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21.02.2014

Autorin Ines Geipel zur "Generation Mauer": "Die DDR war eine Verratskultur"

von Gerlinde Sommer TLZ

Jetzt erscheint ihr Buch "Generation Mauer": Ines Geipel war zuletzt mit "Der Amok-Komplex" Gast bei einer TLZ-Veranstaltung in Weimar. Ihr neues Werk wird sie in Thüringen erstmals bei ihrer Lesung am 10. April in Erfurt vorstellen. Foto: Peter Michaelis

Das neue Buch von Ines Geipel ist auf den Markt: "Generation Mauer - ein Porträt". Die einstige Weltklassesportlerin, die Dopingopfer wurde, befasst sich mit den heute 45- bis 55-Jährigen.

Berlin/Jena. Aufgewachsen in der Honecker-Ära, Internatszeit in Wickersdorf, Studium in Jena, Flucht im Sommer 1989 in den Westen: Ines Geipel hat eine ganz eigene Geschichte. Sie beleuchtet viele Facetten ihrer Generation - und erzählt offen wie nie zuvor über ihr Leben in Ost und West, vor und nach ihrer Flucht kurz vor dem Fall der Mauer.

Wie viel DDR steckt in Ihnen?

Persönlich?

Ja.

Sehr viel. 29 Jahre DDR bedeuten starke Prägung, viel Erfahrung - und dann 25 Jahre danach. Das Leben teilt sich fast durch 1989. Die Prägungen sind da. Sie haben mich reich gemacht; sie schmerzen aber auch.

Reich gemacht?

Im Buch gibt es ein erzählendes Ich und das ist sozusagen ein Kommunistenkind. Im Grunde habe ich das System aus dem Inneren heraus erfahren und zwar mit allem Drum und Dran. Lange habe ich versucht, Distanz zu bekommen - aber inzwischen bin ich mir sicher, dass daraus die Erfahrungen resultieren, die mich politisch geerdet haben. Sie machen letztendlich meine Identität aus, gehören zu meiner Geschichte.

Dazu gehört der frühe Weggang von Dresden, wo Sie als Kind lebten, in das Elite-Internat nach Wickersdorf bei Saalfeld... Dazu gehörte ein Vater, der oft fort war in jener Zeit - weil er, wie sich später herausstellte - im Westen spitzelte...

Ich war ein absolut indoktriniertes Kind. Mit dem Eintritt ins Internat musste ich mich dann sehr früh selbst organisieren. Durch den Sport habe ich schließlich die Welt gesehen. Es war aber noch ein langer Weg bis zur Flucht - und dieser Weg ist es, der mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

Ein wichtige Rolle auf diesem Weg spielte die Liebe...

Ja. Und es war die Liebe, die nicht möglich war. Zu Zeiten des Sportes, als olympisches Spiele bevorstanden, gab es ein Trainingslager in Mexiko - und dort habe ich mich verliebt. Von heute aus betrachtet würde ich sagen: Ich habe mich in das Fremde, in das ganz Andere verliebt. Doch es war klar: Das ist nicht möglich. Im inneren Verteidigen der Liebe gab es rüde Zugriffe von außen. Ich bin aus dem Sportclan gefallen.

In diesem Zusammenhang sind Sie nicht nur beobachtet, sondern auch verraten worden. Gehörte der Verrat zum Alltag der DDR?

Ja. Bei allen ostalgischen Blicken, die nach langer Zeit über uns schwappen, halte ich daran fest, dass die DDR vor allem auch durch diesen Einschluss eine Verratskultur war.

Jeder ahnte: In der Seminargruppe saßen Spitzel

Haben Sie das damals weggedrückt - oder hat es Sie in Ihrem Handeln ständig beeinflusst?

Das war eine hochambivalente Lebenskonstellation. Du wusstest um den Verrat oder spürtest ihn - und trotzdem wolltest du leben. Mir sind aus dieser Zeit Lebensfreundschaften geblieben. Aber wir wussten schon damals: In einer Seminargruppe gab es immer ein oder zwei, die für die Stasisicherheit gespitzelt haben. Im Sport gab es extrem viele... Das war die DDR! Wenn ich zurückblicke, weiß ich: Es war der Vater, der Klassenlehrer, der Trainer, der Freund... Eine ganze Armada von Spitzeln. Seltsamerweise nur Männer; mir ist keine Frau in diesem Zusammenhang bekannt...

Die Stasi ist Vergangenheit...

Aber ich spüre in Gesprächen, dass sich die Ängste von damals bei manchen relativ schnell aktivieren lassen. Die Angstkultur ist mit 1989 zwar weg, aber diese innere Gravur bleibt. Es heißt, unsere Generation sei so glücklich, aber ich glaube, es ist eine gebrochene Generation. Es gibt erstaunlich viele, die keinen leichten Übergang geschafft haben und die sich an ihren inneren Konflikten - symbolisch gesprochen - aufgehängt haben.

Die also in der Vergangenheit festhängen?

Ja.

Erst waren Sie Spitzensportlerin, dann Studentin in Jena - und dort in Oppositionskreisen aktiv. Als alles zu eng war und Sie keine Perspektive mehr sahen, haben Sie das Land verlassen. Sie gingen das Risiko der Flucht ein - nur wenige Wochen vor dem Mauerfall. Hat sich das gelohnt?

