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08.09.2003

Analphabetismus in Thüringen

von dpa Ostthüringer Zeitung

Schätzungsweise 110 000 Erwachsene können nicht richtig lesen und schreiben

Erfurt (dpa), Mehr als 110000 Erwachsene in Thüringen können Schätzungen zufolge nicht richtig lesen und schreiben, obwohl sie in der Schule waren. Bundesweit sollen es vier Millionen sein.
Die meisten Betroffenen sind nach Aussage der Jenaer Professorin für Deutsch-Didaktik, Juliane Köster, keine absoluten, sondern so genannte funktionale Analphabeten. "Sie können Texte teils sogar flüssig lesen, aber sie verstehen den Inhalt nicht." So scheitern sie beim Entziffern des Fahrplans an der Bushaltestelle oder des Beipackzettels zum Medikament, Formulare können sie nicht selbstständig ausfüllen.
Weil sie ihre Schwäche nicht preisgeben, gelten nach Ansicht der Wissenschaftlerin viele in der Schule bei den Lehrern schlicht als ?die Schlechten?, als Analphabetismus werden ihre Probleme nicht erkannt und somit auch nicht gelöst.
Schulunterricht fast ausschließlich in Form des Unterrichtsgesprächs begünstigt nach Ansicht der Professorin den Analphabetismus. "Die Dominanz von Gesprächsunterricht wird den unterschiedlichen Stärken und Schwächen der Schüler nicht gerecht." Schwächere Schüler fühlten sich durch dies Unterrichtsform nicht angesprochen und tauchten ab. Lese- und Schreib-Probleme könnten sie vertuschen und immer ausgefeiltere Methoden entwickeln, um sich unentdeckt durch Schule und Alltag zu mogeln.
Die Aussichten für das Berufsleben seien düster, sagt der Leiter der Volkshochschule Gotha und Anbieter von Alphabetisierungskursen, Ernst Schnabl: "Einen Ausbildungsplatz bekommen sie vielleicht, aber danach haben sie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt." Nach Ansicht des Bundesverbandes Alphabetisierung droht sich das Problem sogar zu verschärfen: ?Selbst wenn die Zahl der Analphabeten gleich bleiben sollte - es gibt immer weniger Berufe, die man mündlich erledigen kann?, so Verbandsgeschäftsführer Peter Hubertus.
Die Volkshochschule Gotha bietet seit mehr als zehn Jahren Kurse für Menschen an, die nicht richtig lesen und schreiben können. ?Das Problem ist aber, an die Leute ranzukommen?, sagt Schnabl. Fast nie melde sich ein Analphabet aus eigener Motivation an. ?Lernen setzen sie aus Erfahrung gleich mit Misserfolg.? Eine Vermittlerrolle komme daher Jugend-, Arbeits- und teils auch Gesundheitsämtern zu.
Die Volkshochschulen in Thüringen haben im vergangenen Jahr 25 Kurse für insgesamt 201 Teilnehmer aufgelegt. Zu wenig, findet Peter Hubertus: "Thüringen bietet im Bundesvergleich ein unterdurchschnittliches Angebot." Der Freistaat war 2002 mit Bayern und Baden-Württemberg das Schlusslicht.
Dabei bieten unter Bezeichnungen wie ?Lesen und Schreiben von Grund auf? oder ?Die Lese- und Schreibwerkstatt? landesweit etwa zwei Drittel der Volkshochschulen Alphabetisierungskurse an. "Fraglich ist jedoch oft, ob sich genügend Teilnehmer melden, damit die Kurse überhaupt zu Stande kommen", sagt die Direktorin des Thüringer Volkshochschulverbandes, Sylvia Kränke. Die Betroffenen sind meistens Sozialhilfeempfänger und hätten kein Geld übrig.