Presse - Details

 
23.05.2005

Anschreiben gegen das schändliche Vergessen

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Während eines zweistündigen Festakts wurde gestern im Weimarer Musikgymnasium Belvedere dem Schriftsteller und Herausgeber Wulf Kirsten der mit 15 000 Euro dotierte Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung überreicht. Damit erhielt erstmals in der 13-jährigen Geschichte der Preisvergabe ein Weimarer die renommierte Auszeichnung. Verdientermaßen stehe der Name Wulf Kirsten nun in einer Reihe mit Sarah Kirsch, mit Walter Kempowski, mit Hilde Domin, mit Günter de Bruyn, mit Herta Müller und anderen, erklärte Bernhard Vogel als Vorsitzender der CDU-nahen Stiftung.

Der in Sachsen geborene und seit mehr als 30 Jahren in Thüringen lebende und schaffende Autor erfülle alle Kriterien, die für die Auswahl des Literaturpreisträgers der Adenauer-Stiftung maßgeblich seien, betonte Vogel: "antiautoritäre Grundhaltung, kritische Auseinandersetzung mit Diktatur und Kollektivismus, Freiheit des Wortes." Er sei in der DDR resistent gegen die offizielle Kunstdoktrin gewesen. Nur müsse man bei Wulf Kirsten, "dem Landschafts- und Naturdichter", genauer hinsehen. Vordergründig trete die politische Dimension seines Werks selten hervor; Hauptdarsteller seien "Wegwarte, Günsel und Distel", resümierte der Redner humorvoll.

Unfähig zur Lüge

Die Jury würdigte vor allem das lyrische Werk des 70-Jährigen. Manfred Osten bezeichnete Kirsten in seiner Laudatio als einen "Dichter, der unfähig zur Lüge ist" und gegen das "schändliche Vergessen" anschreibe, das sich, wie die Geschichte immer wieder zeige, leicht mit Barbarei verbinde. Der Laudator nannte Stationen aus Kirstens Biografie, würdigte seine Arbeit als Lektor des Aufbau-Verlags und verstieg sich in die Behauptung, Kirsten sei als "größte Hoffnung der DDR-Lyrik" (Reiner Kunze) in der DDR nicht wahrgenommen worden. Dagegen sprechen schon die zahlreichen Lyrik- und Prosaveröffentlichungen und der 1972 an ihn verliehene Louis-Fürnberg-Preis.

Wulf Kirsten erinnerte in seiner Dankrede die Beweggründe, die ihn zur Dichtung führten. "So ziemlich alles, was ich geschrieben habe, ist im Grunde Lebensbeschreibung. Ein Abwälzen von Lebensstoff, der sich im Gedächtnis sedimentär abgelagert hat", sagte er. Abwälzen musste er die Kindheitsbilder, die sich bei Kriegsende in sein Gedächtnis eingebrannt hatten. Und zur Auseinandersetzung zwang dann die Erfahrung "der willentlich geschichtsverzerrenden Gegebenheiten im Osten Deutschlands nach 1945", gerade das Wahrheitsdefizit erforderte genaues Hinsehen. Das "Ausforschen des Kleinteiligen" schien Kirsten eine Möglichkeit, glaubwürdig zu sein. Und "lebenswichtig, geradezu lebenserhaltend" wurde für ihn die Erfahrung, "dass sich eine Gegenwelt herstellen ließ mittels Lektüre, die grenzüberschreitende Freiräume gewährt".

Kritisch äußerte sich der Preisträger zu seinen Wende-Erfahrungen im Weimarer Stadtparlament: "Gläubig, allzu gläubig, blauäugig, wie auch anders möglich? sind wir im Herbst 1989 auf eine Demokratie zugelaufen, die es in diesem messianisch erwarteten Absolutum, quasi in Reinkultur, nicht gab und nicht geben kann. So wie Wahrheit, Freiheit und die vielen anderen hehren Wertvorstellungen immer nur Näherungswerte erreichen können. So leichtfertig und gefährlich es ist, allein angesichts der horrenden Opferzahlen, die die zwölf Jahre Hitlerdiktatur hinterlassen haben, eingedenk aller Barbarismen zweier unmittelbar aufeinanderfolgender Diktaturen, beide miteinander gleichzusetzen, um so stabiler, dauerhafter wünsche ich mir die dritte Staatsform. Was ja nicht ausschließt, dass ich sie nicht nur unter sprachkritischen Aspekten ständig erneut auf den Prüfstand meiner Wertvorstellungen und -maßstäbe setze."