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14.05.2011

Alexander Osang über Berlin-Prenzlberg, New York und den 11. September

von Frank Quilitzsch TLZ

Berlin - New York - Berlin: "Spiegel"-Reporter und Buchautor Alexander Osang. Foto: Andreas Labes

"Es ärgert mich, wenn mir andere erklären, wie ich gelebt habe" - sagt der Autor, der im Mai zu Buchlesungen in Ranis und bei den Weimarer Lesarten auftritt, im TLZ-Gespräch.

Herr Osang, sind Sie nach der langen Zeit, die Sie in New York verbracht haben, in Berlin wieder heimisch geworden?

Ja. Ich war zwar in unserer Familie derjenige gewesen, den es am wenigsten wieder zurück gezogen hat, weil ich nicht nur das Leben in New York, sondern auch die Distanz zu Deutschland genossen habe. Aber ich bin - inzwischen sind ja vier Jahre vergangen - gut angekommen. Berlin ist meine Heimatstadt. Hier bin ich geboren, meine Eltern leben hier, und ich habe hier viele Freunde. Ich vermisse New York ab und zu, aber ich bin in Berlin zu Hause.

Mein Eindruck war, dass Ihnen der Umzug nach Amerika 1999 gerade recht kam. Sie hatten damals als Reporter die Wende-Ereignisse abgegrast und suchten Abstand.

Das stimmt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich in den letzten Jahren im Kreis gedreht hatte, und wollte neue Erfahrungen machen. Nach Amerika wollte ich sowieso schon immer, das war mein Kindheitstraum.

Wie hat New York Ihren Blick auf Deutschland verändert?

Mein Gefühl zu Deutschland hat sich verändert, es ist heute viel entspannter. Früher wollte ich viel lieber Norweger sein oder Schweizer - ich hatte kein Verhältnis zu meiner Nationalität. Amerika hat mir bewusst gemacht, was an mir deutsch ist und was ich an Deutschland mag. Zum Beispiel empfinde ich jetzt zum ersten Mal Sympathie für die deutsche Fußballnationalmannschaft. Andererseits errege ich mich nicht mehr so schnell wie früher und betrachte die Gefühlswallungen meiner Landsleute - Werden wir jetzt alle katholisch? oder: Sterben die Deutschen aus? - mit zunehmender Gelassenheit.

Hatten Sie zuvor mit der DDR-Fußballauswahl gefiebert?

Aber ja. Das war meine Mannschaft gewesen. Deshalb fiel es mir ja so schwer, Fan der gesamtdeutschen Auswahl zu werden. Mein Vater war schon immer für die westdeutsche Mannschaft gewesen. Mein Sohn war Fan der deutschen Auswahl, als wir in New York zusammen die Weltmeisterschaft im Fernsehen verfolgt haben, nur ich konnte da nie so richtig mitgehen. Meine Mannschaft existierte nicht mehr, also war ich für die Engländer oder Holländer, ich war immer für die, von denen ich glaubte, dass sie die Deutschen schlagen könnten.

Wahrscheinlich fühlen Sie sich noch immer als Ostdeutscher.

Zumindest hatte ich geglaubt, ich gehe nach Amerika und kann unter mein Leben in Ostdeutschland einen Schlussstrich ziehen. Das war auch mein Motiv, als ich den Roman "Die Nachrichten" schrieb, ich wollte Abstand gewinnen zu den Vorgängen nach der Wende, zu den Verletzungen und Schuldzuweisungen. Ich habe dann ja auch viel erlebt in den sieben Jahren in den USA - den 11. September, die innenpolitischen Veränderungen während der Bush-Ära, ich war als Reporter im Irak-Krieg, dann bei den Zerstörungen durch Katrina. Es ist viel passiert, und ich dachte wirklich, ich hätte es hinter mir. Als ich eine Reportage über die Nostalgieshows infolge von "Goodbye Lenin" machen sollte, habe ich gar nicht mehr begriffen, was mich das noch angeht. Aber dann kam ich zurück, und die erste Geschichte, die ich 2007 für den "Spiegel" geschrieben habe, war ein Porträt über den Schauspieler Ulrich Mühe, den ich bei der Oscar-Verleihung für "Das Leben der Anderen" mit Florian Henckel von Donnersmarck in Los Angeles getroffen hatte. Und dabei habe ich gemerkt, dass mich diese Auseinandersetzungen noch immer interessieren und dass die menschlichen Verwerfungen, die mit der Wende verbunden sind, nach wie vor mein Thema sind, wenngleich heute mehr auf belletristischer Ebene. Das spürt man, glaube ich, auch in meinem Roman "Königstorkinder".

