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10.10.2012

19 Thüringer Verlage auf der Frankfurter Buchmesse

von Frank Quilitzsch TLZ

Eine Besucherin liest in Frankfurt am Main auf der Frankfurter Buchmesse ein E-Book. Foto: dapd

Man kennt das seit Jahrzehnten: Immer mehr, immer größer, immer bunter. Und immer digitaler, muss man ergänzen. Da macht die heute öffnende 64. Frankfurter Buchmesse keine Ausnahme. Mit 7300 Ausstellern aus mehr als 100 Ländern wieder die weltweit größte.

Frankfurt/Main. "Messe für Bücher, Medien und digitale Inhalte", so der nunmehr erweiterte Name. Denn laut Messe-Direktor Juergen Boos befindet sich der traditionelle Buchhändlertreff in der größten Umbruchphase seit Einführung der Druckerpresse: "In unserer Branche kommen täglich neue Mitspieler hinzu, es entstehen vollkommen neue Zusammenhänge, Produktideen und Geschäftsmodelle", erklärte Boos am Dienstag. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, wartete mit Zahlen auf: Besonders erfreulich sei die Verdoppelung der E-Book-Verkäufe von einem auf zwei Prozent in diesem Jahr. Probleme hätten allerdings die stationären Buchhändler und insbesondere die großen Ketten mit ihren "überdimensionierten Läden". Deren Umsätze seien in diesem Jahr um mehr als vier Prozent zurückgegangen. Dies alles klingt noch nicht dramatisch, wenn man den Vergleich mit den USA sucht, wo die E-Book-Verkäufe laut Honnefelder bereits einen Marktanteil von 20 Prozent erreichen. Aber der Trend ist absehbar. In Deutschland wurden im ersten Halbjahr 2012 4,6 Millionen kostenpflichtige E-Books heruntergeladen. Es sei gut, dass die digitale Welt Einzug in die Bruchbranche hält, schlussfolgerte der Börsenvereins-Vorsitzende, denn sie werde die "analoge Welt ergänzen". "Heute kommt Literatur mit einem Mausklick zum Leser, wird interaktiv am Bildschirm rezipiert, wird online kommentiert", so Honnefelder. Sie werde kürzer, werde ergänzt durch Bilder und Töne. "Heute entstehen zum Beispiel Handy-Romane."

Was wir mit dem Buch verlieren

Spätestens hier scheint ein Blick in Thomas Hettches Essay "Das Ende des Buches und was wir verlieren" geboten, in dem die Folgen dieser Entwicklung für den Literaturbetrieb aufgezeigt werden. "Ein schleichender Prozess der Auszehrung ist im Gang", schreibt Hettche. Man spüre sein Fortschreiten überall, in den Buchhandlungen, den Universitäten, den Rundfunkanstalten, den Literaturhäusern und Schulen: "Überall die potemkinsche Empfindung, durch bloße Fassaden zu gehen. Zwar gibt es all diese Institutionen noch, aber es kommt mir so vor, als wären sie dabei, von innen heraus zu vergehen." Der Journalist und Autor nennt Beispiele: "Die literaturwissenschaftlichen Seminare, in die ich eingeladen werde, muten ihren Studenten keine Bücher mehr zu, sondern kopieren zehnseitige Ausschnitte, anhand derer nicht etwa Romane verstanden, sondern lediglich Frage- und Diskussionstechniken eingeübt werden sollen. Kunststücke. Immer mehr Traditionsbuchhandlungen, die seit Jahrzehnten Lesungen veranstalten, mutieren zu Papeterien. In den Rundfunksendern trifft man auf Redakteure, die das Buch, über das sie mit einem sprechen wollen, nicht mehr gelesen haben dürfen, damit sie die Hörer besser abholen können, wie man das nennt." Die Eventkultur macht vor dem guten alten Buch nicht halt. Doch zum Glück gibt es in Deutschland eine großartige Errungenschaft: die Buchpreisbindung, die hier seit zehn Jahren gesetzlich verankert ist und verhindert, dass das Buch allein den Gesetzen des Marktes untergeordnet wird. Was das bedeutet, zeige sich in Ländern ohne Buchpreisbindung, mahnt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Dort entwickle sich "eine Bestsellerkultur, die neben ihrem Mainstream keinen Raum für besondere Themen, Experimente und kulturelle Vielfalt" lasse. Der unabhängige Buchhandel breche weg.

Lesungen in der Thüringen-Lounge

Hingegen konstatiert Honnefelder trotz der leicht rückläufigen Verkaufszahlen im analogen Geschäft in Deutschland eine Aufbruchstimmung: In kleinen Städten und auf dem Land würden zunehmend Buchhandlungen mit kaufmännisch kompetenten, literarisch gebildeten und technisch informierten Besitzern florieren. "Plötzlich gibt es überall Neueröffnungen mit Grips und Potenzial." Kreativpotenzial heißt das im Jargon des thüringischen Wirtschaftsministers, der die heimische Buchbranche fördern will, indem er kleineren Editionsunternehmen in Frankfurt Platz am Gemeinschaftsstand (Halle 3.1) bietet. 19 Verlage zeigen dort bis Sonntag ihre Produkte, und das "Literaturland Thüringen" steht im Zentrum zahlreicher Veranstaltungen. Daniela Danz, Sergej Lochthofen , Hubert Schirneck und andere lesen. Neue Bände der "Edition Muschelkalk", Erotisches von den Menantes-Preisträgern und das jüngste "Palmbaum"-Literaturjournal werden präsentiert. Eine Halle weiter hat man bereits die papierlose Welt vor Augen: Im "Klassenzimmer der Zukunft" können Besucher auf 300 Quadratmetern erleben, wie Schüler einmal lernen werden: nämlich dreidimensional mit Multimedia-Brillen, interaktiv und mit digital aufbereiteten Lernmaterialien, mit Riesenmonitor ("Powerwall") und Moderationstafel ("Whiteboard"). Dazu passt irgendwie folgende, vom Rowohlt-Verlag bestätigte Agenturmeldung, wonach der Schriftsteller Martin Walser auf der Bahnfahrt von Innsbruck nach Friedrichshafen sein Tagebuch verloren habe. Natürlich ein analoges: "In rotes Leinen gebunden. Drin kein Name, keine Adresse. Ich hatte ja nicht vor, es liegen zu lassen", äußerte der 85-Jährige, der seine Romane noch nach uraltem Brauch mit Tinte auf Papier verfasst.

Für Privatbesucher ist die Buchmesse am 13. und 14. Oktober ab 9 Uhr geöffnet.