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17.11.2007

Autor Rainer Hohberg ist "Thüringer Sagengeheimnissen" auf der Spur

von Sabine Wagner Ostthüringer Zeitung

Das Dörfchen Graitschen an der Höhe bei Bürgel im Saale-Holzland-Kreis hat rund 420 Einwohner. Und es besitzt mit dem Rasenlabyrinth "Trojaburg" - im Volksmund auch Schwedenkreis oder Schwedenhieb genannt - eine Sehenswürdigkeit, die vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie als geschütztes Bodendenkmal ausgewiesen ist.
Historische Quellen über Entstehung, Alter und Bedeutung dieser im Durchmesser rund zehn Meter großen Anlage gibt es kaum. Nicht einmal Edgar Eisenschmidt, dessen Familie seit mehreren Generationen den 220 Meter langen und vielfach verschlungenen Weg pflegt, kann befriedigend Auskunft geben. Geht das Labyrinth auf den Sonnenkult der nordischen Bronzezeit zurück? Oder soll man der Sage Glauben schenken, die seine Entstehung in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges datiert?

Die Sage ist nur mündlich überliefert und wird von Generation zu Generation weiter erzählt, weiß Rainer Hohberg. Danach wurden zwei verwundete schwedische Soldaten, die auf dem Gehöft der Familie Krumbholz Zuflucht gefunden hatten, von den Graitschenern gesund gepflegt. Aus Dankbarkeit, vielleicht auch aus Langeweile, legten sie das Labyrinth an. Mag sein, dass die Sehnsucht nach der Heimat eine Rolle spielte. Kann auch sein, dass die Soldaten den Dorfkindern mit dem Pfad als Spielstätte eine Freude machen wollten.

Rätsel über Rätsel. Fest steht, schreibt Rainer Hohberg in seinem jüngsten Buch "Thüringer Sagengeheimnisse", dass das urkundlich bereits 1040 als "Grodzane" erwähnte Graitschen zu den ältesten Orten Ostthüringens gehört. Der Name leitet sich aus dem Slawischen ab und bedeutet Burgstätte. Tatsächlich konnten Archäologen an drei Stellen in der Flur slawische Siedlungsreste aus dem 9. bis 11. Jahrhundert nachweisen. Noch älter ist ein Schmuckhort mit bronzenen Hals- und Armringen aus der Zeit um 1200 v. Chr., der am Graitschener Silberberg entdeckt wurde. Aufschluss über die "Trojaburg" aber geben auch diese Fakten nicht.

Noch nicht? Rainer Hohberg aus Hummelshain ist seit Jahren diesen und anderen Geheimnissen der Thüringer Sagenwelt auf der Spur. Zwar gebe es den von Ludwig Bechstein beschriebenen Typ der Sagen erzählenden Großmutter nur noch selten. Kaum ein Reiseleiter aber würde darauf verzichten, seine Erläuterungen mit solcherart Episoden zu würzen. "Unbestritten ist auch, dass Sagen Identität stiften, ein Stück Heimatgefühl vermitteln."

Hohbergs erste Begegnung mit diesen Überlieferungen, die ihn wegen ihrer Mischung aus Wahrheit und Fantasie, Realem und Gespensterglauben faszinieren, liegt weit zurück. 1952 in Eisenach geboren, erinnert er sich gut an seine Grundschullehrerin, die mit einem altmodischen Pullunder bekleidet und pantomimischen Fähigkeiten begabt, die Begegnung der heiligen Elisabeth mit einer Bettlerin erzählt. "Das war nur eine von vielen Geschichten", erinnert er sich. "Sagen gehörten zum Unterricht, in Eisenach mit seinem legendenreichen Pflaster sowieso."

Hohberg also ist mit dem Sagenvirus infiziert und zudem mit einem außerordentlichen Erzähltalent ausgestattet, das er nach Lehrerausbildung in seiner Heimatstadt und Literaturstudium in Leipzig zum Beruf machen wird. 1975 erscheint sein Erstling "Der Junge aus Eisenach", eine Begegnung mit Johann Sebastian Bach. Ab 1985 veröffentlicht er als freiberuflicher Schriftsteller Kinderbücher und Hörspiele, Märchendichtungen und Publikationen zur Thüringer Kulturgeschichte. Auch die Sage lässt ihn nicht mehr los. 1996 unternimmt er eine Burgenreise durch Thüringen, nennt sie "Thüringer Burgen - sagenhaft". "Da hat es in mir schon gespukt", meint er schmunzelnd. Jede Burg klopft er nicht nur auf ihre Geschichte ab, sondern fragt nach, was die Sage dazu zu sagen hat. Ein Jahr später erscheint sein "Schwarzer Führer Thüringen", in dem er von den Roten Spitzen in Altenburg bis zur Burg Ziegenrück im Saale-Orla-Kreis 283 Stätten in 167 Orten aufsucht und Mysteriöses, Geheimnisvolles, Sagenhaftes zu Tage fördert.

