsgebiet" und beliebiger Ignoranz ausgeliefert. Im Roman "Das Provisorium" (2000) klagt seine Hauptfigur über Impotenz - was als autobiografische Metapher, nichts mehr ausrichten zu können, verständlich ist.

Dennoch erhielt Wolfgang Hilbig 2002 den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung als die wichtigste Literaturauszeichnung unseres Sprachraums, die diesen wortmächtigen, so übermäßig beschreibungspotenten Autor ehren konnte. 2003 kam sein letztes Buch, "Der Schlaf der Gerechten", heraus.

An Hilbigs persönlichem Glück mag man zweifeln. Er war bekennender Trinker geworden; schon in der Erzählung "Der Durst", die die trostlose Szenerie und den unerträglichen Gestank aus einer Tierkadaver verarbeitenden Chemiefabrik in einer ostdeutschen Kleinstadt beschreibt, heißt es: "Man sitzt und trinkt im Bewußtsein eines Geruchs vor den Türen, der, ein blaues Gas, mit einem matten Phosphorschein durch die Nacht leuchtet (...). Man muß trinken, bis jede Erinnerung an dieses abscheuliche Gas einer trunkenen, schwankenden Gedankenflut Platz macht."

Die Sehnsucht nach Sedierung, nach Ruhe, nach Heimat ist darin erkennbar. Am Sonnabend ist Wolfgang Hilbig, nach einem schweren Leben, an einer Krebserkrankung gestorben. Seine markante, mutige Stimme werden die Deutschen, zumal die im Osten, vermissen.