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08.12.2015

Aus Liebe zu Goethes Liebe: Sigrid Damm wird 75

von Matthias Biskupek TLZ

Sigrid Damm hat in ihren Werken Goethe, Schiller, Büchner und Goethes Frau Christiane ein Denkmal gesetzt. Auch Egon Günthers Verfilmung „Die Braut“ stützte sich auf Recherchen der Foto: Sascha Fromm

Sigrid Damm, die in Gotha geborene Schriftstellerin und Verfasserin der Recherche „Christiane und Goethe“, begeht ihren 75. Geburtstag.

Weimar/Gotha/Jena. Weimar ist die Stadt der Klassik und Gotha jener Ort, in dem neuere deutsche Schriftstellerinnen ihre Wurzeln haben. Mit den Namen Kathrin Schmidt, Antje Babendererde und Sigrid Damm können wir dies belegen, wobei Sigrid Damm den Klassik-Ort und Gotha auf ihre besondere Weise, recherchierend und unterhaltsam formulierend, von jeher verband. Dafür wurde ihr 2010 als erster Frau eine Ehrenbürgerschaft zuerkannt, für Bücher, die wahrlich um die Welt gingen, von Japan bis Italien und Spanien. Heute wird diese Botschafterin eines klassischen und literaturbegeisterten Thüringens 75 Jahre alt.

Was Thüringen ihr geben könnte, hat sie bereits vor zehn Jahren erhalten: Den Thüringer Literaturpreis. Zuvor bekam sie diverse Ehrungen anderswo, so in Neuruppin den Fontane-Preis und in Fellbach den Mörike-Preis. Seit Jahrzehnten schreibt und denkt sie in Berlin, in Mecklenburg, im Norden Schwedens, aber ihr frühes Leben in Thüringen übte keinen geringen Einfluss auf ihr Werk aus.

In Gotha legte sie das Abitur ab, in Jena studierte und promovierte sie, in Saalfeld-Gorndorf wohnte sie in den Sechzigern, dort wurde auch ihr Sohn Joachim Hamster Damm geboren, mit dem sie heute gemeinsam – keine Regel in deutschen Dichter-Haushalten – Bücher produziert, so „Tage- und Nächtebücher aus Lappland“ und „Geheimnißvoll offenbar. Goethe im Berg“.

Zunächst aber scheint es das relativ erfolgreiche Leben einer Literaturwissenschaftlerin zu werden, die in einer DDR-Behörde landet. Doch mehr und mehr gelingt es ihr, die trockene Wissenschaft, sprich: die Recherche in vergangenen und manchmal vergessenen Schriften mit anschaulicher Lebens-Beschreibung zu verbinden. „Vögel, die verkünden Land“ heißt ihr erstes derartiges Produkt, gleich ein Paukenschlag für den, der zu lesen verstand und versteht. 1985 erscheint dieses „Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz“ im Berliner Aufbau-Verlag, selbst wenn derzeit die meisten Quellen solches ins Jahr 1992 verlegen, da druckte es ihr heutiger Stammverlag Insel (Frankfurt am Main).

Es folgt die Auseinandersetzung mit einer berühmten Schwester: „Cornelia Goethe“. 1998 schließlich untertitelt sie ihr Halbtausendseitenwerk „Christiane und Goethe“ bescheiden: „Eine Recherche“. Sie nennt das Thema im Buch: „Alltag und Alltagsbewältigung“. In ihrer Methode, genaue Quelltexte, auch in der ursprünglichen Rechtschreibung mit eigener Sichtweise, mit erklärenden, berichtenden, fantasievollen Gegenwartstexten zu verbinden – auch grammatisch Gegenwart nutzend –, wird sie immer sicherer.

Heinz Knobloch (1926-2003) hatte diese Art, die Suche nach Zeugnissen vergangener Zeiten in seine Schilderungen markanter Persönlichkeiten einzubinden, seit den Sechzigern praktiziert. Sigrid Damm hinterlässt schon bald Eindruck bei Kollegen. Erwin Strittmatter notiert im Tagebuch am 4. September 1980 über ihren Besuch: „Das zweite Mal. Das erste Mal wars bei Evas Geburtstag. Sie scheint, wenn ich mich in ihrem Gesicht nicht verlas, ein gütiges Wesen zu haben?…“

Auch der Verfasser dieses Kurz-Bildes stieß allenthalben auf ihre Spuren. So Mitte der achtziger Jahre in Estland, in der Universitätsstadt Tartu. Im alten Dorpat, wichtige Lebensstation des Jakob Lenz, hieß es mehr oder weniger bewundernd: Sigrid Damm war hier und wollte alles ganz genau wissen. Mein mehrmonatiger Aufenthalt bei Rom im Jahr 2000 stand unter ihrem Stern, sobald ich mich der Piazza del Popolo näherte. Sigrid Damm war gerade da, wurde mir auch dort mit raunendem Unterton mitgeteilt. In der „Casa di Goethe“ hatte sie nämlich im Jahr zuvor von Juli bis Dezember als erste Schriftstellerin residiert, direkt aus beschaulichem Aufenthalt im Norden Europas herausgerissen. Wie sie dies verarbeitete, war dann ein Dutzend Jahre später zu lesen in „Wohin mit mir“. Sie brachte es wiederum fertig, unmittelbar Gefundenes und vor Zeiten Erlebtes auf eine glückliche, scheinbar leichte und doch nachdenklich machende Weise zusammenzubringen.

Ihr jüngstes Werk ist vor einem Monat erschienen. „Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein“ enthält eine eindeutige Wertung der Sigrid Damm: „Goethes Herz stand unter Frau Steins Regierung.“ Um derart wieder Thüringen ins Bild zu rücken: Wer sich mit Goethe und seinem Umfeld beschäftigt, kommt um das Dorf Großkochberg zwischen Weimar und Rudolstadt nicht herum. Dort gab es von 1975 bis 1990 ein Künstlerheim des DDR-Kulturfonds. Sigrid Damm weilte häufig dort, als auch der „VEB Goethe“, die Weimarer Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten, Zimmer nutzte. Die Schriftstellerin erlebte dabei diesen und jenen Kollegen. Ganz unmittelbar erzählt sie in „Diese Einsamkeit ohne Überfluss“ vom Eintauchen in den Kochberger Badeteich und einer gewissen „Klinkenpost“. Wie so oft bei biografischen Notizen: Verschnupft sind einige, weil sie sich nicht wirklich gewürdigt fühlen. Noch verärgerter aber jene, die nicht genannt werden. Doch nicht jeder heißt Christiane, Cornelia, Wolfgang oder Sigrid.