Immer tiefer dringt Rainer Hohberg in die Sagenwelt ein, bereist jeden Ort, meist mehrfach, gibt sich nicht zufrieden mit den alten Überlieferungen, die immer wieder neu, aber unkritisch weitergereicht werden. "Früher wurden Sagen als Geschichtsersatz weitgehend geglaubt. Es ist auch in Ordnung, wenn man sich über die Fantasie einen Zugang zur Welt schafft. Mich aber interessiert vor allem die Geschichte hinter diesen Geschichten." Wie er sich das vorstellt, ist in "Brot und Rosen - Das Leben der heiligen Elisabeth in Sagen und Legenden" nachzulesen, das er gemeinsam mit Sylvia Weigelt in diesem Jahr zum 800. Geburtstag der Thüringer Landgräfin herausgebracht hat. Historisch Überliefertes wird Sagenhaftem gegenüber gestellt, Wunder erweisen sich als fromme Legenden.

In seiner jüngsten Veröffentlichung, den im Oktober im Tauchaer Verlag erschienenen "Thüringer Sagengeheimnissen", geht Hohberg noch einen Schritt weiter. Aus dem Schriftsteller wird ein Detektiv, ein Sagendetektiv, der mit Ausdauer, und kenntnisreich sogar einige Sagenrätsel löst. Insgesamt elf Geschichten von Nord- bis Südthüringen, vom Westen bis in den Osten des Freistaates ist er auf der Spur. Und wie jeder Ermittler kommt Hohberg dabei nicht ohne entsprechende Hilfsmittel aus. Um die Frage zu klären, wie der Rothensteiner Trompeterfelsen - einer der schönsten Aussichtspunkte im Saaletal - zu seinem Namen kam, hat er Akten gewälzt und Sagenliteratur und Chroniken studiert. Und weil er kein Stubengelehrter ist, "der das Papier vollkritzelt", steht er nicht nur einmal auf dem Felsen, von dem der Sage nach ein schwedischer Trompeter auf der Flucht "todesmuthig den kühnen Sprung in die Saale" wagte. Das Bild des berittenen Trompeters schmückt tatsächlich die Fassade der Rothensteiner Grundschule. Und doch gehört es ins Reich der Legenden, wie Hohberg beim Literaturstudium und in Gesprächen mit den Einwohnern herausfindet. Historischer Ausgangspunkt nämlich soll die Fehde zwischen Vertretern des Adels und der Reichsstadt Erfurt im ausgehenden Mittelalter gewesen sein. "Durchaus denkbar, dass ein gewisser Ritter Apel von Geilingen mit seinem Pferd in die Saale gesprungen und davongekommen ist", meint der Autor. Das heutige Steilprofil nämlich habe der Felsen erst im 18. Jahrhundert durch den Straßen- und Eisenbahnbau erhalten.

Wenn der Sagendetektiv mit dem Quellenstudium nicht weiterkommt, helfen Leiter und Teleobjektiv. Damit hat er zum Beispiel das wahre Gesicht des als "Kranichfelder Leckarsch" verrufenden Steinbildes entdeckt, eine Skulptur am Oberschloss des Ilm-Städtchens. Und wenn Archive, Leiter und Teleobjektiv nicht genügen, wagt Hohberg sogar den Selbstversuch. Wie mit dem als Krötenstein bekannten Prangerstein am Rathaus von Neustadt/Orla. Das Original des 24-Kilo-Steins aus dem Neustädter Museum - an der spätgotischen Rathaus-Fassade befindet sich ein Duplikat - lässt er sich probeweise anlegen. Und erlebt am eigenen Hals, wie sich die Delinquenten bei diesem mittelalterlichen Strafgericht, Auge in Auge mit der Kröte, gefühlt haben müssen.

War es so oder ganz anders? Was steckt hinter den Sagen? Wo kommen sie her? Fragen, die Rainer Hohberg umtreiben und die ihm auch zu seinen Lesungen häufig gestellt werden. Nicht jede Sage gibt ihr Geheimnis preis. Das der Trojaburg in Graitschen wird vermutlich nie ganz geklärt werden. Trotzdem sticht Edgar Eisenschmidt Jahr für Jahr die Rasendämme ab, mäht, hält unerwünschten Bewuchs fern, pflegt den Sandstreifen. Und in jedem Jahr kommen Gäste, selbst aus England und Schweden, um eines der letzten historischen Rasenlabyrinthe in Deutschland mit eigenen Augen zu sehen.

"Manchmal", sagt Rainer Hohberg, "sind die realen Hintergründe der Überlieferungen spannender als die Sagen selbst." Wer sich auf Entdeckungstour begeben möchte, für den liefert der Autor am Ende jeder Geschichte praktische Reisetipps.

Rainer Hohberg: "Thüringer Sagengeheimnisse", Tauchaer Verlag, Oktober 2007. 80 S., 20 Abb., 8,80 Euro Lesungen mit Rainer Hohberg gibt es am 28. November, 19 Uhr, in der Stadtbibliothek in Neustadt/Orla, am 6. Dezember, 19.30 Uhr, auf Burg Ranis