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15.03.2014

Autor Landolf Scherzer: "Die Griechen lehren uns die Leidenschaft"

von Frank Quilitzsch TLZ

Der in Dresden geborene Schriftsteller Landolf Scherzer war als "Urlauber" und Reporter in der griechischen Kulturstadt Thessaloniki. Foto: Marco Kneise

Der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer spricht über seine Erlebnisse als "Urlauber" und Reporter in der krisengeschüttelten Kulturstadt Thessaloniki.

TLZ: Du warst für dein neues Buch gleich zwei Mal auf Recherche in Griechenland. Warum das erste Mal "undercover" - als Tourist?

Ich war nicht "undercover" unterwegs. Das ist nicht mein Stil. Mir ging es um zwei verschiedene Perspektiven. Das erste Mal wollte ich mich, wie das in einem Ferienhotel üblich ist und wie alle Touristen es tun, von den Griechen bedienen lassen. Ich habe also eine ganz normale Urlaubsreise gebucht, mit Vier-Sterne-Hotel "all inclusive". Ich habe mich an der Rezeption angemeldet, habe auch versucht, ein Interview mit der Hotelmanagerin zu bekommen, was leider nicht funktionierte"...

Wie ist das, sich als Deutscher von den armen, krisengebeutelten Griechen bedienen zu lassen?

Das kann ich gar nicht sagen. Denn in dem Hotel arbeiteten kaum Griechen, dort waren meistens Ausländer angestellt, Osteuropäer: Litauer, Letten, Bulgaren und Rumänen. Einer der wenigen Griechen, der an der Bar bediente, sagte mir, er sei sehr froh, dass er hier sein Geld verdiene - 600 Euro im Monat. Seine Frau sei zu Hause mit den zwei Kindern, und einmal in der Woche fahre er zu seiner Familie nach Thessaloniki. Dann würden sie zu Gott beten, dass er diesen Job behalten dürfe.

Du hast aber schon sehr gezielt nachgefragt.

Ich habe mich mit den Leuten unterhalten. Da unterscheide ich mich vielleicht von den anderen Touristen, die das nicht weiter interessiert hat. Die meisten haben, weil alles inklusive war, so viel gegessen und getrunken, wie sie nur konnten. Der Barkeeper sagte: "Ja, ihr lebt hier wie in einem Paradies. Ich bin in diesem Paradies leider nur der Arbeiter."

Barkeeper leben in Deutschland auch nicht im Paradies.

Vielleicht verdienen sie aber mehr als 600 Euro, von denen sie die ganze Familie ernähren müssen. Jedenfalls hatte ich nach zehn Tagen genug. "All inclusive" bedeutet Luxus, den du dir zu Hause nicht leistest. Den kriegst du aber in dem maroden und verarmten Griechenland.

Dann bist du nochmal hin, um mehr zu erfahren?

Ja, die Hotelmanagerin hatte mir zwar mehrmals Gesprächsbereitschaft signalisiert, doch nachdem ich ihr meine Fragen aufgeschrieben hatte, hielt sie mich hin. Ich wollte zum Beispiel wissen, wie es in der Hotelbranche ist mit der Krise, ob weniger Leute kommen, was die Angestellten verdienen und so weiter. Man bekam dort als Gast zu essen und zu trinken, was man wollte, nur leider keine Erklärung. Deshalb habe ich einen zweiten Anlauf genommen - diesmal ging ich direkt nach Thessaloniki, in die Europäische Kulturhauptstadt 1997.

Wie hast du diese Reise organisiert? Man kann ja als Reporter nicht alles dem Zufall überlassen.

Ich hatte schon während der Urlaubsreise Kontakt zu einer Deutsch-Professorin an der Universität Thessaloniki. Die sagte mir: Was wollen Sie in dem eingezäunten Reservat über uns erfahren? Sie müssen unseren Alltag erleben! Sie bot mir an, in ihrem Haus zu übernachten, doch das habe ich abgelehnt. Ich sagte: Ich möchte in einem Hotel oder in einer Pension absteigen, wo nur Griechen schlafen.

