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09.05.2007

Aus anfänglicher Scheu wurde ein Miteinander

von Frank Quilitzsch TLZ

Erfurt/Suhl. (tlz) "Mit 14 Jahren, da fängt die Schreibsucht an ..." Eines von zahlreichen sympathischen Bekenntnissen junger Schreibender, die sich in der Anthologie "Von Gewalt und Zärtlichkeit" wiederfinden, die heute Abend in Erfurt und morgen in Suhl feierlich der Öffentlichkeit präsentiert wird. 29 von insgesamt 220 jungen Leuten zwischen 14 und 20 Jahren aus allen Teilen des Freistaates, die sich am Schreibwettbewerb des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) Thüringen beteiligt haben, geben ihre Erfahrungen, Träume und Visionen zur Diskussion. Darüber, wie es in unserem Land um Liebe, Schönheit und Toleranz bestellt ist. Und - natürlich - auch um die hässliche Kehrseite, um häusliche, schulische und Gewalt auf der Straße.
Bei der von Saxophonklängen umrahmten Kollektivlesung bekommen die von der Jury gekürten Nachwuchs-Autoren von der Schirmherrin des Wettbewerbs, Bundestags-Vizepräsidentin Kathrin Göring-Eckardt (Grüne), auch das Buch überreicht, das sie gemeinsam verfasst haben. Es ist ein vielgestaltiger, zum Nachdenken anregender, mitunter bedrückender, auch heiterer und letztlich ermutigender Band, getragen von großer Sensibilität und Ehrlichkeit, der viele Gleichaltrige und deren Eltern und Lehrer erreichen möge. Geschichten, Gedichte, wütende Bekenntnisse, auch komische Episoden vermitteln einen lebendigen Eindruck, wie die junge Generation sich und die Gesellschaft heute sieht.

Nicht jeder Text hat schon literarische Reife. Da ist manch Vorläufiges darunter, Halbfertiges, doch ebenso viel Poetisches und Verstörendes. Schön, dass die Preisträger jeweils mit Foto und kurzer Selbstcharakteristik vorgestellt werden. Was für selbstbewusste, tolerante, neugierige, weltoffene Charaktere!
"Weil ich die Freiheit der Menschen liebe"
"Ich bin Halb-Kubanerin und mag andere Länder und Kulturen sehr", schreibt die Regelschülerin Ernestina aus Gotha. Oder Marie vom Holzland-Gymnasium Hermsdorf: "Weil ich das Meer, die Schiffe und die Freiheit der Menschen liebe, wäre ich früher wahrscheinlich eine berühmte Piratin geworden." Tim Rau von der Jenaplan-Schule Suhl gibt zu Protokoll: "Ich bin nicht groß ... Meine Freunde mögen mich, weil ich nicht zu viel rede, aber ihnen gut zuhören kann." Und gibt es ein schöneres Bekenntnis als das des Weimarer Goethe-Gymnasiasten Christian? "Lege viel Wert auf Werte und gehöre zu den armen Idioten, die immer noch versuchen, die Welt zu verändern."

In einem Vorwort zur Anthologie bekunden die 29 "Schriftstellerlehrlinge", wie sie sich selbstironisch nennen, wie wichtig ihnen die Weimarer Schreibwerkstatt war, wo sie unter Anleitung der VS-Mitglieder Anne Gallinat, Matthias Biskupek und Landolf Scherzer ihre Texte diskutieren und noch sprachlich daran "feilen" konnten. "Von nun an waren wir nicht mehr allein", schreiben Bianca, Christian und Susanne. "Bald wurde aus der anfänglichen Scheu ein Miteinander. Ob sich all unsere Mühe gelohnt hat? Lesen Sie selbst ..."

Damit haben die Teilnehmer ein wichtiges Anliegen des von VS und Bödecker-Kreis organisierten, von der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Opferhilfsverein Weißer Ring, ver.di und DGB unterstützten und von der TLZ begleiteten Projekts aufgegriffen: den Gedanken der Solidarität und eines vorurteilslosen Meinungsaustauschs.

Zur Erinnerung: Am Anfang stand der Wunsch einer Handvoll Thüringer Schriftsteller, am Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennung ein Zeichen zu setzen. Am 10. Mai 2006 hatte das Thüringer Literaturquintett in Suhl aus Werken "verbrannter Autoren" gelesen; der Erlös dieser Veranstaltung bildete den Grundstock für den Jugend-Schreibwettbewerb "Gewalt und Zärtlichkeit". Die Veranstalter vom VS Thüringen freut besonders, dass ein Prozess in Gang gekommen ist, in dem sich junge Talente couragiert öffentlich artikulieren. Die Jugendlichen rütteln mit ihren Texten auf, suchen den Dialog. Weil sie Ideale haben, sind sie bestrebt, "die Welt ein wenig besser zu machen". Dem gebührt Respekt, Neugier, Unterstützung und - gewiss - auch Lorbeer.

! Öffentliche Präsentation der Preisträger: heute, 19 Uhr, Rathausfestsaal Erfurt; Donnerstag, 19 Uhr, Rathaus Suhl; das Buch ist ab sofort für 4 Euro in den Erfurter Buchhandlungen Continio (Magdeburger Allee 90) und Tintenherz (Krämerbrücke) erhältlich.