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16.06.2003

Auftakt mit Kunze und Westerheide

von Monika Lohse Ostthüringer Zeitung

Literatur- und Autorentage in Ranis eröffnet

Die Literaturbegeisterung in Ranis und Umgebung ist bemerkenswert. Rund 200 Besucher pilgerten am Freitagabend in die evangelische Kirche der Stadt, um die Eröffnung der 6. Thüringer Literatur- und Autorentage in Ranis mitzuerleben. Ein Lesekonzert mit dem Schriftsteller Reiner Kunze und dem Gitarristen Reinhold Westerheide stand auf dem Programm.

Der Musiker und Komponist Reinhold Westerheide, angereist aus dem niederländischen Utrecht, spielte auf seiner Gitarre zauberhafte Werke u. a. von Piazolla, Atahualpa Yupanqui und eigene Kompositionen. Poetische Folklore, Tangoklänge und Romanzen brachten die Zuhörer zum Träumen.

Dann las der Schriftsteller Reiner Kunze aus seinem 1993 erschienenen Buch "Am Sonnenhang. Tagebuch eines Jahres". Zu hören waren wohlgesetzte Worte des mit dem Georg-Büchner-Preis und anderen Auszeichnungen geehrten Dichters, der zum Ehrenbürger der Stadt Greiz ernannt wurde. Hier lebte Reiner Kunze bis zu seiner erzwungenen Übersiedlung in die BRD 1977. Kritische Veröffentlichungen, so das Buch "Die wunderbaren Jahre" über den einengenden Alltag der Jugendlichen in der DDR, hatten Kunzes Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband und Repressalien durch die Stasi zur Folge. Dennoch, so las Kunze, sollte der Zusammenbruch des Kommunismus nicht dazu verleiten, zu meinen, dass nur den westlichen Demokratien allein die Zukunft gehört. Antwort gab Kunze auch auf die Frage, weshalb ein Dichter seine Werke vorliest. Weil es etwas besonderes ist, die Reaktion der Zuhörer zu erleben. Weil es sich lohnt, auch nur einen Schüler für die Poesie zu gewinnen. Weil ein Autor von seinen Gedichten nicht leben kann und mit seinen Lesungen dem Verlag hilft. Das Gedicht sei der Blindenstock des Dichters. Mit ihm finde er die Dinge, um sie zu erkennen. Im Gedicht "Die Mauer" formulierte Reiner Kunze, der in Obernzell-Erlau bei Passau lebt: "Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht, wie hoch sie ist in uns."

Vor allem Heiteres und Besinnliches trug Kunze vor. So das Gedicht vom Nashorn: "Das Nashorn ist ein Nashornist,/ das sich nicht trennt/ vom Instrument." Der 70-Jährige unterhielt die Zuhörer auch mit Beispielen aus seinem Gedichtband für Kinder "Wohin der Schlaf sich schlafen legt" und mit dem "Märchen vom Dis". Seine humanistischen Texte, die in 30 Sprachen übersetzt wurden, regten zum Nachsinnen an.

Langanhaltender Beifall dankte den Künstlern. Es war ein schöner Auftakt der 6. Thüringer Literatur- und Autorentage, die am Wochenende mit einer Krimi-Nacht (20.6.), einem Sonnenwendfest am 21. Juni und weiteren Lesungen am 22. Juni mit Christoph Eisenhut, Jochen Weeber, Friedrich Schorlemmer, Edgar Külow und Bernd-Lutz Lange ausklingen.