Ungewöhnliche Ost-West-Liebe

Ihre drei Romane folgen gewissermaßen Ihren Lebensetappen: "Die Nachrichten" reflektiert die Zeit unmittelbar nach der Wende, "Lennon ist tot" ist ein Kind des Amerikaaufenthalts, und "Königstorkinder" analysiert das Leben im vereinigten Berlin der Gegenwart.

Auch wenn der Roman "Lennon ist tot" größtenteils in New York spielt, fragt er doch danach, was aus den Kindern der Wende-Zeit wurde, die mit Eltern großgeworden sind, die stark mit sich selbst beschäftigt waren, und mit Lehrern, die ihnen auch keinen großen Halt geben konnten. Und in "Königstorkinder" geht es letztlich um die Frage, wie weit man den Lebensgeschichten, die wir uns erzählen, überhaupt trauen darf. Freunde und Bekannte von damals erzählen mir heute Dinge, die wir zusammen erlebt haben, und wo ich mir sage: He, ich war doch dabei! Was erzählst du mir, wer du damals warst? Ich kenn' dich von damals und habe dich ganz anders in Erinnerung! Vielleicht färbt der Wunsch, uns in der Vergangenheit anders verhalten zu haben, unsere Geschichten nachträglich ein. Das ist ja auch menschlich. Seit ich wieder hier bin, stelle ich immer wieder fest, dass viele Wunden noch nicht verheilt sind, es aber ein großes Bedürfnis der Medien gibt, eine allgemeine Version der Geschichte zu schreiben. Auch in Büchern, Filmen, Essays wird mir erzählt, wie ich gelebt habe. Das ärgert mich, weil ich ja immer noch lebe und meine ganz eigene Geschichte habe, die nur ich erzählen kann.

Das hätte jetzt auch Andreas Hermann aus "Königstorkinder" sagen können. Es misshagt ihm, dass die aus Süddeutschland nach Berlin gezogene Ulrike Beerenstein, die er liebt, mehr über seine Vergangenheit zu wissen glaubt als er selber. Wie viel Osang steckt in dieser Hauptfigur?

Eine ganze Menge. Und trotzdem ist er zugleich ein Gegenbild zu mir. Ich hätte mit ihm angefangen haben können nach der Wende, doch er hatte weniger Glück als ich, bei ihm lief es nicht so gut. Ich habe Freunde, denen es wie ihm erging, und mich hat in diesem Fall nicht meine Perspektive auf diese Zeit interessiert, sondern deren Perspektive. Er hat viel von meinen Selbstzweifeln und Skrupeln und guckt mit meinen Augen auf die Welt. Ich habe Freunde, die sich heute am Prenzlauer Berg festklammern und sich durch gutgelaunte Leute wie mich, denen es beruflich und finanziell besser geht, bedroht fühlen. Ich frage mich, ob eine Beziehung zwischen den Alten und den Neuen überhaupt möglich ist.

Was meinen Sie mit Alten und Neuen?

Die Alteinwohner des Viertels und die Hinzugezogenen, die zumeist aus Südwestdeutschland kommen. Aber es gibt natürlich auch Leute wie mich, Erfolgs-Ossis oder so etwas ...

Die nicht mehr richtig dazugehören.

So ist es.

Dann haben Sie ja auch etwas von der Ulrike.

Genau.

Für mich erzählen Sie aber nicht nur eine Ost-West-Liebesgeschichte. Die Gräben, die sich zwischen Andreas Hermann und Ulrike Beerenstein auftun, sind auch stark sozialer Natur.