Absolut. Man hat mir schon oft gesagt: Die paar Wochen hättest du schon noch warten können... Aber ich würde heute diesen Weg über die grüne Grenze als das Wichtigste bezeichnen, was ich je gemacht habe. Denn das hat mir gezeigt: Ich kann Nein sagen und mich einem unstatthaften Leben entschlagen. Aber natürlich sind Fluchtgeschichten aus den 1970er Jahren ganz andere als solche aus dem Sommer 1989.

Sie landeten mittellos in einer Provinzstadt und mussten hart arbeiten... So haben sich viele DDR-Bürger den vermeintlich goldenen Westen nicht vorgestellt, oder?

Aus der Sicht derer, die damals geblieben waren, heißt es oft: Ihr seid doch dort ins gemachte Nest gefallen. Aber so war das nicht - und deshalb erzähle ich von den harschen Verhältnissen. Ich musste in der Gesindestube anfangen. Und das war gut, weil ich dadurch für mich sortiert haben: Was ist wirklich wichtig im Leben? Was ist nötig, um ein gutes Leben zu führen?

Sie als Serviererin im Dirndl im Darmstadt...

Rosafarben - und mit Puffärmeln...

Im Nachhinein lässt sich darüber lachen. Aber Sie hätten auch hängen bleiben können...

Die Wahrscheinlichkeit war sogar groß. Aber ich hatte in diesen Darmstädter Jahren, in denen ich noch einmal studiert habe, immer diese Fragen in mir: Was mache ich hier? Was sind meine Wurzeln? Wer bin ich eigentlich? Und ich wusste so vieles nicht, was meinen Vater betraf. Die Dopinggeschichte musste geklärt und das Archiv unveröffentlichter Literatur aufgebaut werden. Ich steckte dauernd in solchen Großprojekten, die für mich maßgeblich sein sollten. Es war eine faszinierende Zeit.

Der Westen brauchte den Osten nicht

Aber das Interesse des Westens an solchen Fragen, die die DDR betreffen, ist allenfalls marginal.

Es herrscht nach wie vor eine Schieflage. Der Westen war vollständig, er brauchte den Osten nicht - und das gilt für alle Ebenen. Und es wird wohl noch eine Runde brauchen, bis Parität erreicht ist.

Nochmal 25 Jahren?


Bestimmt. Wir sollten es schaffen, dass sich Ost und West nicht derart abschotten vonein­ander.


Wächst nicht zusammen, was zusammengehört?

Mir fällt vielmehr so eine seltsame Regionalität auf, dieses fast Landsmannschaftliche, wenn ich Politiker-Interviews wie von Matthias Platzeck höre. Wichtig ist doch, dass gesagt wird, was wir gemeinsam mit diesem Land wollen. Ich denke, das Unverhofft-Wunderbare von 1989 könnte in uns größer sein. Bei allen Schwierigkeiten, die da sind, werden doch die Deutschen in Europa und der Welt sehr beneidet um dieses Ereignis. Das sollte uns zu denken geben...

Ihrem Buch jedenfalls kann nicht nachgesagt werden, dass es aus Wut geschrieben wurde...

Mir geht es ums Schildern, nicht um Vorwürfe. Es geht mir um die Erfahrungen meiner Generation, aber nicht nur um mich. Das erzählende Ich ist die Verbindung zwischen starken Geschichten. Ich erinnere mich noch gut an die Vorstellung meines "Amok"-Buches in Erfurt. Da hieß es: Wer ist die eigentlich? Jetzt erkläre ich, woher ich komme - und wie ich als fragiles, wackliges Ich durch die Zeit gehe und versuche, mich zu verhalten. Ich will nichts behaupten, sondern erzählen, wie jemand aus dem inneren Kern des Systems kam, Umwege ging und nicht immer dicke dastand, aber dennoch relativ trotzig weiterging... Es bleibt als Lebensgefühl, nicht die Erfahrung einer schützenden Familie gehabt zu haben. Aber ich sage auch: Man soll sich nicht an den Brüchen festklammern, sondern sich möglichst für die Welt öffnen.

Schauen Sie eigentlich derzeit Olympia?
Wächst nicht zusammen, was zusammengehört?

Kiew passiert. Wenn ich Olympia schaue, sehe ich seltsame Bilder aus einem Sommerort, in dem Sportler im T-Shirt über die wachsweiche Loipe spurten.

Und was bewegt Sie beim Blick auf die Bilder aus Kiew?

Da geht es um einen geharnischten Konflikt. Mein Gefühl sagt mir: Das, was da auf dem Maidan passiert, ist das, was uns Ostdeutschen als eigentliche Ausein­andersetzung abgenommen wurde vor 25 Jahren. Was war das damals hier für ein Glückmoment?! 1989 war klar: Das ganze System löst sich auf. Der Vorgang ging hoch. Heute ist das nicht mehr so einfach. Die Ukrainer werden in einer großpolitischen Wetterlage zerrieben. Und es ist offenbar keine Lösung in Sicht. Es wird wohl noch viele Tote geben. Und die Frage wird sein: Inwieweit kann und will Russland der Ukraine Eigenständigkeit zugestehen?

Buchpremiere bei der Buchmesse in Leipzig ist am Freitag, 14. März, 20 Uhr , in der Stadtbibliothek; Lesung in Erfurt am Donnerstag, 10. April, um 19 Uhr in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße.