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10.01.2014

Autor Rudi W. Berger las in Greizer Gaststätte »04«

von Antje-Gesine Marsch Vogtlandspiegel

copyright: Vogtlandspiegel

Der Langenwetzendorfer Stürmer und Dränger offerierte wahrlich keine leichte Kost.

GREIZ. Neunzig Jahre und kein bisschen leise – so hätte man die Lesung mit dem Langenwetzendorfer Autor Rudi W. Berger am Donnerstagabend in der Gaststätte “04? auch überschreiben können. Dieser tischte mit seinen wuchtigen Texten wahrlich keine leichte Kost auf. Berger, der in seinem Leben als Montagearbeiter, Tischler, Berufsschullehrer und Journalist arbeitete, las aus seinem druckfrischen Band “Dran, dran, solang ihr Tag habt”. „Daran habe ich zwei lange Jahre gearbeitet”, so Rudi Berger, der vor wenigen Tagen sein neuntes Lebensjahrzehnt vollendete. Der Autor ist ein unermüdlicher Schreiber; das ist hinlänglich bekannt. Er ist aber auch ein unermüdlicher Kämpfer. Der Absolvent des Literaturinstituts „Johannes R. Becher“ nimmt kein Blatt vor den Mund; hadert mit sich, mit Deutschland, den Kriegen in Vergangenheit und Gegenwart und denen, die nichts dagegen tun. “Mich erdrückt die Last der Welt”, schreibt Berger im Prolog “Nachgetragenes”. Noch immer dem Sturm und Drang verpflichtet fragt er sich auch, ob das Buch dem Leser wohl tut, weil ihm dessen Freiheit schmecke oder vergeht ihm der Appetit, da sie ihn bedrängt? Hart ins Gericht geht Rudi Berger im Kapitel „Der späte Sängerkrieg“ mit dem Schriftsteller Reiner Kunze, der von 1962 bis zu seiner Ausreise im Jahr 1977 in der Elsterstadt lebte und arbeitete. Wie sein “Ziehvater“ Albert Camus verneine Kunze den revolutionären Weg mit dem anscheinend hohen Anspruch „Keine Sache, nicht die edelste, rechtfertigt den Tod eines einzigen Unschuldigen.“ In Wirklichkeit fehle es ihm an Einsicht in die Geschichte, wonach die Unschuld nicht durch die Revolution sterbe, sondern an der Grausamkeit der Herrschenden bereits lange vor ihr, die sie provozieren. Reiner Kunze schreibe und lebe nicht Liebe noch Hass allein gegen den sozialistischen Humanismus. Seine Verkündung heiße Verdammung und Abkehr, Angst vor energischen Gefühlen, Bänglichkeit, Furcht vor dem drängenden Leben, Abgesang und Verachtung des Menschen, der gegen alle Niedrigkeit und Deformation werden will, wozu er tauge: wachsend, werdend als Meisterstück der Natur die Inkarnation irdischer Schönheit. Harte Worte, die Rudi Berger dem Ehrenbürger der Stadt Greiz auch gern ins Gesicht sagen würde, wie er versichert. Da man über die vielen Jahren des voneinander Wissens – in den 1960er Jahren lernten sich Berger und Kunze beim Thüringer Kulturbund in Weimar kennen – trotzdem keinen Kontakt gefunden habe, bliebe der Ausgang des Sängerkrieges, den er außerdem post mortem mit dem Greizer Lyriker Günter Ullmann anzettelte, auch weiterhin unklar.