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21.03.2011

Autoren, frisch gegart in der Frühlingsrolle

von Frank Quilitzsch

 

Die ironische Nachbetrachtung eines Beteiligten zur Leipziger Buchmesse legt deren Zeitgeist bloß.

Porträt "Ein Buch, Leute, ein Buch!" Verzweifelt reckt der Verleger den Messebesuchern sein neuestes Druckwerk entgegen, ein Exemplar von solchem Gewicht, dass es zur Mordwaffe taugte. Doch die jungen Leute strömen vorbei, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Sie sind mit sich beschäftigt, zupfen an ihren Plüschröckchen, Feenhäubchen und Satanshörnchen, recken die Zauberstäbchen und bloody Schwertlein und halten jeden Schritt auf ihren Handys fest. Leipzig liest? - Leipzig spielt!, sollte das Motto der Buchmesse lauten, die gestern nach vier Tagen ihre Türen schloss, nicht ohne wieder einen Rekord zu vermelden: 163 000 Besucher - das waren wieder ein paar Hundert Mangas, Potters und Batmen mehr als im Vorjahr. Außerdem weiß man, dass zur Messezeit im Großraum Leipzig der Unterricht ausfällt, um in Klassenstärke Bücher anzuschauen. Mitgezählt werden wohl auch die Journalisten, und zwar doppelt und zehnfach, je nachdem, wie viele Tassen Kaffee sie im Pressezentrum trinken. Natürlich gibt es immer noch Leute, die sich für Bücher interessieren, die sie in die Hand nehmen, aufschlagen und beschmökern wollen. Und man strömt auch weiterhin zu Lesungen, von denen es auch in diesem Jahr wieder schlappe 2000 gegeben hat. Unsere fand in der Katakombe von Wagners Restaurant & Weinwirtschaft statt. Drei Thüringer, Mitglieder des Verbandes deutscher Schriftsteller, wurden zu Fischsuppe, Schweinshaxe und Baumkuchen gereicht. Mehr noch, ihre Werke gingen ein in die Menükarte - "Schlammkeule", "Tote Oma in der Frühlingsrolle" -, und der kulinarische Kurzkrimi "Das Gute im Wein und das Böse unter der Sonne" stiftete das Motto. Das Gute: Immer wenn ein Gang aufgegessen und die Teller abgeräumt waren, wurden wir erhört. Das Böse: Wir mussten mit knurrendem Magen warten und dann rasch anlesen gegen Löffelklappern, Gläserklirren und Verdauungsgeräusche. Das Gute: Wir konnten dem Event-Koch in seiner Küchenhöhle in die Töpfe schauen. Das Böse: Wir bekamen nichts ab vom Menü, nicht mal einen Knochen. Wir waren ja nur Zutat, wurden quasi mit verkocht und zergart: Autoren in der Frühlingsrolle. Im nächsten Jahr lesen wir aus der Speisekarte: "Rippchen, Leute, Rippchen!"