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24.04.2010

Antje Babendererde über das Leben im Indianerreservat

von Frank Quilitzsch TLZ

Gerade mal die Büffel finden dort Nahrung - wir unterhielten uns mit der Thüringer Schriftstellerin, deren Romane sich an Jugendliche wie an Erwachsene gleichermaßen richten, über ihre Reisen.

Frau Babendererde, unser berühmter Indianer-Schriftsteller Karl May hat die amerikanische Prärie am liebsten aus der Ferne erkundet ...

Das stimmt. Aber er ist dann später, als viele seiner Indianerromane bereits erschienen waren, doch noch dort gewesen. Aber auch nicht unbedingt an den Plätzen, wo seine Geschichten spielen.

Sie reisen im Juni wieder in die USA - zum wievielten Mal?

Zum elften Mal. Meine erste Reise war 1994. In letzter Zeit fliege ich jedes Jahr.

Immer in ein anderes Reservat?

Nein. Manche besuche ich mehrmals. Ich bin auch bei meinen Reisen an verschiedenen Stellen unterwegs. Im Pine Ridge Reservat, also bei den Oglala Lakota, wohin ich diesen Sommer wieder fliege, kenne ich die meisten Leute. Und da spielen auch schon zwei meiner Jugendbücher.

Warum also erneut South Dakota?

Weil mir Pine Ridge vertraut ist. Und weil ich dort gut unterkomme. Ich bin vor Jahren auf der Suche nach deutschen Frauen gewesen, die mit Indianern verheiratet sind. Ich wollte wissen, wie sich das Zusammenleben gestaltet. In meinem Kopf gingen solche Beziehungen immer gut aus, doch die Wirklichkeit war anders. Damals bin ich auf Rosi gestoßen, die inzwischen geschieden ist, aber immer noch bei den Indianern lebt. Sie vermietet ein Blockhaus und ein Tipi, handelt mit verschiedenen Materialien und verkauft indianisches Kunsthandwerk. Sie ist für mich der zentrale Anlaufpunkt. Rosi weiß alles und kennt jeden, denn bei ihr kommen alle Leute zusammen.

Wie leben die Nachkommen der Indianer? Bestimmt nicht mehr in Zelten.

Normalerweise nicht mehr. Aber wenn man im Sommer dort ist, stehen allerorten die Tipis neben den Häusern. Die Wohnungssituation der Indianer ist genauso desolat wie die der anderen armen Amerikaner. Manchmal gibt es kein Wasser, oder die Kanalisation ist verstopft. Deshalb ziehen in den heißen Sommermonaten viele wieder in die Tipis um, weil man da nachts besser schlafen kann.

Sind die Reservate nach außen hin abgeschottet?

Nein. Niemand wird gezwungen, dort zu leben. Die Reservate sind auch nicht eingezäunt. Trotzdem gibt es in Pine Ridge kaum Tourismus. Viel zu sehen gibt es ohnehin nicht, vielleicht mit Ausnahme der Badlands, einer Umgebung, die eher einer Mond- oder Marslandschaft gleicht. Die Reservate sind den Indianern zugeteilt worden, im Glücksfall dort, wo ihre Vorfahren lebten. Die Lakota, zum Beispiel, hatten dort ihr Winterquartier. Ansonsten sind sie herumgezogen, haben in den Wäldern gejagt. Aber das Land, wo sie jetzt sesshaft sind, ist absolut karg, da kann man nichts anbauen, da wächst nichts. Gerade mal die Büffel finden dort Nahrung.

Wovon leben die Menschen?

Viele leben von der Wohlfahrt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 80 bis 90 Prozent. Ein paar Jobs gibt es natürlich, denn es gibt ja Läden, Tankstellen und ein paar weiße Farmer, die Indianer angestellt haben. Ein Großteil versucht, sich mit Kunsthandwerk über Wasser zu halten.

Wenn die Indianer nicht mehr so leben können wie ihre Vorfahren, stirbt da nicht auch die Tradition?

Ein großes Problem ist, dass die Indianerkinder bis in die 70er Jahre hinein in sogenannte Boarding Schools geschickt wurden, in Internate, weit weg vom Reservat, und ihre eigene Sprache nicht mehr sprechen durften. In den mehr als 300 Reservaten in den USA wird jeweils eine andere Sprache gesprochen. Als die Kinder zurück kamen, konnten sie sich nicht mehr mit ihren Großeltern unterhalten. Heute wird deren Sprache an den Schulen im Reservat wieder gelehrt, fast wie eine Fremdsprache.

Wer verwaltet das Reservat? Ein Häuptling oder der Ältestenrat?

Es gibt den Stammesrat, und jedes Reservat hat eine eigene Stammesregierung. Aber es gelten natürlich, wie überall, auch dort die US-Gesetze.

ZUR SACHE

Antje Babendererde, geb. 1963 in Jena, schildert auf spannende Weise das Leben der indianischen Nachfahren in den Reservaten. Mit ihren Romanen vermag sie jugendliche und erwachsene Leser gleichermaßen zu fesseln. Ehe sie wieder auf Recherche in die USA fliegt - diesmal ins Pine Ridge Reservat in South Dakota -, kommt sie am Sonntag nach Ulla. Sie wird im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Die Welt in Ulla" lesen und von ihren Erlebnissen in den Reservaten berichten. Andreas Schirneck interpretiert Indianer-Songs von Neil Young.

Sonntag, 25. April 2010, 17 Uhr, Alter Dorfsaal in Ulla (nahe Weimar)