Eine Kollegin, ebenfalls Professorin für Deutsch, schreibst du in deinem Buch, habe dann für dich ein preiswertes Hotel in der Stadt gebucht. Doch als sie es mit eigenen Augen gesehen hat, wollte sie"...

..."dass ich dort nicht übernachte. Den Tipp hatte sie von Taxi-Fahrern bekommen. Es war sehr billig und sehr laut, und dort gingen, wie ich bald merkte, auch Prostituierte ein und aus - zumeist illegale Migranten aus Afrika. Das war ein Absteigequartier. Der Besitzer war ein lieber, freundlicher Gastgeber, wie die Griechen eben so sind. Ich wusste übrigens nicht, dass das Hotel "Europa" heißt.

Für den Reporter Scherzer ein Ort der Erkenntnis?

Natürlich. Ich sagte sofort: Hier will ich bleiben! Die Professorin hatte meinen Rucksack schon wieder ins Auto gepackt. Nein, sagte ich, entweder in diesem Hotel oder nirgendwo!

Wie hast du dort geschlafen?

Ich kam gar nicht dazu. Jedenfalls nicht in der ersten Nacht. Um 22 Uhr fangen die Griechen ja erst an zu leben. Da treffen sie sich auf der Straße, gehen ins Restaurant, besuchen die Disco.

Also bist du wieder aufgestanden?

Ich war ziemlich wütend. Denn draußen wummerten Bässe, dass die Wände bebten. Ich bin ein Mensch, der auch mal Stille braucht. Und wenn ich den nächtlichen Lärm nicht abstellen kann, versuche ich wenigstens herauszufinden, wo er herkommt. Der kam aus einer Disco. Aber ich meine das symbolisch: Wenn man die Ursache kennt, ist manches leichter zu ertragen. Ich habe mich also auf den Weg gemacht und junge Griechen getroffen, die bei der lauten Musik glücklich waren.

Und das hat dich beruhigt?

Nein. Denn ich habe auch gemerkt, dass ich kein Grieche bin. Mit Ohrstöpseln konnte ich dann aber doch einschlafen.

Wie kann man denn als Grieche fröhlich sein, wenn ringsum alles den Bach herunter geht?

Das fragst du als Deutscher. Die Deutschen jammern ja auch schon, wenn es ihnen noch sehr gut geht. Die griechische Mentalität ist ganz anders. Einer hat mir gesagt: Wenn wir Griechen unseren Lohn gekürzt kriegen, dann machen wir eine Demons­tration. Aber wenn man uns Griechen den Kaffee nimmt - nämlich die Möglichkeit, bei einer Tasse Kaffee zusammen zu sitzen und miteinander zu reden -, wenn man uns also das letzte nimmt, was wir haben und was zu unserem Leben gehört, dann machen wir eine Revolution. Und es ist leider so, dass schon viele nicht mehr das Geld haben, um sich mal in ein Straßencafé zu setzen. Die gehen dann nicht mehr aus dem Haus. Die Kommunikation ist für sie abgebrochen.

Und wie macht man Revolution, wenn man nicht mehr auf die Straße geht?

Irgendwann, sagte mir jemand, gehe man eben doch aus dem Haus und wird aggressiv. Deshalb haben dort die Rechten zur Zeit auch so viel Zulauf.

Welche Rolle spielt die griechische Großfamilie?

Die wirkt bei vielen wie ein Auffangbecken. Die Kinder, die in Thessaloniki studiert haben und schon kurz vor dem Examen standen, aber nicht mehr weiter studieren können, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen können, die gehen zurück zu ihren Eltern in den Dörfern. Die Familie nimmt sie wieder auf.

Was ist mit jenen, die krank werden?

