Presse - Details

 
07.05.2010

Abgebaggerte Dorfzeit

von Martin Straub Mitteldeutsche Zeitung

Frühjahr 2004: Spitzkegelhalden des früheren Uranerzabbaus bei Ronneburg (FOTO: DPA)

Halle/MZ. Wie oft sind einem im Vorüberfahren die Ronneburger Pyramiden, im Volksmund "Ronneburger Titten" genannt, ins Auge gefallen. Dass sie ein Symbol sind für ein ungeheures Ausmaß an Zerstörung und für menschliches Leid, das sah man dabei nicht. Annerose Kirchners Buch "Spurlos verschwunden. Dörfer in Thüringen. Opfer des Uranabbaus" ist deshalb ein dringend notwendiges Buch. Sie setzt Gessen, Schmirchau, Lichtenberg, Culmitzsch, Katzendorf und Sorge ein Denkmal. Im Raum Ronneburg-Berga, der "größten Uranlagerstelle Europas" sind diese Dörfer Stück für Stück untergegangen. Jetzt ist das Ronneburger Wahrzeichen verschwunden. Die Landschaft wurde saniert. Aber sollte man dieses Geschehen deshalb vergessen?

Nach 1989 war das sächsische Heuersdorf, nahe der thüringischen Landesgrenze, in aller Munde und machte "weltweit Schlagzeilen". Doch die sechs verschwundenen Thüringer Dörfer wurden in der DDR totgeschwiegen. Vor der Wende hätte Annerose Kirchner dieses Buch, zu dem sie der Weimarer Autor Wulf Kirsten immer wieder ermutigte, nicht schreiben können. In ihrem Eingangskapitel "Abgebaggerte Dorfzeit" macht Kirchner mit Heuersdorf bewusst, dass solche schlimmen Eingriffe bis heute auf der Tagesordnung stehen. Auf dem Anger des Dorfes "stehen sich David und Goliath - ein wehrhafter Zwerg und ein mächtiger Riese - im Duell gegenüber". Die Skulpturengruppe wurde 1996 von den Grünen gestiftet. In dieser Hinsicht haben sich die Zeiten geändert. Freilich, die Heuersdorfer wird das kaum trösten.

All das mag Annerose Kirchner um so dringlicher bewogen haben, ihre Spurensuche fortzusetzen. So findet sie Gewährsmänner und -frauen, die über ihr Dorf und die damit verbundenen Schicksale berichten. Sie durchwandert die Gegenden, geht in Archive, sucht in der Presse der 50er und 60er Jahre nach Berichten, vergeblich. Sie durchforstet die Wismut-Akten, und Archive, vertieft sich in Dokumentationen, die nach der Wende erscheinen konnten, etwa Rainer Karlschs "Uran für Moskau" oder in Michael Beleites' "Altlast Wismut". Sie taucht ein in die Ortschroniken, nicht wenige dieser Jahrhunderte alten Dörfer sind sorbischen Ursprungs. Man merkt der kenntnisreichen Sensibilität der Landschaftsschilderungen mit ihren Flurnamen, der Flora und Fauna an, wie nahe der Geraerin und von dem Dichter Walter Werner beeinflusste Lyrikerin dieser Landschaft ist.

Es berührt den Leser, wie durch die Erzählungen etwa von Johannes Weiser aus Sorge oder von Liselotte Luckner aus Culmitzsch die Dörfer wieder auferstehen. Endlich können sie reden. Sie ahnen kaum, wie sie zum Spielball der Politik des "Kalten Krieges" geworden sind. Wie ein Leitmotiv durchziehen Ahnungslosigkeit, Unwissenheit, die Befangenheit in den engen Grenzen des Dorfes und diese Ohnmacht das Erzählen. "Als Dieter Sonntag mit seiner Familie Schmirchau verlassen musste, waren Sorge und Katzendorf schon Wüstungen. ,Das haben wir in Schmirchau nicht gewusst. Wir hatten keine Bindung da 'nauf". Oder: "Was da eigentlich drüben unter Schmirchau aus der Erde geholt und in die Sowjetunion transportiert wurde, wussten die Gessener nicht genau. Sie waren ein kleines Rädchen im riesigen Getriebe Uranstaat."

Annerose Kirchners literarische Reportage gewinnt ihre Qualität durch eine vielschichtige sprachliche Realisierung. Sie konfrontiert die Lebensgeschichte ihrer Leute, deren Häuser und Höfe ins Nichts versanken mit der kalten Sprache der Akten oder mit dem hohlen Ton der öffentlichen Verlautbarungen mit ihren Phrasen von der "sozialistischen Menschengemeinschaft". Dem entgegen lässt sie Dichter wie Lutz Seiler oder Wulf Kirsten zu Wort kommen. Oder sie zitiert mit dem "Lied der Wismut-Brigaden" von Horst Salomon eine ganz andere Melodie. "Was unsere Hände heut fördern, / zu Tag aus der steinernen Nacht, / lässt Träume zur Wirklichkeit reifen, / zum Ruhme der Arbeitermacht." Den Dörflern wird es bitter in den Ohren geklungen haben. "Ich hab mein Dorf im Kopf. Ich vegess das net", sagt die sechsundsiebzigjährige Annita Meyer aus Katzendorf.