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07.11.2006

Andreas Gläser liest in Ranis zum dritten Mal

von M.K. Ostthüringer Zeitung

Berliner Autor teilt Aufenthalt in Lesung und "traditionellen Ausklang" - Rund 30 Zuhörer auf der Burg

Ranis (OTZ/M.K.). Einmal Fußball, immer Fußball. Andreas Gläser, bekennender Fan des DDR-Rekordmeisters BFC Dynamo und Geschichtenschreiber aus Berlin, verfolgt seine größte Leidenschaft bei fast allen Lesungen. "Als ich das letzte Mal hier in Ranis war, haben mich zwei Frauen gefragt, warum ich keine Fußballgeschichte vorgetragen habe", sagte er am Donnerstag im Burgmuseum der Stadt. Nachschlag folgte prompt. In der Erzählung "Die Sparwasser-Krise" berichtet er vom Besuch seiner Verwandtschaft aus der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des WM-Spieles zwischen der BRD und der DDR im Jahr 1974.
Gläser hatte nicht nur sein neues Buch "DJ Baufresse" (Gustav-Kiepenheuer-Verlag) im Gepäck, aus dem er fast ausschließlich las, sondern eine Art Regiezettel. Darauf hatte er akribisch notiert, welche Stücke er dem Raniser Publikum vorlesen wollte. Ganz nach Plan ging es allerdings nicht, wie Gläser später sagte. "Ich habe kein richtiges Zeitgefühl bei Lesungen", verriet er den rund 30 Besuchern.

Mit der Burgstadt Ranis verbindet der Berliner (Jahrgang 1965), der hier zum dritten Mal las, eine besondere Erinnerung: "Hier hatte ich 2001 meine erste Sololesung." Der Titel "Der BFC war schuld am Mauerbau" sei "knackiger gewesen als der neue Buchtitel", hätte einige Freunde zu ihm gesagt. An Unterhaltungswert mangelt es den 30 Episoden in dem gleichnamigen Werk deshalb nicht, wie die Reaktionen der Zuhörer am Donnerstag zeigten. Gläser schildert in kurzen, pointierten Geschichten die Lebenswelt eines Bauarbeiters mit Familie, der sich nach Feierabend "einsam und ausgeruht" als Plattenaufleger betätigt.

"Hart, aber herzlich. Gläser kämpft tapfer gegen das Spießertum", beschrieb der russische Erfolgsautor Wladimir Kaminer jüngst die Arbeit seines Kollegen. Seitdem drei seiner Texte in Kaminers Anthologie "Frische Goldjungs" veröffentlichten wurden, ist auch Andreas Gläser einem größeren Publikum bekannt. 2002 erschien sein Debüt "Der BFC war schuld am Mauerbau", 2003 folgte bei Mundraub sein Hörbuch "Zonenschläger". Viele seiner Erzählungen finden sich in zahlreichen Anthologien.

Ein im Frühjahr 2007 erscheinendes Buch von Willi Willmanns enthält ein Vorwort Gläsers. Die wissenschaftliche Abhandlung mit dem Titel "Stadionpartisanen" widmet sich dem Thema Fußball-Hooligans in Ostberlin und soll aus Mitteln der Drehbuchförderung (Defa-Stiftung) von Jochen Wisotzki (Flüstern und Schreien) verfilmt werden.

Andreas Gläser, Mitbegründer der Vorlesebühne "Chaussee der Enthusiasten" sowie der Zeitschrift "Brillenschlange", bleibt mit seiner oft derben Sprache vor allem authentisch. Das hinderte ihn nicht daran, die Lesung in Ranis mit einem Lied (Aeroflot-Pilot) zu beenden. Damit schloss zumindest der offizielle Teil des Abends. Einige Geheimnisse um seine Person und einige Geschichten mit offenem Ausgang wollte er im Anschluss in der Gaststätte Zur Schmiede lüften. "Ich weiß, dass dies der Ort für den traditionellen Ausklang ist", gibt sich Gläser als guter Kenner der Raniser Leselandschaft aus.