Absolut. Das interessiert mich auch viel mehr. Es hätte ja auch umgekehrt sein können: Sie hätte aus dem Osten sein und in so ein Townhaus-Viertel ziehen können, und er ist ein gestrandeter westdeutscher Lebenskünstler. Das wär nur nicht die typische Version. Im Moment ist die andere typischer. Der eigentliche Konflikt ist ein sozialer, und sie versucht ihn, indem sie ihm eine Aufgabe anvertraut, in den Stand zu versetzen, dass er in ihre Welt hineinpasst.

Was dieser Andreas Hermann mit manchem Zeitgenossen ostdeutscher Prägung gemein hat, ist die permanente Unterforderung. Obwohl in vieler Hinsicht begabt, wird er aus einer Beschäftigungstherapie in die nächste umgelenkt. Er kommt nicht an in der neuen Zeit. Wie haben Sie dieses Milieu so genau recherchiert?

Ich habe Freunde, die seit Jahren in solchen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen festhängen. Einen habe ich mal bei einem solchen Projekt begleitet. Er sollte eine Ausstellung über Weinanbau in Berlin machen, die ja auch in meinem Buch eine Rolle spielt. Dann bin ich wochenlang mit einer Schauspielergruppe mitgezogen, die in Altersheimen Programme aufführt, habe mich bei Einstellungsgesprächen inkognito mit dazu gesetzt, um diese mir bis dahin verborgene Welt kennenzulernen. So, wie ich mir auch für "Die Nachrichten" die Welt der Stasiunterlagenbehörde und der "Tagesschau"-Studios erst erschließen musste. Mit anderen Worten: Ich habe sehr viel recherchiert.

Normalerweise beißen sich Journalismus und Literatur. Wie machen Sie sich locker fürs fiktionale Schreiben?

Dafür brauche ich vor allem Zeit. Als ich aus Amerika zurückkam, hatte ich kurz überlegt, ob ich beim "Spiegel" aufhöre. Doch dazu bin ich viel zu gerne Reporter und bewege mich immer noch gern in der Welt. Um beides miteinander vereinbaren zu können, habe ich jetzt einen Vertrag, bei dem ich drei Monate im Jahr unbezahlten Urlaub kriege, und in dieser Zeit schreibe ich.

An einem abgeschieden Ort?

Ich habe eine Wohnung, in der ich in Ruhe schreiben kann. Aber manchmal ziehe ich mich auch an andere Plätze zurück.

Was bewegt Sie gegenwärtig am meisten?

Ich war gerade für den "Spiegel" in Japan, wo ich ursprünglich gar nicht hin wollte. Was ich dort erlebt habe, ist mir unter die Haut gegangen. Und in den letzten drei freien Monaten habe ich zusammen mit meiner Frau ein Buch über den 11. September 2001 gemacht, in dem wir beide - jeder aus seiner Sicht - diesen Tag beschreiben. Die Idee kam uns auf einer Party, wo ich zum hundertsten Mal meine Geschichte erzählen sollte, wie ich den Terroranschlag erlebt habe.

Sie waren genau zu jenem Zeitpunkt dort, als die Türme eingestürzt sind.

Genau. Ich bin vor der Staubwolke in einen Keller geflüchtet. Die Partyfreunde hingen an meinen Lippen, bis meine Frau plötzlich sagte: Ich war auch in New York. Und dann hat sie erzählt, wie sie diesen Tag erlebt hat. Teilweise wusste ich gar nichts davon. Letztlich ist daraus nicht nur ein Buch über New York, sondern auch die Geschichte einer Ehe geworden. Es fängt damit an, wie wir morgens aufwachen, und endet damit, wie wir zu Bett gehen. Bei diesem Buch habe ich einiges Neue über meine Frau erfahren - sie hoffentlich auch über mich. Zum Schreiben mussten wir uns allerdings trennen.

In der Endfassung des Buches muss Sie doch noch die Meldung von der Tötung Osama Bin Ladens erreicht haben.

Natürlich. Wir waren allerdings schon fertig und mit den Korrekturen beschäftigt. Aber das findet keinen Eingang in den Text, da wir konsequent unseren persönlichen Tagesablauf erzählen - nur den 11. September 2001. Es gibt allerdings einen Epilog, in dem steht, was mit den einzelnen Leuten passiert ist - wer sich getrennt hat, wer gestorben ist. Auch was aus unseren Kindern, unserem Kater und dem Auto geworden ist. Wir wollen nicht die geschichtliche Dimension dieses Tages oder gar die Person Bin Laden bewerten, dazu wird es jede Menge Bücher geben.

