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27.03.2007

'Ästhetik' unterm Arm

von Frank Quikitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Mit seiner im Aufbau-Verlag erschienenen Biografie "Und dennoch Hoffnung" (302 S., 24.95 Euro) holt der Jenaer Autor und Filmemacher Jens-Fietje Dwars einen der wichtigsten deutschen Nachkriegskünstler ins öffentliche Bewusstsein zurück: Peter Weiss (1916-1982) schuf mit der Roman-Trilogie "Die Ästhetik des Widerstands" die "Odyssee" des 20. Jahrhunderts. Dwars, der sich seit über 20 Jahren mit Weiss beschäftigt und bereits einen Film über ihn gedreht hat, stellt sein Buch heute im Rahmen der Lesarten in der Weimarer Stadtbücherei vor.

Herr Dwars, wie wurde Ihre Weiss-Biografie auf der Buchmesse aufgenommen?

Sehr unterschiedlich. Peter Weiss taucht ja gewissermaßen nach 25 Jahren aus der Versenkung auf. Seine "Ästhetik des Widerstands" wurde erstmals als Hörbuch aufgenommen. Im Hörbuch-Forum der ARD gab es dazu ein sehr gut besuchtes Podiumsgespräch. Problematisch war die ARD-Hörspielnacht, wo 25 Produktionen in vier Stunden vorgestellt wurden. Da am Anfang Hans Magnus Enzensberger und andere das Wort hatten, blieb für Peter Weiss nicht viel Zeit. Der Moderator hat dann auch gleich zu verstehen gegeben, wo er den Mann sehen möchte: Seit 1981 sei doch "das linke Projekt" gestorben, was soll uns noch Peter Weiss?

"Und dennoch Hoffnung" ist nach der Johannes R. Becher-Biografie Ihr zweites Buch über einen "Unzeitgemäßen". Wann war denn die Zeit eines Peter Weiss? Oder kommt sie erst noch?

1991 gab es eine große Ausstellung an der Akademie der Künste, bei der zum ersten Mal deutlich wurde, in welch ungeheurer Bandbreite er gearbeitet hat. Dass er eben nicht nur ein berühmter Dramatiker war - das war er in den 60er Jahren mit "Marat/Sade" und "Die Ermittlung", die damals zu den meistgespielten Stücken zählten - und der Verfasser des Kultbuchs der Linken, der "Ästhetik des Widerstands": Die Gemälde und Collagen wurden gezeigt und seine Filme - Peter Weiss hat mehr als zwölf Filme gemacht. 1991 meinten plötzlich alle, jetzt, am Ende der Ost-West-Teilung, sei die Zeit gekommen, gemeinsam etwas Neues zu beginnen. Da gab es nur einen Spielverderber, der hieß Heiner Müller und meinte, das Werk von Peter Weiss werde natürlich bleiben, doch es wird seine Leser und Zuschauer verlieren, weil man glaubt, keine Zukunft mehr nötig zu haben. Das hat sich leider bestätigt, übrigens auch für Heiner Müller selbst.

Für Sie hat Peter Weiss seine Bedeutung nicht verloren, sonst hätten Sie ja nicht dieses Buch geschrieben.

Ich stehe da nicht alleine. Auch die akademische Forschung hat ihn nie vergessen. Auslösend war für mich, dass zum ersten Mal sein Leben greifbar wird, weil Unmengen seiner Nachlasstexte erschienen sind. Was er in frühen Jahren getan, was sein Leben ausgemacht hat und sein wachsendes Werk, können wir erst jetzt richtig ermessen. Und etwas Verrücktes: Peter Weiss hat 1960 in Kopenhagen seinen letzten Dokumentarfilm gedreht und dabei Tagebuch geführt. Dieses Journal ist Ende 2006 erschienen und sofort auf der Kritiker-Bestenliste des SWR auf Platz eins geschossen.

Peter Weiss ist nach dem Krieg in Schweden geblieben. Wie war denn sein Verhältnis zu den beiden deutschen Staaten?

Er war in einer komfortablen Lage, denn er konnte aus der Ferne, aus seinem fortgesetzten Exil, Ost und West beurteilen. Er hat sich phasenweise eingemischt, konnte sich aber jederzeit wieder zurückziehen und in Ruhe weiterschreiben. Der Preis war, dass er zwischen die Fronten geriet und zerrieben wurde.

Ihr Buch hat eine lange Vorgeschichte. Da war einmal an der Uni Jena ein Grüppchen junger Literaturwissenschaftler, Historiker, Philosophen, erkennbar an einem roten oder grauen Buch unterm Arm ...

Genau. Die einen hatten die "Ästhetik" in Rot, das waren diejenigen, die an die Henschel-Ausgabe gekommen waren, andere hatten die grauen Bände der Suhrkamp-Ausgabe aus dem Westen. Zu diesen Typen zählte unter anderen ein gewisser Ingo Schulze, der im letzten Jahr als Schriftsteller den Peter-Weiss-Preis bekommen hat.

Sie müssten mit dem Inhalt bestens vertraut sein, denn Sie hatten gar keine Ausgabe und Teile der "Ästhetik" mit der Hand abgeschrieben.

Das stimmt. Zwei Hefte, eng bekritzelt, die ich bis heute aufgehoben habe. Übrigens wurden wir damals von unseren Professoren ein bisschen belächelt. Die Kinder, hieß es, proben den Aufstand.

! Heute, 19.30 Uhr, Stadtbücherei Weimar