Presse - Details

 
31.01.2012

Auf dem Transport geflohen

von Diemar Ebert TLZ

Zwischen Furcht und Erleichterung: Holocaust Gedenken in der Abbe-Bücherei

Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, hatten der Arbeitskreis Judentum, der Lese-Zeichen e.V. und die Ernst-.Abbe-Bücherei zu einer Lesung aus Ruth Klügers Buch „Weiter leben“ eingeladen. Martin Stiebert erinnerte an drei Überlebende der Shoah, deren Bücher am Ende des 20. Jahrhunderts Betroffenheit und einen intensiven Diskurs über deutsche und jüdische Kultur hervorriefen. Das waren Victor Klemperer, Marcel Reich-Ranicki und Ruth Klüger. Mit großer Eindringlichkeit hob Martin Stiebert hervor, wie Victor Klemperer als Gelehrter noch ganz in der deutschen Kulturtradition verwurzelt war und wie Marcel Reich-Ranicki als junger Mann in Berlin prägende Literatur-, Theater- und Musikerlebnisse empfangen hat, während die 1931 geborene Ruth Klüger als siebenjähriges Kind ihre Heimatstadt Wien als einen Ort erlebte, an dem für Juden kein Platz mehr war. Immer mehr wurde ihr Lebenskreis eingeengt, immer stärker ihre Sprache von Verboten geprägt.
Aus Ruth Klügers 1992 erschienenem Buch „Weiter leben“ lasen Nancy Hünger, den Jenaern als Rosenthal-Stipendiatin und Stadtschreiberin in der zweiten Jahreshälfte 2011 bestens bekannt, und Martin Stiebert. Als Nancy Hünger Ruth Klügers Kapitel über ihre Deportation von Theresienstadt nach Auschwitz las, eine Fahrt in Güterwagen, in denen die Luft kaum zum Atmen reichte, da herrschte atemlose Stille im Raum.  Danach war fast Erleichterung zu spüren, als Martin Stiebert Passagen aus dem Kapitel „Flucht“ las. Darin erzählt Ruth Klüger, wie ihr mit ihrer Mutter und ihrer Pflegeschwester auf dem Transport von Auschwitz ins Konzentrationslager Groß-Rosen die Flucht gelang und ihre Mutter einen Dorfpastor überzeugen konnte, ihr Papiere mit fremden Namen auszustellen, die ihre Identität belegen konnten und ihnen Sicherheit garantierten. „Der Geistliche, dem sie sich anvertraute, war wirklich ein Christ, wie die Christen sagen würden. Die Juden würden sagen: Er war ein Zaddik, ein Gerechter. Es hat ihn gegeben.“
Die Autorin beschließt dieses Kapitel mit einer Episode, in der sie schildert, wie sie im Februar 1945  auf einer Holzbank im Zug nach Süddeutschland von einer fremden Frau zugedeckt wurde und sie sich verwundert fragt, ob diese mütterliche Geste wirklich ihr galt.
 „So kam ich unter die Deutschen“, resümiert Ruth Klüger.
Vor, zwischen und nach den gelesenen Texten spielten Ilga Herzog, Andrea Kliewer und Maria Zollmann Musik von Paul Hindemith und Conny Campagne. Zeit, um den Texten nach zu lauschen und über sie nachzudenken.