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07.03.2013

Auf den Spuren von Goethe durch sein herrliches Thüringen

von Sigurd Schwager Thüringer Allgemeine

Der Autor Heinz Stade mit seinem neuen Goethe- Reisebuch vor der Erfurter Staatskanzlei. In dem Gebäude war Johann Wolfgang von Goethe oft zu Gast. Hier traf er auch 1808 Kaiser Napoleon. Foto: Alexander Volkmann

 

Erfurt. Dass ein gescheiter Mann die beste Bildung auf Reisen finde, wollen wir einem übergescheiten Manne wie Goethe sehr wohl glauben. Wer würde ihn nicht gern begleiten durch die Tore und auf den Straßen, die nach allen Enden der Welt gehen. Oder doch wenigstens durch die kleine Welt, genannt Thüringen.

Heinz Stade, der geschätzte Autor dieser Zeitung und dieser Seite, der schreibend schon unterwegs war zu Bach und Luther, zu Schiller und zur Heiligen Elisabeth, lädt uns jetzt ein, genau dies zu tun. Sein neues Buch lässt uns "Mit Goethe durch Thüringen" reisen. Erstmals öffentlich vorgestellt wurde es am Mittwoch in Erfurt in der Thüringer Staatskanzlei. Ein perfekt gewählter Ort. Darin waren sich Hausherrin Marion Walsmann , Autor, Verleger und das ebenso zahlreiche wie geneigte Buchpremieren-Publikum einig.

Denn hier, in der kurmainzischen Statthalterei, war Johann Wolfgang von Goethe häufig Gast des Freiherrn von Dalberg. Hier traf Goethe, er nannte es später die bedeutendste Begegnung seines Lebens, an einem Oktobersonntag 1808 Napoleon I., den französischen Kaiser. "Ich will gerne gestehen", protokollierte der Dichterfürst, "dass mir in meinem Leben nichts Höheres und Erfreulicheres begegnen konnte".

Heinz Stades Buch ist, kurz gesagt, eine schöne Schwärmerei. "Herrlich, herrlich, überherrlich" lesen wir schon im Titel und sind damit ganz bei Goethe. Herrlich schien ihm das Thüringer Land, wieder und wieder herrlich.Aber manchmal genügte ihm das Herrliche nicht. So schrieb er denn im September 1777 in Betrachtung von Eisenach und Wartburg an Frau von Stein in Kochberg dies: "Die Gegend ist überherrlich."

Und Weimar, sein Lebenswahlort? "Wo finden Sie", lesen wir dazu Goethe im Gespräch mit Eckermann, "auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes?". Kein Zweifel, einen besseren Werbetexter als Goethe wird das Thüringer Tourismusgewerbe nicht finden. Es versteht sich, dass Heinz Stade sein zitatenreiches biografisches Goethe-Reisebuch mit Weimar eröffnet. Der Stadt, in der der Dichter ein halbes Jahrhundert lebte und in die er nach all seinen Reisen stets gern zurückkehrte, räumt der Autor den bei weitem größten Buchplatz ein, etwa ein Drittel

Ausführlicher Rundgang durch Goethes Weimar

"O Weimar! Dir fiel ein besonder Los: / Wie Bethlehem in Juda, klein und groß!" beginnt Stade mit Goethe. Er führt uns kenntnisreich zum Frauenplan und zum Gartenhaus im Park, zum Stadtschloss und zum Theater mit dem berühmtesten deutschen Dichterdenkmal davor, zum Wittumspalais und zur Bibliothek der Herzogin, zum Jakobsfriedhof und zur Fürstengruft. Wobei schade ist, dass hier die mysteriöse Geschichte von Schillers Schädel keinerlei Erwähnung findet.

Lob verdienen neben dem Service, also Adressen, Öffnungszeiten, Zeittafel, Personenregister, Karte etc., die Ausflugstipps, die für Weimar und alle anderen Thüringer Goethe-Reisestätten gegeben werden. Wohltuend: Neben den bekannten Orten, die in solch einem Buch, das eine breite Leserschaft ansprechen will, natürlich nicht fehlen dürfen, ist auch noch Platz für kleine Entdeckungen. Der Weimar-Ausflugstipp Nummer 4, die Hottelstedter Ecke am Ettersberg, steht beispielhaft dafür.

Was Heinz Stade der aktuellen Weimarer Goethe-Dauerausstellung "Lebensfluten - Tatensturm" im Haus am Frauenplan attestiert, ist auch sein Bemühen in diesem Buch: Goethe nicht als Archivgut zu präsentieren, sondern als Gesprächspartner für uns heute. Von Weimar aus nimmt uns Stade auf Goethes Spuren mit nach Jena, Ilmenau, Erfurt ("das thüringische Rom"), Apolda, Rudolstadt, Eisenach und Gotha sowie in die jeweilige nähere Umgebung.

Wir erinnern uns beim Lesen oder lernen dazu. Wann und wo begegnete Goethe das erste Mal Schiller? Wann und wo begann ihre lebenslange Freundschaft? Seit wann leitete Goethe das Weimarer Hoftheater? Wo schrieb er an einem Tag den vierten Akt der Iphigenie? Und wo "Über allen Gipfeln / Ist Ruh"?

"Mit Goethe durch Thüringen" ist eine Lebensreise vor allem auf Hauptstraßen. Gelegentliche Abzweigungen sind inbegriffen und willkommen: zum Forsthaus Waldeck bei Bürgel, zur alten Poststation Kötschau oder nach Elgersburg zum Schloss und weiter zum heutigen Goethefelsen. Eine kleine geografische Unebenheit, Buchfart betreffend, lässt sich in der nächsten Auflage glätten.

Dem aufmerksamen Leser wird auch auffallen, dass längst nicht alle Thüringer Städte und Dörfer, in denen Goethe weilte, genannt, gar beschrieben sind. Er habe sich, sagt Heinz Stade, gestern bei der Buch-Präsentation, bewusst auf jene Orte konzentriert, die für Goethes Leben und Werk Bedeutung hatten. Und wo man tatsächlich noch etwas anschauen könne, das mit dem Dichter zu tun habe.

Vielleicht können sich der Autor und sein Erfurter Verlag zu einer historischen Reisefortsetzung mit lauter Thüringer Goethe-Orten entschließen, die einem als solche in diesem Zusammenhang nicht sofort oder auch gar nicht einfallen. Garantiert wüsste Heinz Stade auch hier so manche interessante Geschichte zu erzählen.

Andererseits: Haben wir denn überhaupt Städte oder Dörfer in Thüringen, in denen Goethe nie war? Schwer vorstellbar im Goetheland, aber möglich. Das gäbe dann noch einen schönen alternativen Reiseführer: "Ohne Goethe durch Thüringen".