Das ist ein riesiges Problem. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit bist du nämlich in Griechenland nicht mehr versichert. Du kannst Krebs haben oder sonst was, kein Krankenhaus nimmt dich auf und kein normaler Arzt kümmert sich mehr um dich. Und jetzt kommts: Weil das so ist, haben sich in Thessaloniki 200 Ärzte und Krankenschwestern zusammengeschlossen und behandeln Menschen, die keine Krankenversicherung mehr haben - das sind in dieser Stadt schon fast 50 Prozent - umsonst. Da entwickelt sich eine beispiellose Solidarität. Und das war für mich auch das Wichtigste: Ärzte behandeln Patienten umsonst! Gynäkologen und Hebammen helfen Gebärenden. Um ein Kind zur Welt zu bringen, musst du in Griechenland ohne Krankenversicherung 1200 Euro bezahlen.

Wie ist die Situation unter den Hochschullehrern?

Ich kann dir sagen, wie es meiner Deutsch-Professorin ergangen ist. Von einem Tag zum andern wurde ihr Gehalt von 1900 auf 1200 Euro heruntergesetzt. Und die Rente ihrer Mutter wurde von 900 Euro auf 400 gekürzt.

Wer ist schuld an der Krise? Wie sehen das die Griechen?

Sie sehen natürlich, was die so genannte "Troika" mit Angela Merkel an der Spitze mit ihnen macht, und das ist - von der sozialen Seite betrachtet - einfach schrecklich. Aber was die Ursachen betrifft, gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Viele machen neben den Banken die Bürokratie und Korruption dafür mit verantwortlich. Der Bürgermeister von Thessaloniki sitzt in Haft. Viele Griechen sagen: Wir sind selber schuld, weil wir so viel zugelassen haben.

Warum hast du nach deiner Rückkehr Kontakt mit dem Liedermacher Konstantin Wecker aufgenommen?

Konstantin Wecker war am 1. Mai 2013 in Griechenland und hat den Komponisten Mikis Theodorakis besucht. Ich bat ihn, von dieser Begegnung etwas zu erzählen. Ich habe Griechenland "von unten" erlebt, aber ich hatte keinen Zugang zu Politikern und auch keinen Kontakt zu prominenten Künstlern. Ich musste Wecker nicht lange überreden. Was ich nicht wusste: Er hat von seinem legendären "Willy"-Lied sechs Fortsetzungen geschrieben, und in seiner vorläufig letzten singt er: "Lasst uns solidarisch sein mit den wütenden und zornigen Griechen." Ich fand vor allem die letzte Zeile so wunderbar: "Und jetzt tanzen wir den Sirtaki, Willy!"

Was können wir außer Tanzen noch von den Griechen lernen?

Leidenschaft und Optimismus. Einer sagt mir, er möchte am liebsten Grieche und Deutscher sein. Von den Deutschen wolle er den Verstand und von den Griechen das Gefühl.

Zur Sache: "Stürzt diese Götter vom Olymp!"

Das fordert die Deutsch-Professorin in Thessaloniki. Nicht die Götter der Antike, sondern jene Griechen, die sich als Politiker, Banker oder Unternehmer gottgleich dünken, am Volk bereichern und oft nicht einmal Steuern zahlen. Der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer (72) hat sich 30 Tage in der griechischen Kulturhauptstadt Thessaloniki umgesehen und mit Menschen gesprochen, die unter der gegenwärtigen Krise leiden. Zwei Fragen trieben ihn um: Wo liegen die Ursachen für die Krise, und wie schaffen es die "kleinen Leute", unter den Bedingungen des Spardiktats zu überleben? Sein Reportagebuch wird auf der Leipziger Buchmesse präsentiert. Der Autor liest am heutigen Sonnabend in Leipzig, am 17. März in Tabarz und am 18. März in Ilmenau.


Landolf Scherzer: Stürzt die Götter vom Olymp Das andere Griechenland. Aufbau-Verlag, Berlin, 320 S. mit Abb., 19.99 Euro.