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20.07.2002

Austausch in Prosa und Versen über Europa und die Provinz

von Kai Agthe TLZ

Neun Thüringer Autoren weilten zum Gegenbesuch in der Kulturstadt Krakow

Krakow, die einstige Königsstadt und südpolnische Metropole, wird von der Weichsel umarmt und vom gewaltigen Schlosskomplex des Wawel behütet. Die Zahl der hier lebenden Dichter ist Legion, und allein die 48 Museen, die die europäische Kulturstadt des Jahres 2000 im historischen Kern zu bieten hat, würden einen mehrwöchigen Aufenthalt erfordern, wollte man sie alle besichtigen.
Die Stadt Krakow, die vielen als heimliche Hauptstadt Polens gilt, war in der ersten Juliwoche der Austragungsort eines polnisch-thüringischen Autorentreffens. Die erste Zusammenkunft dieser Art fand im Oktober 2001 auf Burg Ranis statt. Stand das bilaterale Treffen im vorigen Herbst unter dem Motto "Der Autor und seine Provinz", so widmete man sich in Krakow der Frage "Provinz und Europa - Heimat oder Universalismus?". Den Referaten, die sich dem Thema mal philosophisch, mal essayistisch näherten, folgten Lesungen, wobei die Übersetzungen der literarischen Texte von den Kollegen aus dem jeweils anderen Land vorgetragen wurden. Am Anfang stand aber die Präsentation eines Sonderheftes der Thüringer Literaturzeitschrift Palmbaum, in dem die Beiträge des letztjährigen Kolloquiums gesammelt wurden. Im Gegenzug konnte in Krakow die jüngste Ausgabe der Zeitschrift Dekada Literacka vorgestellt werden, in der u. a. polnische Übersetzungen von Gedichten Annerose Kirchners (Gera) und Wulf Kirstens (Weimar) sowie Auszüge aus Prosawerken Matthias Biskupeks (Rudolstadt) und Landolf Scherzers (Dietzhausen) zu finden sind, die im Zuge der Veranstaltung ebenso aus ihren Arbeiten vortrugen wie Gisela Kraft, York Sauerbier (beide Weimar) und Jens-F. Dwars (Jena).
Gabriela Matuszek, Professorin an der Jagiellonen-Universität, hatte den Exkurs für die Dekada Literacka nicht nur zusammengestellt, sondern das in angenehmer Atmosphäre verlaufende Treffen in Zusammenarbeit mit dem polnischen Schriftstellerverband und der Krakower Kulturstiftung auch vorbereitet und die Gäste aus dem 750 Kilometer entfernten Thüringen stets charmant betreut.
Bei aller Programmfülle blieb den deutschen Autoren ausreichend Zeit, Krakow in Augenschein zu nehmen. Die Stadt ist berühmt wegen ihres Marktplatzes (der drittgrößte Europas), in dessen Mitte sich die Tuchhallen erheben. Im östlichen Stadtteil Kasimierz erinnern die beiden jüdischen Friedhöfe daran, dass Krakow bis zum deutschen Überfall 1939 ein Zentrum jüdischen Lebens war.
Krakow, wo heute 127 000 junge Menschen studieren, muss auch in einem Atemzug mit Prag und Florenz genannt werden. Die Reise der neun Autorinnen und Autoren wäre ohne die schnelle und unkomplizierte Unterstützung durch die Stiftung Kulturfonds nicht möglich gewesen. Die beteiligten Schriftsteller des Freistaates und Dr. Martin Straub vom Thüringer Lese-Zeichen e. V., der das Treffen von deutscher Seite aus organisierte, danken der Stiftung für die gewährte Hilfe. Der begonnene Dialog soll in den nächsten Jahren beiderseits der Oder fortgesetzt werden.

Das Sonderheft der Literaturzeitschrift Palmbaum, das unter dem Titel Der Autor und seine Provinz erschienen ist, kann zum Preis von 7.50 Euro über den Buchhandel bezogen werden.