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02.03.2010

Bankencrash mit Happy End

Von Annerose Kirchner

Kristof Magnusson hat sich für seinen zweiten Roman „Das war ich nicht“ in der Bankenwelt von Frankfurt am Main umgesehen. Seitdem weiß er wie die Broker ticken, wie Transaktionen ablaufen und der Markt funktioniert. Einblicke in das Finanzgeschäft, das er als „informiertes Glücksspiel“ bezeichnet, hat er schon früh gesammelt. Als Jugendlicher, so erzählt der 1976 in Hamburg geborene Autor mit isländischem Hintergrund, steckte er sein Konfirmationsgeld in Aktien von Kali und Salz.
In „Das war ich nicht“ geht es ums Geld, um Karrieren und um eine vorhersehbare Dreiecksgeschichte. Sie beginnt mit Jasper Lüdemann aus  Bochum, der gerade vom Back Office in den Händlersaal der großen Chicagoer Investbank Rutherford & Gold aufgestiegen ist. „Gab bestimmt auch eine Zeit für das Privatleben. Frau. Kind. Später. Ich war erst 31. Zwischen 30 und 40 muss man brennen.“ Jasper zeigt größten Einsatz als funktionierendes Rädchen in einem System mit Hunderten Menschen, 1200 Telefonen und noch mehr Computern. Während Jasper Aktien ordert und Kaufoptionen prüft, bezieht Meike Urbanski ein halbverfallenes Anwesen am norddeutschen Deich. Die Übersetzerin von Groschenromanen bekommt die Chance ihres Lebens. Sie soll den neuen Jahrhundertroman des Bestsellerautors Henry LaMarck übersetzen. Doch der Pulitzerpreisträger leidet am Alter und an einer Schreibblockade. Er hat bisher keine Zeile geschrieben. Meike macht sich auf nach Chicago, um den inzwischen abgetauchten Schriftsteller, der nicht mehr berühmt sein will, aufzuspüren.
Drei Menschen am Scheidewege, die der Zufall zusammen führt in einem geschlossenen, gut unterhaltenden Text, der inzwischen als „Roman zur Krise“ gehandelt wird. Kristof Magnusson begann sein Buch lange vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Von Anfang an steigert er die Spannung wie in einem Krimi, wenn der junge Broker glaubt, er sei ein Entlassungskandidat und dann ohne Skrupel einfach 200 Millionen seiner Bank verzockt, was zum weltweiten Börsencrash führt. Eine Notbremse kann Jasper nicht ziehen, doch hat er Glück im Unglück, kommt als „kleiner Angestellter“ davon. Magnusson erzählt die Geschichte aus den wechselnden Perspektiven seiner Figuren, wobei sich der Leser von Anfang an auf den Broker aus Bochum fixiert. Dieser ist auch der stärkste Charakter mit der stärksten Geschichte. Dafür besitzt Meike viel Herz und Durchsetzungsvermögen. Kein Wunder, dass Jasper auf sie abfährt. Und der alternde Schriftsteller, der sich in das Zeitungsfoto des jungen Brokers verliebt, leer ausgeht. Nach dem Finanzcrash ist der einsame Jasper auf der Flucht. Auch der erschöpfte, dem Literaturbetrieb entfremdete LaMarck setzt sich ab. Beide Männer landen bei Meike, irgendwo
auf dem Land bei Hamburg. Diese auch mit Witz und Charme verbandelten Verknüpfungen, die am Ende völlig offen sind, machen diesen Roman so lesenswert. Und dazu die Insiderkenntnisse der komplexen, abstrakten  Finanzwelt, die Magnusson für den Leser vereinfacht darstellt. Die größte Angst des Traders“, heißt es da bei Jasper, „ist nicht die vor dem Verlust.
Die größte Angst ist die davor, mit einem Verlust allein zu sein.“ Und man erfährt: Börsianern ernähre sich hauptsächlich von Schokoriegeln.

Kristof Magnusson: „Das war ich nicht“. Roman. Kunstmann. 288 S., 19,90 Euro

Der Autor liest am 20.6. auf Burg Ranis zu den 13. Türinger Literatur- und Autorentagen.