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23.10.2012

100 Jahre Volksbücherei Neustadt mit Antje Vollmer und Hans Eckhardt Wenzel

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Hans Eckhardt Wenzel übernahm den musikalischen Part der Lesung. Foto: Mario Keim

Antje Vollmer und Hans Eckhardt Wenzel bestreiten einen ergreifenden Abend in der Stadtbibliothek Neustadt und erleben lange und offene Diskussion über das vorgestellte Buch "Doppelleben".

Neustadt. Einen "Knüller" hatte sich Alexandra Junge zur Festwoche "100 Jahre Volksbücherei" gewünscht. Dabei kam der Leiterin der Neustädter Stadtbibliothek Hans Eckhardt Wenzel in den Sinn. Der Vollblutkünstler ist in der Region noch immer ein gern gesehener Gast.

Auch am Sonntagabend glänzte er mit eigenen Liedern. Ihm zur Seite saß Dr. Antje Vollmer (69), die aus ihrem Buch "Doppelleben" las und sich mit Wenzel abwechselte. Bereits seit DDR-Zeiten sind beide befreundet. Die Veranstaltung in Neustadt war eine Kooperation zwischen Bibliothek und dem Verein Lese-Zeichen.

Antje Vollmer, die für Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag saß und dort von 1994 bis 2005 Vizepräsidentin war, arbeitet seit 2005 als Autorin. In ihrem 2010 erschienenen Buch "Doppelleben Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop" widmet sie sich einem deutschen Einzelschicksal in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Graf von Lehndorff, der 1939 am Angriff auf Polen beteiligt war, erlebte später als Augenzeuge an der Front ein Massaker an der jüdischen Bevölkerung. Henning von Tresckow gewann ihn deshalb für die Verschwörergruppe, die am 20. Juli 1944 am missglückten Attentat auf Adolf Hitler beteiligt war. Der Widerstand, an dem auch Ehefrau Gottliebe teilnahm, formierte sich ausgerechnet in dem Familienwohnsitz, in dem ein Gebäudeteil an 36 Gestapo-Beamte vermietet war. Darin wohnte auch der Außenminister des NS-Reiches, Joachim von Ribbentrop. Das Schloss im heutigen Polen lag nur 14 Kilometer entfernt von der "Wolfsschanze", dem Führerhauptquartier. Heinrich Graf Lehndorff, der am 20. Juli 1944 in Berlin verhaftet und am 4. September vom Volkgerichtshof zum Tode verurteilt wurde, gehört damit zu den herausragenden Persönlichkeiten des deutschen Widerstands gegen Hitler. Dennoch ist sein Name nur wenigen bekannt.

"In der DDR war diese Zeit tabu, im Westen gab es kein Interesse. In der Generation der 68er, zu der auch ich gehöre, interessierte zunächst mehr der sozialistische Widerstand um die Rote Kapelle", sagte Antje Vollmer. Sie wendet sich mit ihrer Doppelbiographie gegen das Vergessen und gegen Vorurteile. "Ich hatte kein Motiv für dieses Buch, aber für mich gab es einen großen Erkenntnisgewinn." Ein Gespräch mit einer der vier Töchter, die in den USA als Künstlerin arbeitete, hatte zu dem Buch geführt. Anhand von Originaldokumenten, Briefen und Zeitzeugen rekonstruierte Vollmer in drei Jahren Arbeit die Geschichte der Familie.

"Die Lesung hat mich sehr ergriffen", sagte Besucher Matthias Josiger. Beeindruckt zeigte sich die Autorin nach der Lesung von der langen und offenen Diskussion. Schon während der Veranstaltung war ihr anzusehen, dass sie sich in den Räumen der Bibliothek wohl fühlte. "Tolle Frau", sagte eine Besucherin.