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11.11.2003

Alltagssituationen voller Selbstironie

von Hans-Werner Kreidner TLZ

Erfrischender Disput im Literarischen Quintett

"... ich lese nicht den Unsinn, den andere Leute verzapfen". Dieses Zitat im Buch der isländischen Autorin Kristin Marja Baldursdttir findet hoffentlich keine Nachahmer, meinten die fünf Mitglieder des Neuen Lesehallenvereins, die am Freitagabend das 3. Literarische Quintett des Lesemarathons der Ernst-Abbe-Bücherei bestritten. Im Blickpunkt des Interesses standen keine Bestseller, dafür fünf Werke, die das ganze Menschenleben ausbreiten.
Deutschlehrerin Katrin Lemke stellte den Roman "Kühl graut der Morgen" einer Isländerin vor, die sarkastische Charakterstudie einer eiskaltegozentrischen Lehrerin als Indiz einer Gesellschaft. "Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken!" Lehrerkollege Peter Klemm hatte das " weiblichste Buch" zu besprechen, und das tat er äußerst lustvoll. "Die Sonnenuhr" des Niederländers Maarten't Hart sei kunstvoll gestrickt, mehr als ein wortwitziger Krimi.
Prägnante Leseproben waren das Salz in der Suppe, bevor alle munter miteinander stritten. Buchhändlerin Doris Anders hatte sich den Roman mit amüsant-nachdenklichen Alltagssituationen voller Selbstironie "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" von Wilhelm Genazino vorgenommen. Die Jüngste im Quintett, die Auszubildende Caroline Doms, besprach den in neuer (besserer) Ubersetzung erschienenen Debütroman "Philip und die anderen" des Niederländers Ces Noteboom, der sich zwischen zwei Welten bewegt - Wirklichkeit und Fantasie. Die Handlung tritt zurück hinter dem Lesegefühl und der Botschaft: eine Metapher für die Lebensreise. Bibliotheksleiterin Dr. Annette Kasper empfahl den Roman "Schaumhochzeit" der in Paris lebenden Karine Tuil, ein sarkastisches und doppelbödiges Stück Literatur über den ewigen Konflikt zwischen Müttern und Töchtern, aberwitzig und beklemmend. Als Geschenk für die Mutter ungeeignet!
Doch gerade weil nicht jedem alles gefallen hat, erlebte das Publikum einen erfrischend konträren Disput, hatte seinen Spaß daran und konnte Anregendes mitnehmen. Oberlandesgerichtspräsident Hans-Joachim Bauer als Vorsitzender des Neuen Lesehallenvereins zeigte sich stolz, dass der Verein Träger des Literarischen Quintetts ist. Für die seit acht Jahren bestehende Initiative mit 50 Mitgliedern wünschte er sich weitere Förderer, um für die Bibliothek und die Öffentlichkeit künftig noch einiges mehr bewegen zu können.