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10.05.2013

Alice Schwarzer kommt am 13. Mai nach Greiz

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Alice Schwarzer Foto: Paul Zinken/dpa

Greiz. Alice Schwarzer, 70, Publizistin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift "Emma", stellt am Montag um 19.30 Uhr in der Greizer Vogtlandhalle ihr Buch "Lebenslauf" (Kiepenheuer & Witsch, 2011) vor. Die Lesung veranstalten die Stadt- und Kreisbibliothek Greiz un der Lese-Zeichen e. V. Jena.

Frau Schwarzer, in Fernseh-talkrunden kommen Sie oft unnahbar rüber, in den Lesungen aus Ihrem "Lebenslauf" seien Sie hingegen sehr sympathisch. Was denken Sie, woran liegt diese unterschiedliche Wahrnehmung?

Unnahbar? Das überrascht mich. Aber vielleicht bin ich im Fernsehen manchmal angespannter. Das liegt daran, dass man mir bis heute oft pseudo-kritisch bis aggressiv begegnet und so was lächelt man nicht einfach weg. Wenn ich hingegen Veranstaltungen habe, habe ich direkt mit den Menschen zu tun und die sind fast immer offen und neugierig. Da macht es Spaß, ebenso offen und differenziert darauf einzugehen. Überhaupt mache ich die Erfahrung, dass in Sachen Emanzipation die Menschen, Frauen wie Männer, viel fortschrittlicher sind als die Medien.

Ich kenne eine selbstbewusste Mittdreißigerin, die der Meinung ist, sie hätte Ihnen als Frauenrechtlerin sicher viel zu verdanken, und eine, die das Gegenteil behauptet. Mit welcher der beiden Damen würden Sie sich eher unterhalten?

Über die erste würde ich mich einfach freuen. Und mit der zweiten würde ich natürlich gerne diskutieren. Ich würde ihr unter anderem sagen, dass es bei der Geschichte der Emanzipation nicht nur um mich geht, sondern um viele mutige Frauen, die es in den letzten 150 Jahren geschafft haben, uns Frauen aus dem Zustand von Sklavinnen in die Lage von gleichberechtigten Bürgerinnen zu versetzen. Aber dass dieser Fortschritt nicht geschenkt ist, sondern täglich neu verteidigt werden muss. Und dass neue Gefahren drohen. Wie die Pornografisierung der Kultur oder auch der religiöse Fundamentalismus, der nicht zufällig als erstes die Menschenrechte der Frauen im Visier hat.

In vielen Interviews haben Sie die Ost-Frauen bewundert, unter anderem weil sie "weniger verblödet" seien wie die Frauen im Westen. Wie haben denn Letztere auf solche Blumen reagiert?

Westfrauen und Ostfrauen haben einfach vierzig Jahre lang sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die Ostfrauen hatten, zumindest auf dem Papier, gleiche Rechte wenn auch weiterhin die Doppelbelastung. Aber für sie war es selbstverständlich, auch Ingenieurin oder Physikerin zu sein wie die Kanzlerin und Ganztagskrippen und -kindergärten zu haben. Das alles hatten wir Westfrauen nicht. Bis 1976 durften Ehefrauen überhaupt nur mit der Erlaubnis des Ehemannes berufstätig sein und ausreichend Krippen haben wir bis heute nicht. Aber wir haben Erfahrung mit offener politischer Kritik und Protest auf der Straße. Damit haben wir, die neue Frauenbewegung, sehr viel erreicht. Ost- wie Westfrauen haben also spezifische Vor- wie Nachteile. Ideal wäre, wir schmissen unsere Vorteile zusammen!

Politisch werden Sie ja eher links verortet. Zuletzt hatten Sie sich allerdings von der CDU in die Bundesversammlung delegieren lassen. Wie kam das denn?

Mich hatte noch nie eine Partei gefragt, ob ich für sie den Bundespräsidenten mitwählen möchte was ja nicht nur ein Ausdruck der Wertschätzung meiner Person ist, sondern auch eine Wertschätzung der Sache, die ich verkörpere. Da gab es also keinen Grund, Nein zu sagen, als der Landesverband NRW der CDU mir das vorgeschlagen hat. Das ist doch gut, wenn endlich die Parteien begreifen, wie wichtig die Gleichberechtigung ist.

Was denken Sie, warum interessiert sich immer noch nur ein verhältnismäßig geringer Teil der Frauen für Politik?

Weil das, was man heutzutage unter Politik versteht, oft wenig mit der Lebensrealität der Frauen zu tun hat und auch wenig mit ihrem Lebensstil. Politik muss lebensnaher werden, damit auch Frauen die Lust und die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen.

Ich kenne Mütter im Oma-Alter, die sich von ihren Töchtern auch mal ein Enkelkind wünschen statt Erzählungen über immer neue Formen der kinderlosen Selbstverwirklichung. Können Sie die Gefühle solcher Mütter nachvollziehen?

Ja, das verstehe ich. Großmutter wäre ich auch gerne. Da hat man alle Vorteile, ohne allzu große Nachteile. Und darum kann ich nur jeder Frau mit oder ohne Kind raten: Beitragen zu einer Gesellschaft, in der Mütter nicht länger wählen müssen zwischen Beruf und Familie in der auch Väter Mütter sind! Das heißt zu einer Welt, in der Kinder Eltern haben. Die Zeitschrift "Emma" zum Beispiel hat in fast jeder Ausgabe einen konstruktiven Bericht zu diesem Dauerproblem und es geht tatsächlich langsam voran.

Karten gibt es in der Vogtlandhalle, Tel. (03661) 62880.