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08.02.2005

Aufgestiegen mit den Vögeln: Zum Tode von Armin Müller

von Lilo Plaschke Thüringer Allgemeine

Dem Wind wirst du lauschen, aufsteigen mit den Vögeln, höher als jeder Aschenflug. So hat Armin Müller, in den schlesischen Gedichten, sein Requiem formuliert. Der Märchenerzähler lebt nicht mehr. Heimgegangen in das Reich des Puppenkönigs, dem Armin Müller ein poetisches Denkmal setzte, lebt der Schriftsteller fort in seinem Werk. Dem Maler hat, im 76. Lebensjahr, der Tod am Sonntag den Pinsel aus der Hand genommen.

Das ist den Angehörigen wohl der schmerzlichste Anblick: die zwei kleinen Bilder auf der Staffelei im Haus in der Weimarer Windmühlenstraße. Die Farben, der Hand des Malers harrend, noch nicht getrocknet, das Motiv für immer ruhend im Herzen des Schöpfers. Düstere Töne das eine, helle Sommerfarben das andere.

Ahnungsvoller Schmerz und Hoffnung so dicht beieinander. Wie schon oft in Armin Müllers bewegtem wie erfülltem Leben. Der junge Mann aus Schlesien, verwundet wie viele seines Jahrgangs 1928 von den Schrecken des Krieges und der Vertreibung, hat in Weimar Wurzeln geschlagen. Und die Friedenstaube war Armin Müller mehr als ein Symbol. Seine Lieder pfiffen die Spatzen von den Dächern, in einer Zeit, da nicht nur im August die Rosen blühten.

Es kamen andere Zeiten und andere, leisere Töne aus dem Dichterhaus unter den Baumriesen. Immer tiefer grub er sich schreibend vor zu seinen Wurzeln, bis Armin Müller mit dem Roman "Der Puppenkönig und ich" die Leser ganz nahe an sich heran ließ. Diesmal, sagte er nach so vielen anderen guten, ist es die eigene Geschichte. Der puppenschnitzende Großvater im heimischen Schweidnitz wird zum Urbild. Und es wurde erst später bewusst, mit welchem Mut Armin Müller als einer der ersten Schriftsteller in der DDR mit dem Tabuthema Vertreibung umging.

Ausgezeichnet mit vielen Preisen, war es nach dem hoch gelobten "Puppenkönig", als hätte Armin Müller nun alles Sagbare gesagt. Immer mehr zog sich der Schriftsteller hinter den Maler zurück, der im Keller seines Häuschens mit Öl auf Hartpappe festhielt, was sich dem Wort versagte. "Malend schreibe ich über den Blattrand hinaus", hat es der malende Schriftsteller gern erklärt.

Und so waren es der stürzende Turm zu Babel, die Wolken schwarzdräuender Vögel oder die anklagenden Äste verdorrender Bäume, mit denen Armin Müllers Gewissen sich auf-bäumte in gewissenloser Zeit.

Einer Zeit, da die Erfolge des Malers den Dichter überholten. Bis die Nachauflagen vom "Puppenkönig" sowie der wunderbaren Trilogie "Meine verschiedenen Leben", "Der Magdalenenbaum" und "Taube aus Papier" ihn erneut - und einer neuen Generation - als den sensiblen Schriftsteller erinnerten.

Und den lang entbehrten Lyriker, der mit "Meine schlesischen Gedichte" viele neue Bilder einfließen lässt unter die bekannten. Und da gibt es, als Festausgabe zu seinem 75. Geburtstag, diesen erlesenen Band "Der Vogel Traum" mit den italienischen Übersetzungen "L´Ucello Sogno" von Giancarlo Mariani.

Ein Kreis schloss sich für Armin Müller, als im vorigen Sommer, als auch der "Puppenkönig" auf Polnisch erschien, er in seiner Heimatstadt Swidnica ausstellen konnte. "Dass eine polnische Stadt einen Vertriebenen auf diese Weise ehrt", machte ihn unsagbar glücklich. "Noch einmal ins Dämmerlicht der Friedenskirche treten . . ." Nein, an Sterben hat Armin Müller trotz Tumorleiden nicht gedacht. So oft schon ist er, in schwerer Lage, wie Phönix aus der Asche auferstanden. Man muss nur den Puppenkönig genau lesen. Immer wieder lesen. Woher die Urkräfte kommen.

Doch da gibt es, in den schlesischen Gedichten, auch diesen Schluss - "Ich habe einen letzten Gedanken". Diesen Albtraum vom Laufen durch die Abteile, in einem Zug mitten durch Schweidnitz, eine traumatische Suche nach dem Gepäck - "es wird dunkel, und ich habe einen letzten Gedanken, ich denke, dass ich meine Sachen nicht wiederfinden werde".

Niemand, auch die liebevolle Schwiegertochter nicht, die Armin Müller im Krankenhaus Jena bis zuletzt die Hand gehalten und seiner Zuversicht vertraut hat, kann letzte Gedanken wissen. Die verlorenen Sachen. All die noch nicht geträumten Träume. Und die beiden kleinen Bilder. Für immer unvollendet.

Die Trauerfeier wird am kommenden Freitag auf dem Hauptfriedhof in Weimar sein.