Noch authentischer wäre es, Sie hätten damals Tagebuch geführt.

Ein Tagebuch gibt es leider nicht. Aber ich habe meinen alten Block mit den Aufzeichnungen wiedergefunden und unser amerikanisches Telefon noch mal angeschlossen und die Nachrichten abgehört, die wir an jenem Tag bekommen haben.

Der Tag, an dem die Türme einstürzten

Das geht? Nach so langer Zeit?

Aber ja. Das ist eine gespenstische Szene, wie wir in diesem Januar, nach fast zehn Jahren also, in einem Hotelzimmer in New York saßen und zum ersten Mal wieder die alten Nachrichten gehört haben. Das "Spiegel"-Büro ist sehr gründlich, die haben noch sämtliche Telefonlisten von meinem Dienst-Handy, so konnten wir genau nachvollziehen, wann wir mit wem telefoniert hatten. Wir haben alle alten E-Mails noch mal durchgeschaut. Diese Dinge sind absolut authentisch, aber die Reflexionen sind Erinnerungen, das heißt wir bekommen am Ende eine Version dieses Tages, genau genommen zwei - meine und die meiner Frau.

Der Versuch einer Rekonstruktion mit Hilfe des Gedächtnisses und technischer Mittel?

Exakt.

Nach Ihrer Befindlichkeit zu urteilen, wollen Sie nicht so bald wieder aus Deutschland weg, um Abstand zu gewinnen?

Ich denke durchaus darüber nach. Südafrika würde mich reizen, wo ich letztes Jahr für fünf Wochen während der Fußball-Weltmeisterschaft gewesen bin. Auch jetzt, als ich in Japan war, hatte ich diese Energieschübe. Da spüre ich, wie mich die Fremde anstößt und befeuert. Die Überlegung, irgendwann noch einmal wegzugehen, habe ich durchaus in meinem Kopf.

Also doch noch ein neues langfristiges Abenteuer?

Man merkt ja, wie schnell man wieder in die alten Zusammenhänge rutscht. Es tut gut, sich noch einmal auf so eine Herausforderung einzulassen, wenn die Frau und die Kinder mitziehen. Übrigens hatten wir damals nicht nur lange überlegt, ob wir überhaupt aus New York wieder weggehen, sondern auch, wohin wir gehen wollen. Havanna war eine Option, aber es ist sehr schwer, dort als Journalist zu arbeiten und mit der Familie zu leben. Auch Südamerika wäre eine Möglichkeit gewesen oder Russland. Ich möchte kein Diplomatenleben führen. Wenn ich irgendwo hingehe, will ich mich voll und ganz auf das Leben einlassen.

Der Journalist und Schriftsteller Alexander Osang (Jg. 1962) hat wie kein anderer mit seinen Büchern den deutschen Vereinigungsprozess kritisch begleitet. Für seine literarischen Reportagen wurde er mit zahlreichen Preisen bedacht. Seine Bände "Die stumpfe Ecke" und "Tamara Danz" sind heute im Osten Kult. Von 1999 bis 2006 berichtete er für den "Spiegel" aus New York - auch über den Terroranschlag am 11. September 2001. Sein Roman "Die Nachrichten" (2000) wurde von Matti Geschonneck fürs Fernsehen verfilmt - mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle. Vor vier Jahren erschien sein zweiter Roman, "Lennon ist tot", über die "verlorene Generation" der Wende-Kinder. Mit seinem jüngsten Roman, "Königstorkinder", über eine tragikomische Ost-West-Liebe im heutigen Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg ist Osang bei den Weimarer Lesarten zu Gast. Für Juli ist ein weiteres Buch angekündigt, in dem er wechselweise mit seiner Frau schildert, wie sie den 11. September 2001 erlebt haben.

Alexander Osang liest am 19. Mai auf der Burg Ranis und am 20. Mai in der Weimarer Stadtbücherei - jeweils 19.30 Uhr